https://www.faz.net/-hbv-89xdf

Tagesgeld : Hollands Banken zahlen hohe Zinsen

  • -Aktualisiert am

Die ING-Diba hat die meisten Tagesgeldkunden in Deutschland. Bild: Patricia Kühfuss

Niederländische Banken locken Kunden mit hohen Tagesgeld-Zinsen. Grund ist die besondere Trägheit der Holländer beim Bankenwechsel.

          Es klingt nicht nur nach einer Kampfansage, es ist auch eine: 1,05 Prozent fürs Tagesgeld sind geboten. Damit startet die niederländische Leaseplan Bank nun seit ein paar Wochen neu auf dem deutschen Markt durch. Während Sparkassen und Volksbanken ihren Kunden nur noch Zinsen bieten, deren Höhe sich in der zweiten Stelle nach dem Komma ablesen lässt und deutsche Großbanken in Tagesgeldvergleichen auf den ersten 20 Plätzen gar nicht mehr vorkommen, mischen holländische Banken zurzeit den Tagesgeldmarkt auf. Insgesamt zahlen die hierzulande überregional vertretenen Banken derzeit im Schnitt einen Tagesgeldzins von mageren 0,37 Prozent. Holland bietet weitaus mehr. Zudem - und das ist außergewöhnlich in der Bankenlandschaft - gelten bei den niederländischen Kreditinstituten die vergleichsweise üppigen Konditionen nicht nur für Neukunden, sondern dieselben Zinssätze bekommen auch langjährige Bestandskunden.

          So ruft die genossenschaftliche Rabobank 0,8 Prozent Zins auf, 0,9 Prozent zahlt die NIBC direkt, MoneyYou legt mit 0,95 noch eine Schippe obendrauf, und der neue Mitbewerber Leaseplan Bank toppt sie alle mit 1,05 Prozent Zinsen. Das ist sogar mehr, als das Marktschwergewicht ING Diba zahlt, das immerhin der Marktführer beim Tagesgeld ist und zurzeit 1,0 Prozent für Neukundengelder bietet, aber nur 0,6 Prozent für Bestandskunden. Viele zählen ja die ING Diba ebenfalls zu den holländischen Instituten, was sie aber gar nicht ist. Die ING Diba ist vom Sitz und von der Rechtslage her eine deutsche Bank, die nur seit einigen Jahren als Tochtergesellschaft zur niederländischen ING Groep gehört. Seit sie aber dem holländischen Konzern zugeschlagen ist, hat sie die Tradition begründet, mit Kampfzinsen den deutschen Markt zu erobern. Sie hat das ja auch geschafft und verwaltet von allen Banken den größten Teil der deutschen Tagesgelder. „Gemessen am Volumen der verwalteten Gelder, können 95 Prozent der Banken die Konditionen der ING Diba nicht toppen“, sagt Zinsexperte Max Herbst von FMH. Doch wie das so ist, wenn man den Markt erst mal beherrscht: Größe macht träge.

          Inzwischen muss die ING Diba gar nicht mehr mit exorbitanten Zinsen werben, denn viele Kunden haben bereits ihr Geld dort geparkt. Und die übrigen heimischen Großinstitute sind in der Hinsicht ohnehin keine große Konkurrenz. Die vielen kleinen ausländischen Institute ebenfalls nicht, die zuletzt mit hohen Zinsen antraten: Es gab zwar einige, die erheblich höhere Renditen versprachen, doch waren es vorwiegend ausländische Banken aus der Türkei, Russland oder Bulgarien. Oft kleine, junge Bankhäuser aus weniger stabilen Finanzmärkten, die auch nicht die Sicherheit für Einlagen bieten, wie sie deutsche Banken garantieren. Diese Mitbewerber mussten erheblich sattere Zinsen in Aussicht stellen, um überhaupt Anleger für sich zu gewinnen. Und Sparer sollten diesen Zinsbonus als Risikoaufschlag dafür verstehen, dass sie ihr Geld etwas gewagter parken.

