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Kündigung : Auch Schwäbisch Hall wirft Bausparkunden hinaus

Auf ihn war bisher immer Verlass: Der Markenbotschafter von Schwäbisch Hall Bild: dpa

Bei dem Bausparkassen-Marktführer wird scheinbar das Geld knapp: Schwäbisch Hall will 50.000 Verträge kündigen, die seit mindestens zehn Jahren zuteilungsreif sind. Im Zweifelsfall bleibt den Kunden nur eine Klage gegen die Kündigung übrig.

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          Nun weiß sich auch der Marktführer unter den Bausparkassen nicht mehr anders zu helfen, als Tausende Kunden vor die Tür zu setzen. Die Bausparkasse Schwäbisch Hall, die den genossenschaftlichen Volks- und Raiffeisenbanken gehört und auf die man angeblich bauen kann, wird etwa 50.000 Bausparverträge zum 31. Dezember kündigen. Dabei handele es sich um Verträge, die seit mindestens zehn Jahren zuteilungsreif, also hinreichend bespart worden seien. Die Kunden aber hätten das Bauspardarlehen, das ihnen nach Erreichen der Ansparsumme zustünde, mindestens zehn Jahre lang nicht in Anspruch genommen, sagte ein Unternehmenssprecher der F.A.Z. Diesen Kunden werde deshalb nun in den nächsten Wochen schriftlich gekündigt. Dabei handele es sich um weniger als 1 Prozent aller Bausparverträge von Schwäbisch Hall.

          Hanno Mußler

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die eigentlich als bieder verschrienen und sicher durch die Finanzkrise gekommenen Bausparkassen gehören zu den größten Opfern der seither herrschenden Niedrigzinsphase. Die öffentlich-rechtlichen Landesbausparkassen (LBS), Wüstenrot und die zum Deutsche-Bank-Konzern gehörende BHW haben inzwischen schon mehr als 150.000 alte Bausparverträge gekündigt. Mit den Kündigungen durch Schwäbisch Hall dürfte demnach die Schwelle von 200.000 Vertragskündigungen durchstoßen werden.

          Die Bausparkassen begründen die Kündigungen stets gleich: Ein Bausparvertrag sei nicht allein zum Sparen, sondern auch zum Kreditaufnehmen gedacht. Doch die Kunden, die vor Jahren zu höheren Zinsen Bausparverträge abgeschlossen haben, sind an den Bauspardarlehen heute selten interessiert. Denn Immobilienkredite sind heute zu deutlich günstigeren Zinsen zu bekommen als zu denen, die man sich vor Jahren mit dem Bausparvertrag gesichert hat. Viele Bausparer lassen daher ihr ursprünglich für den Kredit angespartes Geld lieber in den Bausparkassen liegen und kassieren die zuvor vereinbarten, inzwischen wegen des allgemein tief gefallenen Zinsniveaus vergleichsweise attraktive Ansparzinsen. Dies lähmt die Bausparkassen. Sie müssen ungewohnt viel für Zinsen aufwenden, was ihre Gewinne schmälert.

          Die Finanzaufsicht Bafin unterstützt deshalb die Bausparkassen darin, Bausparverträge zu kündigen, bei denen das Darlehen nicht abgerufen wird. Schon mehrmals hat die Bafin die 21 Bausparkassen in Deutschland „Stresstests“ unterzogen, um ihre Krisenanfälligkeit zu testen. Auch Ratingagenturen wie zuletzt Moody’s machen sich ungewohnte Sorgen über die Stabilität der Bausparkassen. Dies schadet dem eigentlich soliden Ruf der Bausparkassen ebenso wie die Kündigungen.

          Juristen halten es zudem für fraglich, ob die ausgesprochenen Kündigungen von Bausparverträgen rechtlich Bestand haben werden. Klagen von Bausparern gegen die Kündigungen werden dem Vernehmen nach vorbereitet. Bausparer sollten sich unbedingt wehren, raten auch Verbraucherzentralen. Zunächst sollten die Bausparer der Kündigung umgehend schriftlich widersprechen und ihre Verträge dann von Verbraucherzentralen auf Vertragsfortführung überprüfen lassen. Zudem gibt es eine Schlichtungsstelle, bei der man sich gegen die Kündigungen wehren kann. Dieser Ombudsmann wird allerdings von den Bausparkassen bezahlt. Im Zweifelfall bleibt – mit ungewissen Erfolgaussichten – die Klage gegen die Kündigung des Bausparvertrages.

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