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Finanzkrise : Darum geht es im Prozess um die Hypo Real Estate

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Hypo Real Estate: Wieder im Blick der Öffentlichkeit - wie einst 2008 Bild: dpa

Mehr als fünf Jahre nach der Notrettung der Immobilienbank Hypo Real Estate (HRE) beginnt in München ein Musterprozess um Schadenersatz. Im Erfolgsfall zahlt der Steuerzahler.

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          Als Ende September 2008 die Bundesregierung sich entschloss, die Immobilienbank Hypo Real Estate unter Einsatz von Steuermitteln vor der Insolvenz zu bewahren, war in Deutschland die Finanzkrise endgültig angekommen. Die Aktionäre der Bank atmeten zunächst auf, drohte ihnen doch der Totalverlust ihres Geldes.

          Der kam allerdings dann mehr oder weniger hinterher, nachdem der Bund die Bank fast vollständig verstaatlichte und gut ein Jahr später eine Abfindung der verbliebenen Aktionäre mit 1,30 Euro je Aktie beschloss. Selbst vor der Fast-Pleite 2008 hatte die Aktie noch mehr als das Zwölffache gekostet.

          Ehemalige Aktionäre der Bank werfen dieser nun vor, zu spät auf ihre Probleme hingewiesen zu haben. Am 15. Januar 2008 hatte der Konzern in einer Pflichtmitteilung Abschreibungen von 295 Millionen Euro bekanntgegeben und die Dividende gekürzt. Innerhalb eines Tages brach der Kurs um 30 Prozent ein und fiel danach weiter. Schon damals wurden Schadenersatzklagen eingereicht. Bis zum August summierten sich die Wertberichtigungen auf 850 Millionen Euro.

          Nach Ansicht der ehemaligen Aktionäre hat das Management um den damaligen Chef Georg Funke schon vor Weihnachten 2007 von den Problemen gewusst, die Öffentlichkeit aber nicht informiert. Die Hypo Real Estate als Beklagte sieht das anders. „Nach Überzeugung der HRE war die Kommunikation zu jedem Zeitpunkt angemessen. Diese Position werden wir vor Gericht vertreten“, sagte ein Sprecher.

          Solides Unternehmen oder Bad Bank?

          Noch im November 2007 bezifferte Finanzvorstand Markus Fell die Abschreibungen im Zusammenhang mit der Finanzkrise im dritten Quartal auf 4 Millionen. „Ich bin kein Prophet, aber wir sind extrem gelassen“, antwortete er damals auf die Frage nach möglichen weiteren Belastungen. Darauf hatten sich Anleger bei einem Aktienkurs von gut 45 Euro verlassen.

          Die Hypo Real Estate galt ja als solides Unternehmen. Die Aktie war im Dax notiert und bei einem Finanzierer großer Immobilienprojekte weltweit könnte nichts schief gehen, dachte man. In den Abgrund riss die HRE allerdings die Übernahme der in Irland ansässigen Depfa im Jahr 2007. Diese hatte Geld langfristig für Infrastrukturprojekte verliehen und sich extrem kurzfristig refinanziert. Nach der Lehman-Pleite ging diese Rechnung nicht mehr auf und sie kam nicht mehr an Geld: Es fehlten plötzlich 35 Milliarden Euro.

          Einige Aktionäre werden sich heute vielleicht aus anderen gründen sagen, sie hätten es ja wissen können. Die Depfa hatte sich im Jahr 2002 in zwei Institute aufgespalten und ihre ganzen schlechten Immobilienkredite der aus ihr hervorgegangenen Aareal Bank aufgehalst, die damit jahrelang zu kämpfen hatte. Die Hypo Real Estate ihrerseits war eine Abspaltung der Hypovereinsbank, die seinerzeit eine Vielzahl schlechter Immobilienkredite in diese auslagerte.

          Bindender Musterprozess

          Ein Musterprozess wird nun deswegen geführt, weil die unzähligen am Landgericht München anhängigen Schadenersatzklagen nicht einzeln verhandelt werden sollen. Die anderen Verfahren liegen solange auf Eis. „Ist das Musterverfahren abgeschlossen, ist die Feststellung, die allen gemeinsam ist, bindend für alle Verfahren“, sagt Gerichtssprecherin Inga Hansen. „Der Prozess ist deshalb richtungsweisend“, sagt Anwältin Daniela Bergdolt, die zahlreiche HRE-Anleger in anderen Verfahren vertritt. Grundlage für das Musterfahren ist das „Kapitalanleger-Musterverfahrensgesetz“.

          Der früherer Vorstandsvorsitzende Georg Funke soll im Verfahren vernommen werden und ist für Donnerstag geladen. Der Manager war nach dem Desaster nach Mallorca gezogen und handelt dort mit Ferienimmobilien. Der Gerichtstermin wäre sein erster öffentlicher Auftritt in Deutschland seit der Krise. In Interviews wehrte er sich aus der Ferne gegen den Vorwurf, verantwortlich zu sein. „Mir wird Unsinniges und Falsches unterstellt“, ließ er über die „Bild-Zeitung“ wissen. Ein Neustart in Deutschland sei ihm deshalb nicht mehr möglich. „Ich werde als schlimmster Gier-Banker, Zocker und Pleitier beschimpft.“

          Musterkläger ist der Jurist Christian Wefers aus Nordrhein-Westfalen, der für mehrere Kapitalanlagefonds aus Deutschland und anderen Ländern auftritt. Rund 90 Häuser haben ihre Ansprüche von insgesamt rund 900 Millionen Euro an ihn abgetreten. Dieses Geld plus Zinsen wollen sie zurück. Damit geht es inzwischen um eine Summe von mehr als einer Milliarde Euro. Wefers wird vor Gericht von dem Anwalt Andreas Tilp vertreten, der auf derartige Prozesse spezialisiert ist.

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