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Geldanlage : Mehr als jedes fünfte Wertpapierdepot ist verschwunden

Früher bekam man als Aktionär seine Anteilscheine an einem Unternehmen noch in Form von Tafelpapieren. Bild: dpa

In Deutschland sterben seit der Finanzkrise die Wertpapierdepots aus. Die Wertpapierdienstleister DWP Bank hat vor allem einen Grund für den Rückgang ausgemacht.

          Nach Zahlen der Bundesbank ist zwischen Ende 2008 und 2017 mehr als jedes fünfte Wertpapierdepot verschwunden. Ende des vergangenen Jahres waren es noch 22,6 Millionen Depots und damit 6,2 Millionen oder 21,5 Prozent weniger als neun Jahre zuvor. Im gleichen Zeitraum ist der breit angelegte, 100 Werte umfassende F.A.Z.-Index um mehr als 90 Prozent gestiegen.

          Markus Frühauf

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Der Dax ist sogar um 160 Prozent gestiegen, allerdings wird hier die tatsächliche Kursentwicklung durch die Annahme der Wiederanlage der Dividenden deutlich aufgehübscht. Trotzdem spiegeln sich die Kursgewinne in einem höheren Depotvolumen wider: Zwischen Ende 2008 und 2017 hat sich das Volumen aller Depots von knapp 7 auf 10,7 Billionen Euro erhöht.

          Nichtsdestoweniger widersprechen die üppigen Kursgewinne am Aktienmarkt dem Rückgang der Wertpapierdepots, denn sie deuten auf ein geringeres Interesse in der deutschen Bevölkerung an der Anlage in Aktien oder anderen Wertpapieren hin. Der Vorstandsvorsitzende des Wertpapierdienstleisters DWP Bank, Heiko Beck, verfolgte diese Entwicklung hautnah. Seinem Institut sind mehr als 1300 Banken angeschlossen, die auf die Infrastruktur der von den Sparkassen sowie der DZ Bank, dem Spitzeninstitut den Volks- und Raiffeisenbanken, kontrollierten DWP Bank zurückgreifen.

          Mit 4,8 Millionen Depots ist der Rückgang auch für die DWP Bank spürbar gewesen. Seit dem Jahr 2012 sind es fast 13 Prozent weniger. „Die geringere Anzahl an Depots ist auch auf die strengere Regulierung zurückzuführen“, sagt Beck im Gespräch mit dieser Zeitung. Es rechne sich für viele kleinere Banken nicht mehr, ihren Kunden Wertpapierdepots anzubieten. Denn dann müssten sie auch entsprechendes Personal einstellen, was zu höheren Kosten führe. Für Beck ist es erfreulich, dass sich der Rückgang in den vergangenen Jahren verlangsamt hat. Zudem hätte sich die Zahl der Depotposten, also der darin enthaltenen Wertpapiere, erhöht.

          Niedrigzinsphase hat Depots deutlich verändert

          Beck beobachtet bei einigen mittelgroßen und großen Instituten inzwischen ein Wachstum der Depots. Diese kämen dank der Skaleneffekte mit den fixen Kosten besser zurecht. In den Depots der Privatkunden nähmen die Wertpapiersparpläne zu. Hier werden nach den Worten von Beck Fonds bevorzugt. Das Interesse an den börsennotierten Indexfonds, den Exchange Traded Fonds (ETF), habe parallel zu der häufigeren Berichterstattung in den Medien spürbar zugenommen.

          Die Niedrigzinsphase hat seinen Worten zufolge die Depots deutlich verändert, weil bestimmte, auf Zinsen beruhende Anlageprodukte rausgefallen sind. Die Anleger hätten in andere Produkte wie zum Beispiel Zertifikate umgeschichtet. Die strengere Regulierung in der Wertpapierberatung macht Beck für eine weitere Entwicklung verantwortlich: „Immer mehr Privatanleger kaufen im Internet ihre Wertpapiere.“ Das erfolge in der Regel ohne Beratung. Rund 40 Prozent betrage inzwischen der Online-Anteil der Wertpapiertransaktionen von Privatkunden bei der DWP Bank. Das ist ein Rekordhoch. Seit der Einführung der Beratungsprotokolle habe es eine deutliche Zunahme der beratungsfreien Geschäfte gegeben. Aktien würden zumeist beratungsfrei gekauft.

          Das im Jahr 2010 zur Dokumentation in der Anlageberatung eingeführte Protokoll ist mit der zum Jahresanfang in Kraft getretenen EU-Finanzmarktrichtlinie Mifid II durch die sogenannte Geeignetheitserklärung abgelöst worden. Sie soll dem Anleger zeigen, warum ein ihm empfohlenes Produkt zu seinen Anlagezielen passt. Da das deutsche Beratungsprotokoll als Blaupause für die europäische Geeignetheitserklärung diente, dürften sich die Auswirkungen in Grenzen halten, schrieb der Bundesverband deutscher Banken Anfang des Jahres.

          Mifid II lässt Kosten steigen

          Die Umsetzung von Mifid II hat die DWP Bank 22 Millionen Euro gekostet. Das entspricht dem Jahresüberschuss des Jahres 2017. „Wir haben zwölf Mitarbeiter für die Mifid-Projekte abgestellt, davon sechs unbefristet. Unsere Personal- und Sachkosten sind durch Mifid II um 3,5 Millionen Euro gestiegen“, berichtet Beck. Von den 1300 Mitarbeitern der DWP Bank seien zeitweise rund 400 damit beschäftigt gewesen, Mifid II einzuführen und umzusetzen. Die Finanzmarktrichtlinie erfordere Folgeprojekte, auch deshalb, weil viele Detailfragen noch ungeklärt seien.

          „Vor diesem Hintergrund halte ich es für wichtig, dass wir uns in Zukunft stärker mit den Nebenwirkungen der Regulierung beschäftigen“, fordert der DWP-Bank-Vorstandschef. Die neuen Maßnahmen seien nicht immer sinnvoll. Hier verweist Beck auf das neue Meldewesen für alle Wertpapiertransaktionen, das im Zuge von Mifid II eingerichtet werden musste. Dabei habe das in Deutschland sehr gute Meldewesen abgeschafft werden müssen. „Diese Umstellung wäre meines Erachtens nicht nötig gewesen“, kritisiert Beck.

          In diesem Jahr setzt er auf eine neue Dienstleistung, das sogenannte Wiederanlagemanagement. Aus Dividenden, Fondsausschüttungen oder Zinszahlungen fließen im Jahr über die DWP Bank 17 Millionen Ertragszahlungen im Wert von insgesamt 5,3 Milliarden Euro an die Anleger. Die durchschnittliche Ausschüttung je Depot beträgt 1266 Euro. „Wenn wir diese Mittel über das Wiederanlagemanagement in Zertifikaten, Fonds oder ETF-Titel neu anlegen, ermöglicht das den Kunden hohe zusätzliche Erträge“, wirbt Beck. Den Mehrwert erläutert er an einem Kunden, der zum 1. Januar 2007 in den Aktienfonds DWS Top Dividende 30.000 Euro angelegt hat. Bis Ende 2016 habe er Ertragsauszahlungen von 28.653 Euro erhalten. Hätte er diese Summe wieder angelegt, so Beck, wäre ein zusätzlicher Ertrag von 13.785 Euro hinzu gekommen.

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