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Branche im Umbruch : Deutsche Filialbanken verlieren im Privatkundengeschäft

  • Aktualisiert am

Auch Banking wird immer mobiler Bild: dpa/picture-alliance

Den deutschen Banken droht das Privatkundengeschäft aus der Hand zu rutschen. Ihre Filialen werden immer weniger gebraucht, kosten aber Geld. Zudem droht Konkurrenz von großen Internet-Konzernen.

          Die deutschen Banken scheinen immer noch nicht recht begriffen zu haben, dass sich die Art und Weise, wie Kunden ihre Bankgeschäfte betreiben, massiv verändert. Sie drohen im Privatkundengeschäft an den Rand gedrängt zu werden. Markus Schmaus, Analyst für Banken-Ratings bei der Rating-Agentur Standard & Poor’s, skizziert in einem Kommentar Bedrohungen.

          So hätten die Banken ihre Infrastruktur noch nicht ausreichend an den Trend zum Online-Banking, vor allem zum mobilen Banking, angepasst. Zwar sei die Zahl der Filialen seit 1995 um 47 Prozent gesunken. Aber schon jetzt könnten viele Dienstleistungen online abgewickelt werden und somit nur noch ein verschwindend geringer Teil aller Kundenansprachen in einer Filiale stattfinden.

          Noch im Jahr 2000 seien rund 70 Prozent der Kundenkontakte der Unicredit-Bank in der Filiale erfolgt. Für 2015 geht die Bank davon aus, dass nur noch 5 Prozent der Kunden direkt kontaktiert werden.

          Es stellt sich also die Frage, ob nicht immer noch zu viel teure Infrastruktur in Form von Filialen vorgehalten werde Dies binde Mittel, die bei der Erweiterung alternativer Vertriebswege fehlten.

          Das deutsche Privatkundengeschäft weise im europäischen Vergleich niedrige Margen und auf. Die Deutsche Bank erreiche rund 24 Millionen Privatkunden mit Einlagen von 433 Milliarden Euro (Ende 2012) nicht zuletzt über rund 2800 inländische Filialen. Die ING Diba habe mittlerweile gut 8 Millionen Privatkunden mit Einlagen von mehr als 100 Milliarden Euro ohne Filialunterstützung. Eine Bank ohne Filialen stehe damit auf der Kostenseite wesentlich besser da als eine Filialbank.

          Dies gelte auch dann, wenn Kunden von Online-Banken auch Leistungen anderer deutscher Banken in Anspruch nähmen. Vielen aber genüge die „Filiale im Netz“. Die Loyalität zur Hausbank habe massiv nachgelassen – eine Bank für alle Finanzgeschäfte gebe es immer seltener. Zudem könnten auch  komplexe Bankgeschäfte wie Baufinanzierungen, online abgewickelt werden.

          Banking in der Tasche oder Banken in der Tasche

          Daher könne eine sich verschlechternde Wirtschaftslage in Deutschland deutlich negativ auf die Banken auswirken. Der starke Wettbewerb mit effizienteren ausländischen oder reinen Online-Banken sei eine wesentliche Schwäche der deutschen Banken. Der Kostendruck auf die klassischen Filialbanken werde weiter zunehmen. Da sich die Erträge im Privatkundengeschäft auf absehbare Zeit wohl nicht wesentlich erhöhen ließen, seien die Banken gezwungen das Filialgeschäft weiter abzubauen.

          Auch wenn deutsche Finanzinstitute die Veränderungen ernst nähmen, so werde sich das Tempo des Strukturwandels nochmals merklich erhöhen. Entweder könnten Kunden die Bankfiliale der Zukunft auch „in die Tasche stecken“ oder etablierte Banken würden von Wettbewerbern aus dem Netz in dieselbe gesteckt.

          Konkurrenz von Paypal, Google oder Facebook

          Gefahr drohe besonders im Internet überdies von neuen Akteuren. Unternehmen wie Google, Ebay und Amazon könnten den etablierten Banken schneller als erwartet Konkurrenz machen. Dabei seien sie besser aufgestellt, weil viele deutsche und europäische Banken noch mit den Auswirkungen der letzten Rezession und der zunehmend strengeren Regulierung zu kämpfen hätten.

          Zwar sei die „Google Wallet“, mit der man in den Vereinigten Staaten per Mobiltelefon bezahlen kann, bisher wenig erfolgreich. Doch oft sei schon über eine „Google Bank“ spekuliert worden und in den Niederlanden verfüge das Unternehmen schon über eine Banklizenz inklusive der Möglichkeit zur Bereitstellung von Onlinekonten. Ein neuer ernstzunehmender Konkurrent könnte somit relativ schnell entstehen. Langfristig dürften Technologieunternehmen ein starkes Interesse an einer Vertiefung ihrer Wertschöpfungskette im Finanzdienstleistungsbereich haben – zulasten der etablierten Banken.

          Paypal, Teil des Ebay-Konzerns, hat in Deutschland nach eigenen Angaben über etwa 12 Millionen aktive Nutzer. Schon seit 2007 verfügt das Unternehmen über eine europäische Banklizenz. Amazon verfüge über einen sehr großen Datenstamm, ein Wettbewerbsvorteil gegenüber Banken, die sich ungleich schwerer täten, insbesondere von potentiellen Neukunden Kundenprofile zu generieren und zu analysieren. Dass das Interesse bei großen Internet-Firmen vorhanden ist, zeigt auch, dass Facebook offenbar Überweisungen anbieten will.

          Möglicherweise werde es künftig Gemeinschaftsunternehmen geben. Google kooperierte bei „Google Wallet“ mit der Citigroup und dem Mobilfunkbetreiber Sprint. Auch hier müssten Banken Umsatze und Gewinn in klassischen Geschäftsfeldern teilen. Auch wenn Banken die Zeichen der Zeit erkannt hätten, sei fraglich, ob sie ähnliche Innovationsfreude wie der IT-Sektor aufbrächten. Doch falls sie keine bequemen Lösungen anbieten könnten, drohe ihnen eine Kundenabwanderung zu IT-Unternehmen.

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