https://www.faz.net/-hbv-8p4mz

Nur die Ruhe : Warum sich Anleger in schweren Zeiten zurücklehnen sollten

Bild: Getty

Jeder Anleger kennt den Impuls: Wenn die Börsenkurse fallen, will man schnell seine Aktien verkaufen. Doch überstürztes Handeln kann teuer werden.

          Eigentlich ist die Sache ganz einfach: Ausdauer und Geduld zahlen sich in der Geldanlage aus. Wer sich langfristig einer Strategie verschreibt und dieser treu bleibt, erzielt in der Regel eine höhere Rendite als jene, die stets versuchen, den richtigen Zeitpunkt zum Einstieg und Ausstieg am Aktienmarkt zu erwischen. Denn die Wendepunkte in der Kursentwicklung sind selbst von den versiertesten Prognostikern nicht vorherzusagen. Das richtige Timing bleibt Glückssache. Bestes Beispiel dafür ist der mittlerweile ein wenig vergessene amerikanische Ökonom Nouriel Roubini. Vier lange Jahre hat er den Crash prophezeit, bis dieser mit der Finanzkrise 2008 tatsächlich eintrat. Wie viele Kursgewinne sind Roubini wohl entgangen, bis es so weit war? Inzwischen ist es ruhig um den einstigen Starökonomen geworden.

          Inge Kloepfer

          Freie Autorin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Theoretisch kennen viele Anleger heutzutage die Bedeutung von Ausdauer und Geduld bei der Geldanlage, doch sie handeln nicht danach. Wie kann das sein? Häufig macht die Psychologie ihnen einen Strich durch die Rechnung. Der Wirtschafts- und Sozialpsychologe Erik Hölzl von der Universität zu Köln sagt, der Anleger sei häufig von der sogenannten Kontroll-Illusion getrieben. Damit ist gemeint: „Der Anleger glaubt, wenn er handelt, könne er die Entwicklung seines Portfolios mehr beeinflussen, als es tatsächlich der Fall ist.“ Der Anleger kauft und verkauft, disponiert unentwegt, schichtet um und vergisst darüber, dass gerade die kurzfristigen Entwicklungen an den Finanzmärkten vielfach von Zufällen bestimmt sind. „Wer kennt nicht das Gefühl, dass man nur etwas tun muss, damit sich alles zum Besseren wendet?“, fragt Hölzl.

          Dass das ständige Kaufen und Verkaufen tatsächlich die Wertentwicklung des eigenen Portfolios steigert, trifft aber nur in den seltensten Fällen zu. Häufig erreichen die Anleger durch ihren Aktionismus sogar das Gegenteil dessen, was sie eigentlich bezwecken: Die Wertentwicklung verschlechtert sich durch die Handelsgebühren für die vielen Transaktionen enorm.

          Großer Aktionismus ist von Nachteil

          Verstärkt wird die Kontroll-Illusion durch eine weitere Eigenart der menschlichen Selbstwahrnehmung. Eine positive Entwicklung des Portfolios wird üblicherweise auf eigene Entscheidungen zurückgeführt, eine negative Entwicklung hingegen auf die äußeren Umstände. Das alles mündet oft in eine Überschätzung der eigenen Fähigkeiten - keine gute Voraussetzung für kluge Anlageentscheidungen.

          Abgesehen von der Unvorhersehbarkeit der Marktentwicklung, ist allzu großer Aktionismus noch aus einem anderen Grund von Nachteil. „Anleger tendieren dazu, Aktien, deren Kurse steigen, zu früh zu verkaufen, und Aktien, deren Kurse fallen, zu spät“, sagt Wirtschaftspsychologe Hölzl. Dies bestätigen Studien amerikanischer Finanzpsychologen aus den 1980er Jahren, die den Fachbegriff „Dispositionseffekt“ bekannt gemacht haben.

          Eine für die Entwicklung des Portfolios verheerende Erkenntnis lautet: Wenn man Gewinne zu früh einstreicht und verlustreiche Aktien zu spät verkauft, dann wirkt sich das in zweifacher Weise negativ auf die Wertentwicklung aus. Erstens entgehen den Anlegern Gewinne. Und zweitens empfinden sie die Verluste zwar anfangs als belastend, gewöhnen sich dann aber daran und schreiten deswegen viel zu spät ein. Auch das ist ein Streich, den uns unsere Psyche bisweilen spielt.

          Doch nicht nur die eigene Psyche veranlasst Anleger zu ungünstigem Verhalten, auch äußere Anreize spielen eine Rolle. Steuerliche Gründe etwa verleiten häufig dazu, das Portfolio kurz vor Jahresschluss noch einmal zu verändern. Eine Studie des Wissenschaftlers Terrance Odean von der amerikanischen Universität Berkeley hat aber ergeben: Wer bei all den psychologisch verursachten Verzerrungen der Risiko- und Selbstwahrnehmung auch noch versucht, steueroptimiert anzulegen, erzielt erst recht schlechtere Ergebnisse, als wenn er seinen gesamten Aktionismus einfach bleiben ließe. Gar nichts zu machen und einfach abzuwarten wäre in vielen Fällen die bessere Alternative.