          Holländer sind träge

          Aber warum zahlen holländische Banken so viel? Sind sie am Ende auch risikobehafteter als deutsche Institute? Finanzmarktbeobachter beantworten das mit einem klaren Nein. Auswertungen der Europäischen Zentralbank (EZB) attestieren dem niederländischen Finanzmarkt und seinen Instituten eine hohe Stabilität, und den EZB-Stresstest überstanden alle niederländischen Banken gut. Zudem sind bei ihnen Einlagen bis zu einer Höhe von 100.000 Euro komplett abgesichert. Bankkunden sind seit einer Gesetzesänderung im Juli bei ausländischen Banken mit Zweigstellen in Deutschland ebenso gut geschützt wie Kunden deutscher Banken. Beispielsweise birgt ein Sparkonto bei der NIBC kein größeres Risiko als eines bei der Commerzbank.

          Dennoch werden in Holland generell höhere Zinsen für Tages- und Festgeld gezahlt als hierzulande. Der Grund: Holländer sind träge, zumindest was den Bankwechsel betrifft. Deshalb müssen niederländische Banken - wenn sie Sparer in ihrem eigenen Land zum Wechseln bewegen wollen - auch mit erheblich höheren Zinsen locken. Mit dieser Einstellung treten sie nun zunehmend auf dem deutschen Markt an. Denn in ihrer Heimat sind Großinstitute wie Rabo oder NIBC an die Grenzen des Wachstums gestoßen, dort können sie keine neuen Kunden mehr gewinnen. Die Bundesrepublik aber ist mit 80 Millionen Einwohnern der größte Markt Europas und auch einer der umkämpftesten. Sehr viele Banken buhlen mit den unterschiedlichsten Konditionen um die vielen Kontobesitzer. Das führt dazu, dass Bundesbürger weniger treue Kunden sind als Kontoinhaber in anderen Ländern. In Umfragen sagt ein Drittel der Deutschen selbst, dass es dauernd über einen Bankwechsel nachdenkt, zumindest für schnell verschiebbare Einlagen wie das Tagesgeld.

          Allerdings muss es auch eine seriöse Bank mit guter Einlagensicherung sein, um einen deutschen Kunden zu bewegen, sonst ist der Wechselanreiz nicht stark genug. Diese Einstellung hat sich nach der Finanzkrise und den Bankenpleiten durchgesetzt. „Die niederländischen Banken aber“, so stellt Zinsexperte Herbst fest, „stehen den deutschen im Ruf um nichts nach. Deshalb kommen sie bei den Sparern gut an.“ Sie können sich daher niedrigere Zinsen als die Russen und Bulgaren leisten. Und sie können auf dem hiesigen Markt sogar weniger zahlen als in ihrem Heimatland - und gehören im Vergleich zu den deutschen Banken trotzdem noch zu den Top-Anbietern. Vor allem auch beim Festgeld: Mehr als 1,5 Prozent für zwei Jahre (NIBC) oder 1,4 Prozent für ein Jahr (Leaseplan Bank) zahlt hierzulande kaum jemand. Die Leaseplan ist übrigens der Finanzableger eines gleichnamigen internationalen Leasingunternehmens, das bis vor kurzem noch Teil des VW-Konzerns war. Über die Einlagen von Kunden refinanziert sich die Leasinggesellschaft billiger, als sie es über Banken tun würde. Dafür legt sie den Zinsobolus für Kunden drauf. Damit kann man deutsche Sparer normalerweise locken. Bei der ING Diba ging diese Rechnung auch schon mal auf.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Nach Interviewabbruch : Es bleiben viele Fragen an Höcke

          Die Aufregung über den Interview-Abbruch und die Drohungen von Björn Höcke verstellt den Blick auf die eigentliche Frage: Wes Geistes Kind ist der AfD-Politiker?

          Nicht die Jungen überzeugen : Der FC Bayern und seine alte Achse

          Löw hat’s gesehen: Die Münchener spielen gegen Leipzig zumindest eine herausragende erste Halbzeit. Das liegt vor allem an den Routiniers. Neuer, Boateng, Müller und Lewandowski halten die Zeit an.
          Der Hausarzt: Klaus Reinhardt in seiner Bielefelder Praxis

          Neuer Ärztepräsident : Der doppelte Reinhardt

          Der Mann ist Hausarzt mit Leidenschaft. Aber Klaus Reinhardt ist immer nur montags in seiner Bielefelder Praxis. Sonst macht er Politik in Berlin – als Präsident der Bundesärztekammer.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.