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Geld anlegen : Mehr Gefühl, bitte!

Wer seine Emotionen bei der eigenen Anlagestrategie nicht berücksichtigt, verliert Geld. Bild: Getty

Wer streng rational handelt, macht mehr aus seinem Geld, heißt es immer. Stimmt nicht! Lust und Leidenschaft tun dem eigenen Portfolio gut. Vorausgesetzt, man hat eine Strategie.

          5 Min.

          Manchmal reicht es, die Fernsehnachrichten zu schauen – und schon ist das Unbehagen da. Jeder erfahrene „Tagesschau“-Zuschauer weiß, dass kurz vor Ende der Sendung stets im staatstragenden Ton die Börsendaten verlesen werden: „Der Dax beendete die abgelaufene Handelswoche auf dem Stand von 10104 Punkten“, hieß es da beispielsweise am vergangenen Freitag. „Das ist auf Wochensicht ein Minus von 0,3 Prozent. Und jetzt die Wetteraussichten.“

          Dennis Kremer
          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Nicht wenigen Anlegern aber dürfte in einem solchen Moment ein recht unangenehmer Gedanke durch den Kopf schießen: Verdammt, der Dax ist im Minus! Nun sind 0,3 Prozent nun wirklich nicht die Welt. Aber wenn die Verluste höher ausfallen (was in den vergangenen Wochen nun wahrlich öfters vorkam), schießt einem häufig ein zweiter Gedanken in den Kopf: Wäre es nicht besser, jetzt alles zu verkaufen?

          „Noise“ (zu Deutsch: Lärm) nennen Finanzmarktforscher dieses Phänomen, das uns alle so nervös macht. Den ständig neuen Nachrichten, die tagtäglich an der Börse auf uns einströmen, kann sich kaum jemand völlig entziehen. Dabei, das haben zahlreiche Studien gezeigt, wäre es eigentlich das Beste für das eigene Depot, cool zu bleiben, und nicht dauernd auf die Kursveränderungen zu starren. Aber wer kann das schon?

          All die gutgemeinten Ratschläge, beim Investieren die eigenen Emotionen so weit es geht auszuschalten, erzeugen darum am Ende häufig nur ein schlechtes Gewissen. Darum macht es soviel Spaß, mit Thorsten Hens zu reden. Der Verhaltensökonom der Universität Zürich zählt zu den profiliertesten Vertretern seines Fachs, verfolgt aber einen Ansatz, der sich von anderen Forschern deutlich unterscheidet.

          „Der Strategie treu bleiben“

          Vereinfacht gesagt, lautet sein Ratschlag für sinnvolles Investieren: Anleger, steht zu euren Gefühlen! Was so romantisch klingt, hat für Hens einen knallharten Grund. Wer seine Emotionen bei der eigenen Anlagestrategie nicht berücksichtigt, verliert Geld. Aber mindestens genauso wichtig ist: Auf diese Weise macht das Anlegen gleich viel mehr Spaß!

          Nun streitet Hens nicht ab, dass Gefühle bei der Geldanlage zunächst einmal hinderlich sein können. Denn an der Börse werden vor allen Dingen zwei menschliche Emotionen in voller Stärke sichtbar: Angst – also mit anderen Worten das völlige Unterschätzen einer Gewinnchance. Und Lust – das völlige Überschätzen einer Gewinnchance. So wichtig Angst und Lust seit Anbeginn der Zeiten waren, um das menschliche Überleben zu sichern, so wenig helfen sie an der Börse auf den ersten Blick weiter.

          Das Argument des Professors ist denn auch ein anderes. Aus zahlreichen praktischen Untersuchungen mit unterschiedlichsten Anlegern hat er vor allem eine Erkenntnis gewonnen: „Bei der Geldanlage hängt sehr viel davon ab, dass man einer einmal gewählten Strategie auch wirklich treu bleibt. Dies kann aber nur gelingen, wenn die Strategie zu einem selbst passt, man also einen Investitionsstil verfolgt, den man richtig findet und der Spaß macht.“ Nun gibt es natürlich keine für jedermann einheitliche Strategie: Es gibt Anleger, die sich wohl dabei fühlen, Aktien weltweit bekannter Unternehmen wie Nestlé zu kaufen, die stets verlässlich Dividenden zahlen.

          Austoben nach Lust und Laune

          Anderen wiederum gefällt es, in die großen Börsen der Welt wie den Dow Jones oder den Dax zu investieren und mit Hilfe eines ETF darauf zu setzen, also mit Indexfonds, die die Entwicklung der Kurse an den Börsen exakt abbilden. Welchen Ansatz man wählt, ist am Ende egal, wichtig ist laut den Züricher Forschern nur eines: durchhalten! Warum aber ist das so entscheidend? Weil ein ständiges Wechseln der Strategie teuer ist. Wer heute Aktien kauft, morgen unsicher wird und sie wieder verkauft, nur um ein paar Tage später wieder einzusteigen, hat am Ende hohe Börsengebühren gezahlt, aber nichts gewonnen.

          Wie aber können Anleger nun dafür sorgen, dass Strategie und Spaß zueinander finden? Die Forscher aus Zürich haben sich hierfür ein besonderes Vorgehen ausgedacht, das sie den Core-Satellite-Ansatz nennen. Der Clou dahinter: Diese Strategie setzt sich aus einem vernünftigen Element zusammen, das aber eigentlich ziemlich dröge ist. Und aus einem zweiten Element, das dem Anleger Freude machen soll und bei dem er sich nach Lust und Laune austoben darf.

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