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Negative Einlagenzinsen : Sparen wird bestraft

Bild: Bengt Fosshag

Schon bald könnten die Sparer auch noch draufzahlen müssen, wenn sie ihr Geld zur Bank bringen. Ein möglicher negativer Einlagensatz für Banken bei der EZB könnte den Kunden zukünftig negative Sparzinsen bringen.

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          Deutschlands Sparer sind Verdruss gewöhnt – jetzt aber ist eine Steigerung noch möglich. Dass von den Zinsen aufs Ersparte real, also nach Abzug der Inflationsrate, oft ein Verlust bleibt, ist längst gang und gäbe. Doch so langsam macht eine neue Sorge die Runde: Kann es in dieser verrückten Welt, in der seit der Finanzkrise nichts mehr ausgeschlossen erscheint, womöglich passieren, dass die Zinsen aufs Ersparte sogar auch nominal, also auf dem Papier, vor Abzug der Inflationsrate, negativ werden? Dass Sparer also für ihr Erspartes noch an die Bank zahlen müssen?

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Mario Draghi, der Präsident der Europäischen Zentralbank, versuchte in der vergangenen Woche, die Leute zu beruhigen. Auf einer Konferenz in Berlin am Donnerstag begann er seine Rede mit den Worten: „Bitte schließen Sie nicht aus dem, was ich heute sage, auf die Möglichkeit negativer Einlagenzinsen.“ Dabei ist es kein Geheimnis, dass in den Gremien der Notenbank bereits über die Möglichkeit diskutiert wurde, zumindest den Zins, den Banken für ihre Einlagen bei der EZB bekommen, unter null zu senken. Damit soll für Banken ein Anreiz geschaffen werden, ihr Geld lieber als Kredit an Unternehmen zu vergeben, als es bei der Notenbank zu parken.

          Banken bereiten sich auf neuen Umstand vor

          Das wird immer konkreter. Die Nachrichtenagentur Bloomberg berichtete am Mittwoch unter Berufung auf zwei mit den Debatten in der Notenbank vertraute Personen sogar über konkrete Zinssätze: Es hieß, dieser Einlagensatz könnte von derzeit 0,0 Prozent auf minus 0,1 Prozent gesenkt werden.

          Zwar würde die Tatsache, dass die Banken für ihre Einlagen bei der Notenbank negative Zinsen zahlen müssen, nicht automatisch bedeuten, dass sie auch die Sparzinsen für Kunden unter null senken. Hans-Peter Burghof, Banken-Professor in Stuttgart, meint jedoch: „Die Banken werden alles tun, was in ihrer Möglichkeit steht, um die negativen Zinsen, die sie selbst zahlen, an ihre Kunden weiterzugeben.“

          Immerhin bereiten sich die Banken nach Informationen dieser Zeitung bereits auf die negativen Zinsen vor. Der Sprecher eines Kreditinstituts in Frankfurt sagte, die IT-Experten machten die Computersysteme gerade fit für negative Zinsen. Es gebe ähnliche Projekte wie damals beim Jahr-2000-Problem, auch „Millennium-Bug“ genannt. Damals mussten viele Computer umgestellt werden, weil Datumsangaben bis dahin nur zweistellig gespeichert wurden und das beim Überschreiten der Jahrtausend-Grenze für Pannen gesorgt hätte.

          „Eonia“ dicht an der Null-Grenze

          Jetzt ist zumindest unklar, ob es zu Rechenfehlern kommen kann, wenn bei Computerprogrammen nicht vorgesehen ist, dass Variablen, die für Zinsen stehen, ein negatives Vorzeichen bekommen.

          Konkret befürchtet wird das für den sehr kurzfristigen Zins, im Bankerdeutsch „Eonia“ genannt. Dieser Zins bemisst sich daran, zu welchem Preis Banken sich über Nacht untereinander Geld leihen. An ihm orientieren sich aber auch kurzfristige unbesicherte Geldmarktgeschäfte und Zinsen für Einlagen, die Firmen bei Banken über Nacht parken. Der Eonia hatte früher fast sechs Prozent betragen, lag aber in letzter Zeit sehr dicht an der Null-Grenze.

          Kurzfristige Zinsen sinken fast auf Null

          Während einige Banken sich jetzt offenbar mit Hochdruck um das Problem kümmern, hatten andere die Entwicklung schon früher kommen gesehen. Bei der Commerzbank beispielsweise heißt es: „Wir haben bereits im vergangenen Jahr die notwendigen Anpassungen vorgenommen, um auch negative Zinsen in unseren Handels- und Treasurysystemen, aber auch in den Risiko- und Finanzanwendungen bearbeiten zu können. Die Commerzbank ist also für die Verarbeitung von negativen Zinsen umfassend vorbereitet.“ So beruhigend das für die Bank sein mag – so beunruhigend klingt es für Sparer.

