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Mobile Dienste : Vom Sparerclub zum Handy-Banking

Mobil auf der Straße und im Netz: Bankgeschäfte werden in Afrika immer häufiger mit dem Handy erledigt. Bild: Jens Schwarz/laif

Eine Studie prophezeit mobilen Finanzdienstleistungen in Afrika ein hohes Wachstumspotential. Das funktioniert in einzelnen Ländern, aber nicht überall.

          Lettitia Mjakada trägt ihr Handy immer bei sich. Whats-app oder SMS sind keine Fremdwörter für die südafrikanische Haushälterin. Geld aber per Handy an weit entfernte Verwandte überweisen oder ihr mühsam Erspartes mit ein paar Tastenklicks verwalten? „Lieber nicht“, schüttelt die zweifache Großmutter den Kopf, „wer weiß, ob das Geld nicht plötzlich verschwindet.“ Mjakada bringt ihr Geld lieber alle paar Monate zu einem informellen Sparerclub. Dort legen alle zusammen, damit sich jeweils einer von ihnen eine größere Anschaffung leisten kann.

          Claudia Bröll

          Freie Autorin für die Wirtschaft in Südafrika.

          Wegen des Mangels an Festnetzanschlüssen hat der Mobilfunk in Afrika eine rasante Erfolgsgeschichte erlebt. 2013 hatten fast zwei Drittel der Haushalte in Afrika südlich der Sahara laut einer Umfrage mindestens ein Mobiltelefon, in den Städten waren es sogar 80 Prozent. Das Bankenwesen jedoch bedient weiterhin vorrangig eine bessergestellte Elite. Trotz eines kräftigen Wirtschaftswachstums in den vergangenen Jahren besitzen drei von vier Afrikanern bis heute kein Bankkonto.

          Gebühreneinnahmen von bis zu 1,5 Milliarden möglich

          Mit steigendem Einkommen würden sich die Menschen damit aber nicht mehr zufriedengeben, prophezeit die Beratungsgesellschaft Boston Consulting Group (BCG) in einer Studie. Der Nutzen von Finanzdienstleistungen über das Mobiltelefon liege somit auf der Hand.

          Der Internet-Bezahldienst PayPal: Auch in Afrika sollen mobile Finanzdienstleistungen an Boden gewinnen.

          „Die Frage lautet nicht, ob es eine Geschäftsmöglichkeit für Banken und Mobilfunkunternehmen gibt, sondern, wie diese realisiert werden kann.“ Die Berater halten Gebühreneinnahmen von bis zu 1,5 Milliarden Dollar bis 2019 für möglich – obwohl die Kaufkraft der afrikanischen Bevölkerung im Durchschnitt immer noch deutlich geringer ist als etwa in Asien. „Eine Bank oder ein Mobilfunkunternehmen, das hier nicht aktiv ist, geht das Risiko ein, irrelevant zu werden.“

          Bisher nutzten die Vorreiter in Afrika ihr Handy, um Rechnungen zu bezahlen oder Geld zu überweisen. Langfristig aber könnten die Telefone auch zum Sparen dienen oder den Zugang zu Mikrokrediten, Hypotheken und Versicherungen ermöglichen. Zu den Profiteuren gehörten auch Konsumgüterhersteller und der Handel, der heute noch mit riesigen Mengen von Bargeld hantieren muss.

          Mobile Finanzdienstleistungen werden in Afrika gern genutzt

          Einer Hochrechnung zufolge werden bis 2019 rund 250 Millionen Afrikaner mit einem Mindesteinkommen von 500 Dollar ein Handy besitzen, aber kein traditionelles Bankkonto. Anders als in entwickelten Ländern seien mobile Finanzdienstleistungen in Afrika nicht nur ein zusätzlicher Service für Bankkunden. Für viele böten sie die Chance, erstmals überhaupt mit Banken in Berührung zu kommen.

          Die App eines mobilen Finanzdienstleisters in Aktion: Der große mobile Markt in Afrika ist auch auf fehlende Festnetzanschlüsse zurückzuführen.

          Die Idee ist nicht neu. Acht der zehn Länder mit den aktivsten Nutzern von mobilen Finanzdienstleistungen befinden sich in Afrika. Als Erfolgsmodell gilt M-Pesa, ein von den Mobilfunkern Vodafone und Safaricom in Kenia betriebener Geldtransfer-Service, der sogar von der Regierung zur Überweisung von Sozialleistungen genutzt wird. In Südafrika investierten die Großbanken bereits große Summen in Mobile-Banking-Lösungen verschiedenster Art.

          Die südafrikanische Bank FNB beispielsweise denkt darüber nach, eine Mobilfunklizenz zu erwerben. „Wir wollen uns nicht in der gleichen Situation wie Nokia oder Blackberry befinden und zusehen, wie wir von anderen abhängt werden“, sagt FNB-Chef Sizwe Nxasana. Aus Sicht der Berater aber befinde man sich immer noch am Anfang einer neuen Ära. „Wie in anderen neuen Märkten mit großem Potential raufen sich viele kleine Anbieter um einen noch relativ kleinen Kuchen. Mit großer Wahrscheinlichkeit werden nur wenige von ihnen überleben.“

          Hoffnung liegt auf der jüngeren, bessergestellten Generation

          Was sich in einem Land bewährt hat, kann jedoch nicht direkt auf andere Länder übertragen werden. M-Pesa beispielsweise hat es bisher nicht geschafft, in Südafrika Fuß zu fassen. Anders als in Kenia fehlt dort die Unterstützung von der Regierung, außerdem gelten strikte Regulierungen der Notenbank für Finanzdienstleistungen. Die Folgen sind weitaus höhere Transaktionskosten und mehr Bürokratie – in einem Markt, in dem Mobilfunker viele ihrer Kunden gar nicht kennen, weil sich diese ihre Gesprächsminuten vorab ohne Vertrag erwerben.

          Grundsätzlich halten die Berater daher Kooperationen zwischen Banken und Mobilfunkern für nahezu unverzichtbar. „Weder Banken noch Mobilfunkunternehmen haben alle Voraussetzungen, um allein erfolgreich zu sein.“ Die Unternehmen sollten gemeinsam eine kostengünstige, anpassungsfähige, mit den Regulierungen konforme Infrastruktur aufbauen, die auch Geldtransfers in die Systeme der Konkurrenz erlaube.

          Bisher seien die Bezahlsysteme der Mobilfunker nicht flexibel genug, die Systeme der Banken seien zu teuer. Auch müsse ein weitgespanntes Netz von Anlaufstellen bis in die entlegenen Ecken des Kontinents entstehen, damit Kunden Verträge abschließen und Geld einzahlen können. Ein wichtiger Aspekt sei die Sicherheit der Transaktionen und des Datenaustauschs, um die weitverbreitete Angst vor Betrügereien zu nehmen. Zusätzlich dürften die Produkte nicht zu kompliziert sein und müssten auch die individuellen Wünsche einer ärmeren Klientel berücksichtigen.

          Potentielle Kunden wie Mjakada lassen sich wohl kaum überzeugen, ihr Geld nicht mehr in Sparerclubs zu tragen oder unter der Matratze zu horten. Die Hoffnung aber liegt auf der jüngeren, bessergestellten Generation. „All dies kann nicht in ein paar Wochen aufgebaut werden“, geben die Autoren zu. Der Markt müsse sich erst noch formen, aber zweifellos würden mobile Finanzdienstleistungen in Afrika in absehbarer Zeit eine herausragende Rolle spielen.

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