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Europäische Zentralbank : Draghis neue Zinswelt

Es weht ein rauher Wind vor der EZB. Bild: Marc-Steffen Unger

Was bedeutet die Zinssenkung der EZB für Verbraucher und Anleger? Kann es mit Spar- und Bauzinsen überhaupt weiter nach unten gehen? Es kann.

          Für die allermeisten überraschend hat die Europäische Zentralbank (EZB) am Donnerstag nicht nur den Einlagenzinssatz für Banken auf minus 0,4 (bisher minus 0,3) Prozent gesenkt und eine Ausweitung der Anleihenkäufe auf 80 (bisher 60) Milliarden Euro beschlossen –, sondern auch den Leitzins, den wichtigsten Zinssatz der Notenbank, zum ersten Mal in der Geschichte Europas auf null Prozent gesenkt: eine Zäsur.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Was bedeutet das für Verbraucher und Anleger? Zunächst einmal Kursgewinne für die Besitzer von Aktien und Anleihen, die sich allerdings schnell wieder verflüchtigten. Unmittelbare Folge der EZB-Entscheidung war am Donnerstag, dass die Renditen der Anleihen vieler europäischer Staaten stark sanken. Am stärksten war der Rückgang bei Portugal, aber auch Bundesanleihen rentierten niedriger. Der deutsche Aktienindex Dax legte zunächst um 2,5 Prozent zu und knackte fast die 10.000-Punkte-Marke. Das drehte sich jedoch im Laufe des Nachmittags wieder. Später lag die Rendite der Bundesanleihe sechs Basispunkte im Plus bei 0,3 Prozent und der Dax 2,3 Prozent im Minus. Die Risikoaufschläge auf Kreditausfallversicherungen von Banken (CDS) gingen unterdessen deutlich zurück.

          Keine schnelle Änderung bei Sparguthaben

          Ökonomen meinten, man werde bald weitere Auswirkungen der Entscheidung sehen: „Die Senkung der Leitzinsen und des Einlagenzinssatzes wird die Zinskurve in Deutschland nach unten schieben“, sagte Dirk Schumacher, der Deutschland-Chefvolkswirt von Goldman Sachs. „Aber es geht dabei nur um wenige Basispunkte.“ Vor allem die Tatsache, dass die EZB bei der Ausweitung der Anleihenkäufe wohl nicht notwendigerweise auf Staatsanleihen zugreifen wolle, mache eine stärkere Änderung des deutschen Zinsniveaus unwahrscheinlich: „Die Entscheidung war in Teilen schon überraschend.“

          Die Zinsen für Sparguthaben und Baukredite ändern sich in der Regel nicht so schnell – und es gibt auch keinen Automatismus zwischen den Leitzinsen und den Zinsen für Verbraucher, wie Carsten Brzeski, der Chefvolkswirt der ING-Diba hervorhob. Gleichwohl sei der Trend klar: „Für Sparer geht es eher weiter nach unten. Und auch Kredite können noch billiger werden.“ Negative Zinsen auf Sparkonten hingegen halte er für unwahrscheinlich. „Das würde die Sparer vergraulen“, meinte der Bank-Ökonom. Er denke, dass Verbraucher sich eher auf höhere versteckte Kosten vorbereiten könnten.

          Die Tagesgeldzinsen hängen enger als etwa die Bauzinsen an den Leitzinsen. Max Herbst von der FMH-Finanzberatung, der bundesweit Zinskonditionen vergleicht, meint, die Tagesgeldzinsen dürften jetzt weiter sinken. „Nicht abrupt, aber so nach und nach.“ Geht das denn überhaupt? Sind die Zinsen denn nicht schon ganz unten? Herbst jedenfalls sieht noch Spielraum: Zwar gibt es längst Sparkassen, die auf dem Tagesgeldkonto nur noch 0,05 Prozent zahlen. Im Durchschnitt aber kommt FMH noch auf einen Tagesgeldzinssatz von 0,33 Prozent. So bietet die VW-Bank für Neukunden noch vier Monate lang 1,25 Prozent. Da wäre noch Luft nach unten.

          Vermögensteilung überdenken

          Die Hypothekenzinsen hängen stärker von den langfristigen Kapitalmarktzinsen ab als vom Leitzins. Sie entwickeln sich oft ähnlich wie die Rendite von Bundesanleihen. Im Moment liegen die durchschnittlichen Zinsen für eine Hypothek mit zehn Jahren Zinsbindung bei 1,31 Prozent, für fünfzehn Jahre bei 1,79 Prozent. Da wäre also Spielraum nach unten. Das Immobilienportal Interhyp meldete, die Entscheidung der EZB sei ein gutes Zeichen für Hausbauer: Die Konditionen für zehnjährige Darlehen hätten fast wieder ihr Allzeittief aus dem April 2015 erreicht. „Die Ankündigung der EZB, den Leitzins auf null Prozent zu senken und den Einlagensatz herunterzusetzen sowie das bestehende Anleiheprogramm auszuweiten, wird voraussichtlich dazu beitragen, die Kreditzinsen zunächst weiter niedrig zu halten.“

          Auch das ist allerdings kein Automatismus. Die Zinsen am Kapitalmarkt hängen nur sehr mittelbar mit den Leitzinsen zusammen, und zumindest auf Dauer werden sie von Angebot und Nachfrage nach Kapital bestimmt. In der Schweiz gab es sogar das Phänomen, dass die Banken noch in der Nacht, als die negativen Leitzinsen eingeführt wurden, ein paar Basispunkte auf die Hypothekenzinsen aufschlugen, um den Verlust auszugleichen, wie UBS-Chef Sergio Ermotti unlängst bei einer Veranstaltung in Frankfurt erzählte. Das droht in Deutschland aber wohl nicht, weil es hier mehr Wettbewerb zwischen den Banken gibt. FMH-Chef Herbst jedenfalls berichtet, aus seiner Erfahrung schafften die Banken das hier nicht.

          Bei allen anderen Zinsen mag es gleichfalls leichte Effekte geben. So hatten einige Fintechs in letzter Zeit Lockangebote von Krediten mit null Prozent Zinsen in begrenztem Umfang aufgelegt. So etwas könnte es möglicherweise öfter geben. Bei den Dispo-Zinsen ist gleichfalls seit längerem eine Abwärtsbewegung zu beobachten. Diese hänge aber nur begrenzt von den Leitzinsen ab, meint Herbst: „Dispozinssenkungen sind in der Regel eher darauf zurückzuführen, dass der Markt oder das Image der Bank es verlangt.“ Ulrich Stephan, Chefanlagestratege der Deutschen Bank, meinte: „Die jetzt eingeläutete Nullzinsphase sollte für Privatanleger Anlass sein, ihre Vermögensaufteilung zu überdenken – und zum Beispiel mehr in Aktien zu investieren, trotz zuletzt höherer Schwankungen an den Märkten.“

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