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Klaus Nieding im Porträt : Der Jäger des verlorenen Schatzes

Nennt sich gern „Anlegerschützer“: der Anwalt und Jäger Klaus Nieding Bild: Eilmes, Wolfgang

Klaus Nieding ist der bekannteste Anlegeranwalt der Republik: Bei jedem Finanzskandal ist er zur Stelle. Dahinter steht ein cleveres Geschäftsmodell.

          Acht Minuten Redezeit, mehr nicht. Jede Geste muss da sitzen, jedes Wort. Manch einem würde es nun angst und bange werden, Klaus Nieding aber genießt es: das Adrenalin, das ihm in solchen Momenten mit Wucht in den Körper schießt. Die Blicke, die von allen Seiten auf ihn gerichtet sind. Und natürlich, wenn alles gut läuft, den Applaus.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Der Mann liebt die ganz große Bühne und jedes Jahr in den ersten Maiwochen wird sie ihm geboten. Dann nämlich rufen die Dax-Unternehmen ihre Aktionäre zu den Hauptversammlungen zusammen, und ob es nun der Gesundheitskonzern Merck, die Deutsche Börse oder die Deutsche Bank sind: Einer ist nahezu immer dabei, gut plaziert in einer der vorderen Reihen - Klaus Nieding, Fachanwalt für Bank- und Kapitalmarktrecht aus Frankfurt am Main und Vizepräsident der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW).

          Er mag die Rolle des Anwalts der Betrogenen

          Es sind vor allem Privatanleger, die ihm über die DSW die Vollmacht erteilen, hier in ihrem Namen zu sprechen und ihr Stimmrecht auszuüben. Denn Nieding hat sich einen Ruf erarbeitet: Er gilt als profiliertester Anlegeranwalt der Republik, er selbst sagt auch gern „Anlegerschützer“. Darum kommt niemand an ihm vorbei, wenn die Hauptversammlung an den Punkt gelangt, an dem die Aktionäre den Vorstand mit Fragen löchern dürfen - vertritt der Anwalt doch oft mehrere Prozent der Stimmrechte. Mehr Redezeit sichert ihm das zwar nicht (nur acht Minuten sind beispielsweise bei der Deutschen Bank maximal drin), aber Nieding nutzt die Minuten so gut, wie kaum ein anderer - zu harten Worten, wenn der Vorstand aus seiner Sicht nicht geliefert hat. Und auch mal zu Lob, wenn er es für angebracht hält. Rund 30 Hauptversammlungen im Jahr mischt der Anwalt auf diese Weise auf, er selbst sagt: „Ich spreche gerne vor Menschen. Und ich setze mich gerne für sie ein.“

          Es ist diese Rolle, in der er sich am liebsten sieht: als Verteidiger der kleinen Leute gegen die mächtigen Firmenbosse da oben. Und als Anwalt der Betrogenen, deren Geld er vor Gericht zurückzuholen sucht. Kein Anlageskandal der vergangenen Jahre, bei dem Nieding und seine Frankfurter Kanzlei nicht zur Stelle gewesen wären - angefangen bei lange zurückliegenden Betrugsfällen der 90er Jahre wie dem European Kings Club über die Pleite des Phoenix Kapitaldienstes 2005 bis hin zu den aktuellen Querelen um den Windkraftfinanzierer Prokon. Anleger mit einer Schadenssumme von mehr als acht Milliarden Euro haben er und seine Mitarbeiter in all dieser Zeit vertreten, ein gehöriger Batzen Geld. Und sich dabei auch stets als Kämpfer für die gerechte Sache gefühlt wie der Chef gern voller Eigenlob kundtut: „Es ist schön, auf der richtigen Seite zu stehen und für Waffengleichheit zwischen den Anlegern und der Finanzindustrie zu sorgen.“

          Doch tut er das wirklich? Nieding weiß, wie man eine Geschichte schmissig präsentiert, bei seinen akribisch vorbereiteten Auftritten auf den Hauptversammlungen endet er häufig mit überraschenden Schlussgags. Auch die Geschichte seiner Kanzlei vermag er darum so zu erzählen, dass die eigene Arbeit in hellstem Licht erstrahlt. Wahr ist: Mit wem man auch spricht - alle bescheinigen dem Anwalt, seine Mandanten stets exzellent zu vertreten. Wahr ist aber auch: Nieding tut dies nicht aus reiner Menschenfreundlichkeit, sondern hat unter dem Label des Anlegerschutzes ein perfekt funktionierendes Geschäftsmodell entwickelt.

          Hinter dem Erfolg steht ein geniales Marketingkonzept

          Dazu, das hat der Anwalt gleich zu Beginn seiner Karriere Anfang der 90er Jahre erkannt, ist vor allem eines wichtig - sich in der Öffentlichkeit Gehör zu verschaffen. Damals war der Kampf für betrogene Anleger noch ein Nischending, für das Juristen nur wenig Aufmerksamkeit übrighatten. Doch Nieding sah früh die Chancen, die darin steckten: Treibt doch seiner Meinung nach die Aussicht auf hohe Renditen die Menschen stets aufs Neue in die Arme von Betrügern - für Juristen eine bombensichere Geschäftsgrundlage. „So traurig es ist: Anleger machen dieselben strukturellen Fehler immer wieder - sie schließen in der Hoffnung auf gute Gewinne oft unter Zeitdruck Kapitalgeschäfte ab, die sich bei näherem Hinsehen als komplett unseriös herausstellen.“

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