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Bankraub 2.0 : Gefährliche Geldautomaten

Polizisten stehen am 30.10.2015 vor einem gesprengten Geldautomaten in Kleve (NRW). Bild: dpa

Noch nie wurden so viele Geräte in die Luft gejagt wie in letzter Zeit. Nun gab es sogar ein Todesopfer. Banken arbeiten an neuen Sicherheitsmaßnahmen. Wie sehen diese konkret aus?

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          Geldautomaten von Banken werden immer häufiger Gegenstand physischer Angriffe von Kriminellen. Zuletzt endete im emsländischen Meppen in der Nacht zum Mittwoch die Sprengung des Geldautomaten einer Sparkasse mit dem Tod eines Täters auf der Flucht. Das Vorgehen wird dabei von der Polizei ähnlich beschrieben wie viele der weit mehr als 100 Fälle von Geldautomaten-Sprengungen in letzter Zeit, die längst das Bundeskriminalamt, Banken, Volksbanken und Sparkassen und sogar den Bundestag beschäftigen. Die Banken befassen sich nach Angaben einer Sprecherin der Kreditwirtschaft dabei seit längerem intensiv mit Möglichkeiten, solche Sprengungen zu erschweren. Ein Schritt kann sein, dass Hohlräume in Automaten stärker ausgefüllt werden oder eine Automatik die Geldscheine bei Erschütterungen einfärbt. Allerdings ist das mit Kosten verbunden, zudem soll sich bereits ein Markt für eingefärbte Geldscheine entwickelt haben. Andere Möglichkeiten sind eine stärkere Videoüberwachung oder die Verringerung der Geldbeträge in den Automaten. Für rund 2000 bis 3000 Euro werden auch spezielle Gas-Neutralisierungs-Systeme für Geldautomaten angeboten.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die Polizei äußerte den Verdacht, dass zumindest hinter einem Teil der Automaten-Sprengungen eine Organisation aus den Niederlanden mit einer großen Zahl von Mitgliedern stecken könnte, genannt die „Audi-Bande“. Beim Landeskriminalamt Nordrhein-Westfalen war die Rede von 250 Personen: „Die wohnen vor allem in den Vororten von Utrecht und Amsterdam und haben überwiegend nordafrikanischen Migrationshintergrund“, sagte Dietmar Kneib, Leiter der Ermittlungskommission „Heat“ beim Landeskriminalamt NRW in Düsseldorf.

          In der Kurve ins Schleudern geraten

          Das Bundeskriminalamt führte auf Anfrage aus, dass in Deutschland sowohl reisende als auch ortsansässige Tätergruppen für Straftaten dieser Art verantwortlich seien. Die Reisenden stammten überwiegend aus Ost- und Südeuropa, reisten aber auch aus den Niederlanden ein: „In beiden Fällen finden wir sowohl Einzeltäter als auch Formen der Bandenkriminalität.“ Aus Sicht des Bundeskriminalamts benötigten die Täter keine wissenschaftliche oder technische Vorbildung, wohl aber Wissen zu erforderlichen Tatmitteln und deren Einsatz sowie handwerkliche Fähigkeiten: „Dieses Wissen und Können wird in bandenmäßig agierenden Gruppen von Täter zu Täter vermittelt.“ Die Sprengwirkung könne von den Leuten in den meisten Fällen nicht richtig abgeschätzt werden, deshalb würden die Bankgebäude gleich teilweise mit in die Luft gesprengt. Personen hingegen seien bisher nur in wenigen Fällen verletzt worden.

          In dem neuen Fall leiteten drei Männer, die offenbar aus den Niederlanden kamen, am früheren Mittwochmorgen in den Geldautomaten einer Filiale der Sparkasse Emsland ein Gasgemisch ein und entzündeten dieses. Das Ganze explodierte, mehrere Scheiben zersplitterten, die Sparkasse wurde verwüstet. Anschließend flüchteten die Männer mit einem schnellen Auto; auch das gilt als typisch für diese Art der Vorfälle. Es handelte sich den Angaben zufolge um einen PS-starken dunkelgrauen Audi RS4 Avant. Die Männer sollen mit überhöhter Geschwindigkeit Richtung Niederlande gefahren sein, gerieten in einer Kurve aber ins Schleudern.

          Regionale Schwerpunkte NRW und Niedersachsen

          Das Fahrzeug kollidierte zunächst mit der Zugmaschine eines Lastwagens auf der Gegenfahrbahn und prallte dann links von der Straße gegen einen Baum. Der Fahrer wurde im Auto eingeklemmt, der Beifahrer starb. Der dritte Mann versuchte nach Polizeiangaben mit einem Teil des Geldes zu fliehen. Die Beamten fahndeten mit großem Aufgebot nach ihm. Als er versuchte, sich blutverschmiert, wie er war, ein Taxi zu nehmen, wurde der Taxifahrer misstrauisch und rief die Polizei. Diese konnte den Mann festnehmen. Man habe auch das Geld bei ihm gefunden, sagte eine Polizeisprecherin. Der Fahrer des Fluchtautos wurde von der Feuerwehr mit schwerem Gerät aus dem Auto herausgeschnitten.

          Der Bundestag hatte sich im Januar mit dem Thema Automaten-Sprengungen beschäftigt, auf eine Anfrage der Linksfraktion hin. Die Bundesregierung schreibt in ihrer Antwort, ihres Wissens seien die Täter seit dem Jahr 2010 in 179 Fällen tatsächlich an Bargeld gelangt. Das entspreche etwa einer Quote von 37 Prozent zwischen Versuch und Erfolg. Bei diesen Straftaten seien jeweils zwischen 500 und etwa 380000 Euro erbeutet worden. Durch die Straftaten sei im Einzelfall ein Sachschaden zwischen mehreren hundert Euro und etwa einer Million Euro entstanden. „In vielen Fällen liegt der Sachschaden deutlich über dem Wert des erbeuteten Bargeldes“, teilt die Bundesregierung mit. Nach ihrer Einschätzung sei der Einsatz von Einfärbetechnik ein geeignetes Mittel, um die Zahl von physischen Angriffen auf Geldautomaten deutlich zu reduzieren. Die Kosten für ein solches System lägen zwischen 2000 und 3000 Euro. Der Bundesregierung sei außerdem bekannt, dass Banken und Sparkassen „in Einzelfällen und vorübergehend“ dazu übergegangen seien, Filialen nachts zu schließen – zum Beispiel in Berlin und Nordrhein-Westfalen.

          Regionale Schwerpunkte bei den Sprengungen seien in NRW und Niedersachsen zu erkennen, darüber hinaus seien die Bundesländer Berlin, Brandenburg und Hessen überdurchschnittlich betroffen. Die großen Flächenländer Baden-Württemberg und Bayern seien hingegen von den Anschlägen auffällig selten betroffen.

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