https://www.faz.net/-hs7-7hnze

Skepsis gegenüber Bankberatung : Junge Anleger informieren sich online

Für junge Anleger wenig attraktiv: Ein Kundenberatungsgespräch bei der Sparkasse Bild: dpa

Viele junge Anleger treffen ihre Anlageentscheidung ganz ohne Beratung. Sie zweifeln an der Glaubwürdigkeit der Bankberater und informieren sich lieber über das Internet.

          Immer weniger junge Anleger lassen sich in ihrer Bank beraten. Dies geht aus einer Umfrage des Deutschen Instituts für Portfolio-Strategien (DIPS) hervor. Demnach treffen 49 Prozent der Befragten ihre Anlageentscheidungen ganz ohne Beratung. Im Vorjahr waren es nur 23 Prozent gewesen. Im Gegenzug ist der Anteil derjenigen, die sich bei ihrer Hausbank beraten lassen von mehr als 50 Prozent auf 29 Prozent gesunken. Ungefähr jeder Zehnte lässt sich von einem unabhängigen Finanzberater oder von Bekannten beraten.

          Daniel Mohr

          Redakteur der Frankfurter Allgemeinen Woche.

          Die Umfrage der finanzwirtschaftlichen Forschungseinrichtung der FOM Hochschule für Ökonomie & Management in Essen richtet sich vor allem an die rund 21.000 Studierenden an 32 Standorten in Deutschland. Sie ist nicht repräsentativ, gibt aber gute Einblicke in die Sicht von jungen, gut ausgebildeten und gutverdienenden Menschen auf die Anlageberatung. Die Befragten sind im Durchschnitt 26 Jahre alt und verfügen über ein Nettoeinkommen von knapp 2.300 Euro. Das Studium findet berufsbegleitend statt.

          Im „Provisionsdenken“ verhaftet

          Die gestiegene Skepsis gegenüber der Anlageberatung in einer Bankfiliale wird vor allem mit dem hohen Verkaufsdruck der Berater begründet. Das Vertrauen in eine gute Beratung sei deshalb gering. Der Berater sei im „Provisionsdenken“ verhaftet, berate also nicht im Sinne des Kunden, sondern als provisionsmaximierender Verkäufer der Bank. Berater versuchten immer wieder, den Befragten Finanzprodukte zu verkaufen, die sie nicht haben wollten. Außerdem folge die Beratung zu sehr einem vorgegebenen Schema der Bank und nicht den individuellen Kundenbedürfnissen, so die Kritik.

          Die Befragten halten ihr Finanzverständnis zu 88 Prozent für sehr gut, gut oder eher gut. Damit unterscheiden sie sich wesentlich von der Gesamtbevölkerung, die ihr Finanzwissen in Umfragen überwiegend mit eher gering bis sehr gering beschreiben. Die Befragten sind von ihrer Struktur her eine wichtige Zielgruppe der Banken. Sie sind jung, stehen am Anfang ihrer Karriere, verfügen aufgrund ihrer Ausbildung über gute Karriereperspektiven und verdienen schon gut mit zudem guten Verdienstaussichten. Diese Gruppe steht vor wichtigen finanziellen Entscheidungen, ist offen für Altersvorsorgeprodukte und eine langfristige Geldanlage.

          Ein Viertel der Befragten spart mehr als 500 Euro im Monat, ein weiteres Viertel zwischen 300 und 500 Euro und weitere 37 Prozent zwischen 100 und 300 Euro. 40 Prozent investieren monatlich mehr als 100 Euro in ihre Altersvorsorge, 30 Prozent zwischen 50 und 100 Euro. Sie kaufen ihre Finanzprodukte aber immer seltener beim Finanzberater ihrer Hausbank. Mittlerweile 44 Prozent nutzen dazu überwiegend das Internet. Sie informieren sich vor allem auf den Internetseiten des Produktanbieters, aber auch in der Finanz- und Wirtschaftspresse. Das Fernsehen spielt als Informationsquelle ebenso keine Rolle wie soziale Medien wie Facebook. Immerhin 28 Prozent derer, die eine Anlageberatung in einer Bank in Anspruch genommen haben, kaufen ihre Finanzprodukte hinterher im Internet.

          Die vielfach geäußerte Kritik an der provisionsorientierten Beratung in Bankfilialen führt jedoch nicht zu einer nennenswerten Zahlungsbereitschaft für eine Honorarberatung. Nur 38 Prozent der Befragten sind bereit, für eine unabhängige Beratung zu zahlen, mehrheitlich dann, wenn die Vergütung erfolgsabhängig ist. Die Befragten bevorzugen einfache Finanzprodukte ohne Provision. Drei Viertel haben Geld auf einem Tagesgeldkonto. Jeder Zweite hat Aktien und damit wesentlich mehr als in der Gesamtbevölkerung. Hier gibt das Deutsche Aktieninstitut die Aktionärsquote mit 7,5 Prozent der Bevölkerung im Alter von mindestens 14 Jahren an.

          Die Skepsis gegenüber der Anlageberatung in der Bank wächst aber auch unter den Geldanlegern insgesamt. In der jüngsten Umfrage von TNS Infratest im Auftrag der DZ Bank, die für die Geldanleger in Deutschland repräsentativ ist, gaben 22 Prozent an, ihre Finanzentscheidungen völlig allein zu treffen. Im Herbst 2012 waren es nur 18 Prozent, im Frühjahr 2010 nur 17 Prozent. 21 Prozent treffen die Finanzentscheidungen unter geringer Einbeziehung ihres Beraters. Damit nutzt unter allen Anlegern in Deutschland fast die Hälfte eine Anlageberatung kaum oder gar nicht für ihre Anlageentscheidungen.

          Weitere Themen

          Am Ende trifft es die Falschen

          Niedrigzinsen : Am Ende trifft es die Falschen

          Das niedrige Zinsniveau in Europa schade den deutschen Sparern, heißt es. Aber es sind nicht nur die Deutschen, die zu leiden haben. Fondsmanager haben noch eine andere Befürchtung.

          Vorsicht Abzocke!

          Teure Extraleistungen : Vorsicht Abzocke!

          Zahnärzte und Kieferorthopäden verdienen viel Geld mit teuren Extraleistungen neben den Behandlungen. Der medizinische Nutzen ist jedoch kaum belegt. Höchste Zeit, dass sich die Patienten wehren.

          Topmeldungen

          Wehretat unter Druck : Scholz’ Quadratur des Kreises

          Die Bundeswehr soll weniger Geld bekommen als sie benötigt und Deutschland der Nato versprochen hat. Was am stärksten wächst, ist die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit – der Rest ist eine Lüge. Eine Analyse.

          Internes Papier : EU-Kommission lehnt Brexit-Verschiebung über 23. Mai hinaus ab

          Theresa May will eine Verschiebung des Brexits bis zum 30. Juni 2019 beantragen – ohne eine Teilnahme der Briten an der Europawahl. Doch die EU-Kommission hat Vorbehalte, Frankreich droht gar mit einem Veto, und Tusk stellt eine Bedingung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.