          Negative Zinsen bei Tagesgeld- und Girokonten möglich

          Welche Zinsen kann das betreffen? Und wie kann man reagieren? Bankenprofessor Burghof meint: „Dass die Zinsen für Kredite an Unternehmen und Private negativ werden, ist sehr unwahrscheinlich. Die Banken nähmen dabei einen Risikoaufschlag – und wollen auch noch eine Marge daran verdienen. „Daran ändert sich nichts.“

          Was aber ist mit Tagesgeldkonten? Traditionell war es Lehre der Ökonomen, dass diese Zinsen nominal nicht negativ werden können, weil die Leute sonst das Geld abheben und in bar halten. „Das muss aber nicht stimmen, wenn die Zinsen nur begrenzte Zeit unter null sinken und die Kosten der Bargeldhaltung ja auch nicht null sind“, sagt Burghof. Wer große Mengen Bargeld zu Hause lagere, brauche schließlich einen Tresor. Wer Bargeld in einem Bankschließfach deponiere, müsse dafür Gebühren zahlen. Und auch schon beim Abheben am Geldautomaten können unter Umständen Gebühren fällig werden – außerdem kostet das den Bankkunden Zeit und Mühe. „Die Menschen werden vergleichen, ob es sich lohnt, wegen kurzzeitig leicht negativer Zinsen das Geld abzuheben oder nicht.“

          Auch für Girokonten stellt sich im Prinzip die Frage, ob die Banken darauf negative Zinsen erheben können. Zum Teil kosten Girokonten ja Gebühren, über die Banken ihre eigenen Kosten durch negative Zinsen an die Kunden weiterreichen könnten. Tun sie dies nicht und sind die Zinsen auf Spareinlagen negativ, würden noch mehr Menschen Geld auf Girokonten horten.

          „Die Situation in der Schweiz war und ist eine besondere“

          Immerhin gibt es Erfahrungen mit negativen Zinsen auf Spareinlagen aus der Schweiz. Dort haben Leute tatsächlich Geld auf Festgeldkonten deponiert, bei denen es einen Negativzins von 0,1 Prozent gab. Wer 10000 Franken für ein Jahr anlegte, musste eine Gebühr von zehn Franken zahlen. Am Ende der Laufzeit gab es statt 10000 nur noch 9990 Franken zurück. Nicht viel anders war es auf dem Höhepunkt der Euro-Krise mit Staatsanleihen verschiedener sicherer Länder, bei denen Anleger am Schluss auch weniger zurückbekamen, als sie gezahlt hatten.

          „Die Situation in der Schweiz war und ist aber eine besondere“, sagt Burghof. Das Motiv der Sparer, dort negative Zinsen in Kauf zu nehmen, sei der Fluchtgedanke: Sei es, dass es sich um Schwarzgeld handelte, das man nicht gut zurückholen konnte – sei es, dass die Leute Angst vor dem Zusammenbruch des Euro und der Banken in der Eurozone hatten, und deshalb Geld in die Schweiz brachten. Beide Motive entfielen bei negativen Zinsen in Deutschland.

          Auch Dänemark hat Erfahrungen mit negativen Zinsen gesammelt – allerdings mit negativen Leitzinsen der Notenbank. Dort reagierte man darauf, dass viel Kapital aus der verunsicherten Eurozone nach Dänemark strömte und die dänische Krone unter Aufwertungsdruck brachte. Das wollte die Notenbank verhindern, um dänische Exporte nicht zu teuer zu machen. Deshalb wurde der Zinssatz für Einlagen der Banken bei der Notenbank auf minus 0,2, dann auf minus 0,1 Prozent gesetzt. Aus dänischer Sicht ging die Rechnung auf: Der Aufwertungsdruck auf die dänische Krone nahm ab. Negative Sparzinsen für Kunden resultierten daraus nicht – allerdings hoben die Banken an der einen oder anderen Stelle die Gebühren an.

          Viel grundsätzlicher wird mittlerweile unter Ökonomen diskutiert, ob es womöglich nicht die Notenbankpolitik, sondern die weltweite Flut an Ersparnissen ist, die den Realzins, also die Rendite von Geldanlagen und Investitionen, strukturell ins Negative treibt. Anlass für die Debatte war eine spektakuläre Rede des früheren amerikanischen Finanzministers Larry Summers.

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