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Probleme bei Banking-App : Den Sparkassen droht das nächste Online-Debakel

Es könnte so einfach sein – ist es aber nicht: Yomo sollte ein simples Einsteigerprodukt für die Sparkassen sein. Bild: Gierke, Dominik

Für junge Leute war die Yomo-App noch bis vor kurzem das gefeierte Zukunftsprojekt. Doch wie bei ähnlichen Vorhaben stockt die Entwicklung. Jetzt tritt die größte Sparkasse auf die Bremse.

          Twitter hat auch etwas Gnadenloses. Der Kurznachrichtendienst mag gut dafür sein, schnell mit jungen Leuten in eine Art Gespräch zu kommen. Aber er dokumentiert auch eindrucksvoll, wenn jemand nichts mehr zu melden hat. Bei der noch bis vor kurzem als großes Zukunftsprojekt der Sparkassen gefeierten Banking-App für junge Leute, Yomo, sieht das dann so aus: Noch bis vor einigen Monaten herrschte ein reger Austausch von den Machern und den Testnutzern, die eine erste Version von Yomo schon auf ihren Handys ausprobieren konnten. Doch seit dem Herbst ist es dort erstaunlich ruhig geworden. So ruhig, dass die Macher im November schon einmal einen Tweet absetzen mussten mit der Versicherung: „Im Hintergrund passiert ganz viel!“ Und: „Habt noch ein wenig Geduld.“

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Hamburger Sparkasse (Haspa) und der Sparkasse Bremen ist nun aber offenbar der Geduldsfaden gerissen. Die Bremer haben in dieser Woche den Ausstieg aus dem Projekt erklärt, in dem seit Ende 2015 zehn deutsche Sparkassen versuchen, gemeinsam ein nur auf dem Smartphone verfügbares Konto zu entwickeln. Zwar wollten die Bremer weiter als Investor dabeibleiben, in das Portfolio von Kontomodellen passe Yomo allerdings nicht mehr hinein, erläuterte am Mittwoch ein Sprecher des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands der F.A.Z., der in der undurchsichtigen Gemengelage der Beteiligten die Kommunikation übernommen hat.

          Zweifel an der Marktreife

          Gleichzeitig gab die Haspa als größte deutsche Sparkasse bekannt, dass sie sich vorerst auf ihre eigene IT-Erneuerung konzentrieren werde. Als Grund werden die Verzögerungen in der Entwicklung genannt. Hatten die Macher von Yomo noch vor gut einem Jahr angekündigt, dass die Marktreife kurz bevorstehe und die App von Mai 2017 an nach und nach für alle Nutzer geöffnet werden solle, so gilt unter den Beteiligten inzwischen schon als optimistisch, wer noch in diesem Jahr mit der Markteinführung rechnet.

          „An der Marktreife von Yomo arbeiten Finanzinformatik und Star Finanz derzeit mit Hochdruck“, sagte eine Sprecherin der Haspa am Mittwoch auf Anfrage. Die Haspa ist aber derzeit damit beschäftigt, ihre gesamte IT auf den zentralen Rechenzentrumsbetreiber der Sparkassengruppe, die Finanzinformatik, zu übertragen. Das bindet dort viele Kräfte. Der geplante Live-Gang von Yomo sei inzwischen sehr stark in die zentrale Phase des IT-Projekts der Haspa gerückt, sagte deren Sprecherin weiter. „Vor diesem Hintergrund haben wir entschieden, ein mobiles Konto für die junge Zielgruppe erst nach der Umstellung ab Mitte 2019 anzubieten.“

          Die Frage ist nun: Ist das nur eine weitere Verzögerung, oder ist das schon der Anfang vom Ende von Yomo? Die Verzögerungen in der Entwicklung vergrößern nicht gerade die Erfolgsaussichten der App, deren oberstes Ziel ursprünglich war, ein simples Einsteigerprodukt für junge Leute zu bieten. Getrieben von der Erfolgsgeschichte des Berliner Start-ups N26, das mit seinem reinen Smartphone-Konto in wenigen Monaten mehr als 100.000 Kunden gewinnen konnte, wollten die Sparkassen schnell ein ähnliches Angebot entwickeln.

          Dem Vernehmen nach soll es unter anderem an der Video-Legitimation haken – die Identifikation über die Webcam für die schnelle Eröffnung eines Yomo-Kontos funktioniert offenbar nicht reibungslos, was die Marktreife immer weiter hinauszögert. Doch wer in der digitalen Welt zu langsam ist, wird rasch von anderen überholt. So hat die Direktbanktochter der Frankfurter Sparkasse, 1822direkt, schon ein eigenes Smartphone-Konto eröffnet. Und die herkömmliche Banking-App der Sparkassen wurde mit der Foto-Überweisung oder der Sprachsteuerung inzwischen selbst mit praktischen Anwendungen für die Smartphone-Nutzer ausgestattet.

          Es haperte schon einmal bei Paydirekt

          Dass gerade im Internet lange Verzögerungen dem Erfolg eines Produkts enorm schaden können, haben die deutschen Banken schon einmal mit dem Zahlungsdienst Paydirekt erlebt, dessen Einführung ebenfalls in den langsamen Mühlen der Sparkassen steckenblieb. Mit dem Online-Zahlungsdienst wollten die deutschen Kreditinstitute eine Antwort auf den amerikanischen Anbieter Paypal bieten, der ihnen das wachstumsträchtige Thema Bezahlen im Internet aus den Händen genommen hatte. Doch die Markteinführung wurde immer wieder verschoben, weil das Plazet der Sparkassen fehlte. Unter dem späten Einstieg leidet Paydirekt bis heute. Zwar berichten die Betreiber wacker von hohen Wachstumszahlen. Doch selbst mit den 1,7 Millionen Kunden, die Paydirekt nun für sich beansprucht, ist der Dienst noch meilenweit von den rund 19 Millionen Deutschen entfernt, die Paypal nutzen.

          Die übrigen Yomo-Beteiligten übten sich am Mittwoch in Optimismus. Eine Sprecherin der Berliner Sparkasse sagte auf Anfrage der F.A.Z.: „Wir stehen zu Yomo und bleiben weiter dabei.“ Ein Sprecher der Sparkasse Esslingen-Nürtingen sagte: „Sicher würden wir uns wünschen, dass manches schneller ginge. Aber bei den Kunden, die Yomo bislang testen konnten, kam es gut an.“

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