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Negativzinsen : Rettet die Sparer!

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Noch vor kurzem hätte jeder Ökonom über nominal negative Zinsen gelacht Bild: obs

Negative Zinsen sind das Warnsignal einer kranken Wirtschaft. Es ist Zeit für radikale Lösungen. Ein Gastbeitrag.

          Ein Ökonom hatte es in den 90er Jahren bei Vorträgen schwer, wenn negative Zinsen auch nur als Denkmöglichkeit vorkamen. Bei den großartigen Wachstumsraten der Finanzmärkte muss doch der Zinssatz fürs Ersparte positiv sein, sonst würde ja niemand mehr sparen, hörte man aus dem Publikum. Was soll ein Modell mit negativen Zinsen? Akademischer Unsinn, nur im Elfenbeinturm entstehen solche Theorien. Nun sind real negative Zinsen, also negative Zinsen nach Abzug der Inflationsrate, durchaus mathematisch möglich. Und vieles, was logisch in ökonomischen Modellen möglich ist, wurde und wird empirisch durchaus beobachtet. In den 90er Jahren musste man ein Stück weit in die Geschichte zurückgehen, um die Zuhörer an solche Zeiten zu erinnern. Heute, da real negative Zinsen allgegenwärtig sind, braucht es solche Historie nicht.

          Aber nominal negative Zinsen? Solche Zinsen führen ganz schnell zu Widersprüchen, wenn man davon ausgeht, dass niemand sein Geld freiwillig verbrennt. Die einfachste Form der Arbitrage, also des Gewinns ohne Verlustrisiko, liegt doch dann vor, wenn man jemanden findet, der dumm genug ist, negative Zinsen auf Bargeld zu nehmen. Um es deutlich zu sagen: Es handelt sich um jemanden, der mir heute 100 Euro leiht und morgen nur 90 Euro zurückbekommen möchte. Ich kann mir einfach zehn Euro in die Hosentasche stecken, und da Geldscheine (noch?) haltbar sind, kann ich mir morgen von den zehn Euro etwas kaufen. Selbst bei einer Inflation mache ich so Gewinn. Aber offensichtlich gibt es zurzeit hinreichend viele Investoren und Firmen, die genau ein solch dummes Geschäft mit ihrer Bank abschließen. Sie schenken der Bank Geld.

          Noch vor kurzem hätte jeder Ökonom über nominal negative Zinsen gelacht: So etwas kann es nicht geben, denn wer würde sein Bargeld einer Bank geben, die es ihm wegnimmt? Jemand, der negative Zinsen akzeptiert, handelt ja irrational. Und da solche Dummheit sehr leicht einzusehen ist, kann man durchaus davon ausgehen, dass Anleger verstehen, dass man ihnen Geld wegnimmt. Wir machten es uns also zu einfach, wenn wir die so gern beschworene Irrationalität der Menschen als Ursache negativer Zinsen ansähen.

          Unsere Wirtschaft ist in einem sehr schlechten Zustand

          Erstaunlich ist, wie schnell Argumente in Umlauf kamen, die sich gewissermaßen der normativen Kraft des Faktischen beugen: Negative Zinsen seien eine Gebühr für das Aufbewahren des Geldes in einer unsicheren Zeit. Halten wir dies einmal fest: Offensichtlich ist die Lage dort draußen so gefährlich, dass der brave Bürger eine Gebühr für den Safe der Bank bezahlt. Sieht einer die Räuber dort draußen? Lauern Monster und Zauberer dem braven Bürger auf, um ihm sein mühsam Erspartes zu entreißen? Wo ist die unmittelbare Gefahr für das Bargeld? Und weiter gefragt: Was ist mit den Banken los? Natürlich kann man eine Gebühr für das Aufbewahren von Geld nehmen. Aber: Don’t you know how to make money? Aus Geld macht man mehr Geld, das ist das Geschäft der Banken. Die Profitabilität des Bankgeschäftes ist in allen Zeiten eigentlich groß genug, um die Kosten des Aufbewahrens weit zu übersteigen. Und bei dieser Überlegung nähern wir uns schon eher dem Kern des Problems: Die Banken sehen wirklich keine Möglichkeit mehr, mit Geld Geld zu verdienen. Ein Warnsignal. Unsere Wirtschaft ist in einem sehr schlechten Zustand.

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