          Sich der Fallstricke bewusst werden

          Ist es möglich, ein perfekter Investor zu werden, der nicht in all diese psychologischen Fallen tappt? „Nein“, sagt der Kanadier Hersh Shefrin von der Universität Santa Clara im kalifornischen Silicon Valley, der seit Jahren das Verhalten der Anleger erforscht. Aber man könne versuchen, seine Emotionen zu dämpfen oder sich dabei helfen lassen. Das ist allerdings nicht ganz einfach, denn der Mensch ist darauf trainiert, sich bei vielen Entscheidungen auf bestimmte Impulse zu verlassen.

          Es könne darum hilfreich sein, sich ein paar Regeln für die eigene Geldanlage aufzuschreiben, meint Finanzforscher Shefrin. Am besten solche Regeln, die einen schlicht daran erinnern, ein wenig mehr Geduld aufzubringen, oder die einem zumindest jene Fallstricke, die einem die menschliche Psyche immer wieder spannt, bewusst machen. Entscheidend sei aber, dass der Anleger diese Regeln hin und wieder auch lese.

          Schon die berühmteste Börsenregel des legendären Spekulanten André Kostolany zielte darauf ab, dass Geduld und Ausdauer sich auszahlen. Sie lautet: Wer reich werden will, soll in Aktien investieren, darauf eine Schlaftablette nehmen und frühestens nach zehn Jahren wieder nachsehen, was aus seinem Investment geworden ist. Wer schläft, so die Botschaft, kann sich nicht zu Aktionismus hinreißen lassen.

          Wer abwartet, gewinnt

          Kostolanys Satz klingt abgedroschen, aber für seine Gültigkeit gibt es harte statistische Beweise. Langfristiges Geldanlegen hat sich zumindest in der Vergangenheit so gut wie immer gelohnt. Bei einem Anlagehorizont von mehr als zehn Jahren spielt sogar der Zeitpunkt des Einstiegs in den Aktienmarkt fast keine Rolle mehr. Das zeigt ein Blick auf die Wertenwicklung des wichtigsten deutschen Aktienindex, des Dax. Wer fünf Jahre Geduld aufbrachte, konnte aktuell eine durchschnittliche jährliche Rendite von 13 Prozent erzielen. Die Wahrscheinlichkeit für einen Gewinn betrug innerhalb eines beliebigen Zeitraumes von fünf Jahren beeindruckende 86 Prozent.

          Blickt man nun auf einen beliebigen Zeitraum von zehn Jahren, so betrug die Wahrscheinlichkeit 97 Prozent. Und sobald der Zeitraum 15 Jahre oder mehr umfasste, haben Anleger mit dem Dax bislang stets ein positives Ergebnis erzielt. Dies zeigt ein weiteres Mal: Es ist viel wichtiger, dabeizubleiben, als nach dem richtigen Moment des Ein- oder Ausstiegs zu suchen. Selbst bei Profi-Anlegern macht das richtige Timing laut Studien allerhöchstens 15 Prozent des Anlageerfolges aus.

          Anders gesagt: Der ganze Stress, den wir uns mit der Geldanlage machen, ist überhaupt nicht nötig. Mit bloßem Abwarten kann viel gewonnen werden.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Protest vor der Facebook-Niederlassung auf den Philippinen

          KI-Chef Jérôme Pesenti : Wie viel Hass erkennt Facebook?

          Soziale Netzwerke sollen Schikane im Netz verhindern. Im Interview erklärt Facebooks Leiter für Künstliche Intelligenz, warum das Problem schwer in den Griff zu bekommen ist: Die Technik kann noch zu wenig.
          Amerikas Präsident Donald Trump und sein Justizminister William Barr

          Russland-Affäre : Sicherheitsrisiko Trump

          Justizminister William Barr kann ab jetzt Geheimdienstinformationen freigeben, um zu belegen, dass die Russland-Ermittlung eine „Hexenjagd“ gewesen sein soll. Aus politischen Motiven geht Donald Trump erhebliche Sicherheitsrisiken ein.
          „Spiegel“-Verlagschef Thomas Hass (links), Chefredakteur Steffen Klusmann und Brigitte Fehrle stellen den Bericht vor.

          Der Fall Relotius : Über den Reporter, der immer Glück zu haben schien

          Fünf Monate, nachdem der frühere „Spiegel“-Redakteur Claas Relotius als Fälscher enttarnt wurde, legt das Magazin nun seine Untersuchung des Falls vor. Dabei geht es mit sich und einigen Mitarbeitern hart ins Gericht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.