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F.A.Z. exklusiv : Selbst Finanzentscheider irren sich mit Blick auf die Inflation

Was bleibt von der Rente übrig? Bild: Lucas Bäuml

Falsche Annahmen der Bevölkerung führen zu finanziellen Fehlentscheidungen. Selbst Führungskräfte sind davor nicht gefeit.

          3 Min.

          In Deutschland leben einige Menschen in einer finanziellen Scheinwelt. Sie treffen falsche Annahmen und bauen darauf ihre finanzielle Lebensplanung auf. Dass dies gar nicht wenige Menschen sind, zeigt eine Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach im Auftrag der MLP School of Financial Education. Sie liegt der F.A.Z. vorab vor.

          Daniel Mohr
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Drei Kernfragen sind herauszustellen. Die erste betrifft die Rente. Ein Drittel der repräsentativ Befragten stimmt der Aussage zu, die Rente entspreche 70 Prozent des letzten Einkommens vor Renteneintritt. Das ist falsch. Beamte mit sehr vielen Dienstjahren kommen auf eine Pension, die gut 70 Prozent ihres letzten Einkommens entspricht.

          Doch die Rente wird anders berechnet und liegt in den meisten Fällen deutlich niedriger. Im Erwerbsleben werden je nach Einkommen Entgeltpunkte angesammelt. Für jedes Jahr mit Durchschnittsverdienst gibt es einen Entgeltpunkt. Aktuell sind dafür rund 3200 Euro Bruttolohn nötig. Wer das 40 Jahre gemacht hat, kommt mit 40 Entgeltpunkten derzeit auf eine Rente von 1440 Euro. Das ist weit entfernt von den 70 Prozent des letzten Einkommens. Dazu passt, dass nur 40 Prozent angeben, ihre Rentenansprüche zu kennen. 36 Prozent wissen, wo sie das nachschauen könnten. 22 Prozent ist indes nicht bekannt, dass die Deutsche Rentenversicherung jedes Jahr eine Übersicht liefert, aus der das hervorgeht. Bei leitenden Angestellten ist das Nichtwissen mit 27 Prozent besonders hoch.

          Kinder mindern die Rentenansprüche

          Eine weitere Annahme zur Rente ist zudem falsch. Rund die Hälfte vertritt die Ansicht, dass mit mehr Kindern auch automatisch die Rente höher ausfällt. Das Gegenteil ist oft der Fall. Kinder reduzieren die Erwerbstätigkeit mindestens eines Elternteils über Jahre und mindern so die Rentenansprüche.

          Falsche und zu hohe Annahmen zur Rente lassen viele Menschen in dem Glauben, für das Alter ausreichend versorgt zu sein. Dies wäre weniger schlimm, wenn die Altersvorsorge dennoch sinnvoll aufgestellt würde. Doch hier passiert Fehler Nummer zwei. Ein Viertel der Befragten baut auf die Aussage: „Auf einem Tagesgeldkonto kann man in der Regel mehr Rendite erzielen als an der Börse und muss dafür kein Risiko eingehen.“ Jeder Sechste vertritt zudem die Aussage: „Die beste Form zu sparen oder für das Alter vorzusorgen, ist, Geld auf dem Sparbuch anzulegen.“ Der unterschätzte Bedarf an Altersvorsorge trifft also mit unrentierlicher Geldanlage zusammen.

          Der dritte Irrtum, der hinzukommt, ist das große Vertrauen in die eigene Immobilie als Altersvorsorge. Neben der Erfahrung, dass die Verkaufserlöse alter, verwohnter Immobilien überschätzt werden, zeigt die Umfrage zudem, dass 19 Prozent der Auffassung sind, die Immobilie grundsätzlich steuerfrei an die Kinder weitergeben zu können. Das ist jedoch nur unter bestimmten Bedingungen möglich, wie der, dass die Kinder dort umgehend einziehen und wohnen müssen.

          „Viele Menschen haben nicht nur Wissensdefizite im Bereich Finanzen, sie überschätzen ihr finanzielles Wissen auch deutlich“, fasst Jan Berg, Sprecher des Vorstands der MLP Finanzberatung, zusammen. „Sie laufen damit Gefahr, aus falscher Überzeugung heraus schlechte Finanzentscheidungen zu treffen.“ Dazu passt ein eigener Teil der Befragung, der unter 319 Führungskräften durchgeführt wurde, die repräsentativ sind für Finanzentscheider in Unternehmen mit zehn bis 249 Beschäftigten. Diese Vergleichsgruppe der Inhaber, Vorstände, Geschäftsführer und Prokuristen schnitt kaum besser ab als die Bevölkerung. Ein Viertel von ihnen ist der Auffassung, die prozentuale Höhe der Lohnsteuer sei für alle Beschäftigten gleich hoch. Und fast die Hälfte glaubt, dass eine Erhöhung der Zinsen automatisch zu einer Erhöhung der Inflation führt. In der Gesamtbevölkerung sind 38 Prozent dieser falschen Ansicht.

          Dabei ist fast die gesamte Bevölkerung der Auffassung, dass es wichtig ist, sich in Finanzdingen auszukennen. Aber nur 37 Prozent interessieren sich dafür (siehe Grafik). „Trendanalysen zeigen, dass das Interesse über die letzten zehn Jahre hinweg auch nicht zugenommen, sondern tendenziell abgenommen hat“, sagt Renate Köcher, Geschäftsführerin des Instituts für Demoskopie Allensbach. „Das gilt auch generell für wirtschaftliche Themen.“ Problematisch sei, dass Information immer stärker selektiv nach Interesse erfolge. „Umso größer wird die Herausforderung, Wissen zu Themen zu vermitteln, die nur auf begrenztes Interesse stoßen, auch wenn die große Mehrheit sie als wichtig einstuft“, sagt Köcher. „Die große Mehrheit der Bevölkerung fordert seit Langem, Wirtschafts- und Finanzthemen stärker in den Curricula des Bildungssystems zu berücksichtigen – eine Forderung, die bisher zu wenig aufgenommen wird.“

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