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Gastbeitrag : Es gab schon schlimmere Zeiten für Sparer

  • -Aktualisiert am

Als Geldanleger hat man es nicht leicht: Trägt man sein Geld zur Bank, kann man froh sein, wenn man als Zins eine schwarze Null erhält. Bild: Picture-Alliance

Leiden die Sparer heute so stark wie nie zuvor unter der Politik der Notenbanken? Der Wirtschaftsweise Peter Bofinger sieht Verantwortung auch bei der deutschen Finanzpolitik.

          Wer heute Geld anlegen will, hat es nicht leicht. Bundesanleihen, die über Jahrzehnte eine ordentliche und zugleich sichere Rendite versprachen, bringen bei einer Laufzeit von zehn Jahren gerade einmal eine Rendite von 0,3 Prozent. Trägt man sein Geld zur Bank, kann man froh sein, wenn man als Zins eine schwarze Null erhält und nicht noch etwas dafür bezahlen muss, dass die Bank das Ersparte überhaupt annimmt. Die Verärgerung vieler Sparer über die Null- oder sogar Negativzinspolitik der EZB ist also auf den ersten Blick nachvollziehbar.

          Allerdings wird dabei oft nicht berücksichtigt, dass die niedrigen Zinsen seit Jahren auch mit einer sehr geringen Inflationsrate einhergehen. Für den Sparer ist das Ausmaß der Geldentwertung bekanntlich mindestens ebenso wichtig wie die Zinsen. Entscheidend ist ja, was er sich am Ende für das Ersparte kaufen kann. Bei einem Zinssatz von beispielsweise  zwei Prozent und einer Inflationsrate von einem Prozent, bleibt dem Sparer eine „reale Verzinsung“ von einem Prozent: Wenn er also 1000 Euro angelegt hat, stehen nach einem Jahr 1020 Euro auf seinem Konto, deren Kaufkraft beträgt aber nur rund 1010 Euro.

          Bei dieser Betrachtungsweise sieht die Bilanz der Geldpolitik von EZB-Präsident Mario Draghi für viele Sparer deutlich weniger ungünstig aus. Im Jahr 2016 hatten die privaten Haushalte in Deutschland von ihrem gesamten Geldvermögen, das sich auf 5,6Billionen Euro belief, rund 1,3 Billionen Euro in der Form von Bargeld und traditionell unverzinslichen Guthaben auf dem Girokonto (Sichteinlagen) investiert. Die sogenannte „reale Verzinsung“ dieser Anlageformen ergibt sich aus der Differenz zwischen dem Zinssatz von null und der Inflationsrate.

          Sie ist fast immer negativ: In der Phase von 1948 bis 1998, in der die Verantwortung für die Geldpolitik noch bei der Deutschen Bundesbank lag, betrug die Inflationsrate im Durchschnitt 2,7Prozent. In der Phase von Dezember 2011 bis Mai 2017, in der Mario Draghi die Geldpolitik verantwortete, belief sich die Inflationsrate auf 1,1 Prozent. Konservative Anleger, die ihr Geld auf dem Girokonto liegen lassen oder es unter die Matratze stecken, sind unter Berücksichtigung der Inflation mit Draghi somit sogar deutlich besser gefahren als mit der Deutschen Bundesbank.

          Aber auch der Sparer, der sich für die klassische Spareinlage entschieden hat, war in „realer Betrachtung“ in den vergangenen Jahren nicht wesentlich schlechter gestellt als in manchen Jahren der D-Mark-Ära: Von 1971 bis 1982 und von 1991 bis 1995 war die Inflationsrate durchweg und teilweise sogar deutlich höher als der Zinssatz für Sparguthaben.

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          Schließlich hat auch die Anlage in festverzinslichen Wertpapieren in der Vergangenheit nicht immer nur Freude gemacht. Hier ist zwar durchweg zu beobachten, dass die Verzinsung höher lag als die Inflationsrate. Die „reale Verzinsung“ war also früher durchweg positiv. Getrübt wird das Bild jedoch durch den Fiskus. Er hält sich an das Prinzip des Nominalismus, wonach bei der Besteuerung die Inflation einfach unberücksichtigt bleibt. Das ist in Phasen mit hoher Inflation ein ganz schlechtes Geschäft für den Steuerzahler. Nehmen wir einmal das Jahr 1973. Damals konnte man mit einer Bundesanleihe eine Verzinsung von rund 10 Prozent erzielen.

          Das klingt nach goldenen Zeiten für den Sparer, selbst wenn man die hohe Inflationsrate von 7 Prozent berücksichtigt. Doch bei einem Steuersatz von beispielsweise 50 Prozent bekam der Fiskus bei einer Anlage von 1000 D-Mark und Zinsen von 100 D-Mark Steuern in Höhe von 50 D-Mark. Der Anleger hatte also nach einem Jahr netto noch 1050 D-Mark. Berücksichtigt man nun die Inflationsrate von 7 Prozent, blieben ihm real nur noch etwas mehr als 980 Euro. Von 1971 bis Anfang 1983 war die „reale Verzinsung“ von Anleihen nach Steuern bei einem Steuersatz von 50 Prozent – mit einigen wenigen Unterbrechungen – negativ.

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