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Unerwünschte Kunden : Sparkassen erschweren Geldabheben

Extra-Gebühren am Geldautomaten: Manche Sparkassen zwingen Kunden von Direktbanken, beim Geldabheben besonders viel zu zahlen Bild: dpa

Einige Sparkassen schieben dem Geldabheben mit Kreditkarten der Konkurrenz mit halblegalen Tricks einen Riegel vor. Unter dem Streit leiden vor allem die Kunden.

          Es gibt wenig Ärgerlicheres, als ungewollt irgendwo in der Provinz ohne Geld zu stranden. Meist lässt sich schnell Abhilfe schaffen, da selbst in den ländlichsten Regionen in jedem Dorf ein Geldautomat zu finden ist. Doch Kunden von Direktbanken wie der ING Diba könnten dann ein Problem bekommen. Denn oft kommen sie dann – zumindest kostenlos – nicht mehr an ihr Geld ran. Viele Sparkassen aus dem ländlichen Raum sperren die Visa-Karten der Direktbank-Kunden aus. Das führt dazu, dass diese dann mit ihrer Girokarte Geld abheben müssen. Und dieses ist dann mit Gebühren belastet. Ein Ärgernis für die Kunden und für die Direktbanken.

          Franz Nestler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Besonders Sparkassen im ländlichen Raum würden den Kunden so Steine in den Weg legen, behauptete ING-Diba-Chef Roland Boekhout in einem Gespräch mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Dabei gab es eigentlich ein Urteil des Bundesgerichtshofes, das genau dies untersagte. Damals klagten drei Direktbanken gegen die Sparkasse Ingolstadt. Die Richter untersagten es dem Geldinstitut, die Visa-Kreditkarten anderer Geldinstitute zu sperren. Sie beklagten auch die marktbeherrschende Stellung – die besonders Sparkassen und Volksbanken im ländlichen Raum haben. Außerdem besagen die Visa-Richtlinien, dass jede Bank, die eine Visa-Lizenz besitzt, auch Geld auszahlen muss. Damit schien alles geklärt. Doch das ist es nicht.

          Die Regularien von Visa haben ein Schlupfloch. Denn wo das Visa-Logo prangt, muss man nicht unbedingt Geld am Automaten abholen können. Es reicht schon, wenn man es in der Filiale abheben kann. Doch hier liegt der Haken an der ganzen Geschichte: Denn besonders ländliche Sparkassen haben oft nur an zwei oder drei Tagen in der Woche für nur wenige Stunden geöffnet.

          Beim Sparkassenverband DSGV zeigt man ob der Aussagen von ING-Diba-Chef Boekhout Unverständnis. Überall könne man mit der Girokarte Geld abheben, heißt es vom Sparkassenverband. Das stimmt zwar – aber das ist eben mit Gebühren für die Kunden verbunden.

          Geschäftsmodell der Direktbanken wird in Frage gestellt

          Die Sparkassen sehen trotzdem keine Schuld bei sich. So streitet sich die Sparkasse Olpe-Drolshagen-Wenden seit längerer Zeit mit der ING Diba. Doch Dieter Kohlmeier, Vorstandsvorsitzender der Sparkasse, sieht keine Schuld bei sich und schiebt den Schwarzen Peter weiter: „Durch einige Direktbanken wird die Kreditkarte zur Bargeldversorgung missbraucht“, meint Kohlmeier.

          Missbrauch ist vielleicht das falsche Wort, aber der Vorwurf ist per se nicht falsch. Es geht, wie so oft, ums Geld. Denn für jede Geldabholung mit der Visa-Karte zahlen die Direktbanken 1,74 Euro an Visa, welche dann an die Sparkassen weitergeleitet wird. Doch jede Geldabhebung, die mit der Girokarte erfolgt, lässt sich die Sparkasse Olpe 4,50 Euro kosten – welche dann allerdings der Kunde zahlen muss.

          Für Kohlmeier ist das Aussperren der ING-Diba-Kunden geschäftskonform: „Wenn das nicht mit den Regularien von Visa vereinbar wäre, würden wir es auch nicht machen“, sagt er. Außerdem hat Geld seinen Preis, heißt es beim Sparkassenverband hinter vorgehaltener Hand. Doch diese Praxis ist sowohl für die Sparkassen wie auch für die Kunden ärgerlich.

          Damit steht auch das Geschäftsmodell der Direktbanken auf wackligen Füßen. Denn sie verzichten auf Filialen und so auf viel Personal – und sparen auf diese Weise Kosten ein. Ihr Versprechen ist im Gegenzug: Bei uns funktioniert alles genauso gut wie bei einer Filialbank, auch das Geldabheben. Halt nur ohne Filiale. Wenn das Werbeversprechen dann allerdings nicht mehr stimmt, bekommen die Direktbanken ein Problem. Doch noch läuft das Geschäftsmodell prächtig.

          80 Kreditinstitute arbeiten nicht mit Visa zusammen

          Daher wollen die Sparkassen und Volksbanken den Direktbanken das Leben so schwer wie möglich machen. Diese sind für die Banken eine harte Konkurrenz, das Filialnetz wurde in den vergangenen Jahren deutlich ausgedünnt. Statt knapp 50.000 Filialen, wie noch vor 10 Jahren, sind es heute noch rund 38.000 – Tendenz weiter sinkend. Jährlich gewinnt die ING Diba rund eine halbe Million Kunden, von denen wiederum etwa 250.000 von den Sparkassen kommen. Mit dem Tempo, mit dem die Kunden den Banken davonrennen, ist die Angst der Institute vor den Direktbanken mehr als verständlich. Doch der Streit wird auf dem Rücken der Kunden ausgetragen.

          Daher gehen nicht nur die Direktbanken gerichtlich gegen einige Kreditinstitute vor. Auch das Kartellamt hat bereits Daten zu den Abhebegebühren bei den Sparkassen vor Ort erhoben. Allerdings liegen zu der seit einem Jahr laufenden Untersuchung bislang noch keine Ergebnisse vor, sagte ein Sprecher des Kartellamtes dieser Zeitung.

          Einige Banken haben auch schon ihre Visa-Lizenz zurückgegeben. Dann können sie selbst keine Visa-Karten mehr ausgeben, müssen aber auch nicht Kunden akzeptieren, die mit ihrer Kreditkarte zum Geldabheben kommen. Nach Visa-Angaben arbeiten rund 80 Kreditinstitute nicht mit Visa zusammen.

          Für Kunden der Direktbanken bleibt nur übrig, sich vorher genau zu informieren, wo sie Geld tatsächlich kostenfrei abheben können – oder sich eben vorher genug Bargeld ins Portemonnaie zu packen.

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