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Minuszinsen und Geldschwemme : Welche Folgen Europas Geldpolitik für Verbraucher hat

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Verbraucher leiden unter den geringen Zinsen für sichere Geldanlagen wie Tagesgeldkonten und Bundesanleihen. Bild: dpa

Unternehmen ächzen unter den Strafzinsen, die die Europäische Zentralbank Finanzhäusern aufbrummt. Viele Banken geben diese an Firmenkunden weiter. Die Geldpolitik der Notenbank hat aber auch Folgen für Verbraucher.

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          Die Europäische Zentralbank (EZB) pumpt Milliarden in den Markt. Zugleich brummt sie Banken immer höhere Strafzinsen auf, wenn die Institute Geld bei ihr parken. Damit sollen Mini-Inflation und schwächelnde Konjunktur angekurbelt werden. Zwar verlangen Banken und Sparkassen bisher von Durchschnittskunden noch kein Geld dafür, dass sie ihre Ersparnisse bei ihnen anlegen. Doch die Nebenwirkungen der EZB-Geldpolitik - Wertpapierkäufe, Leitzins nahe Null und Strafzinsen - treffen auch Verbraucher. Ein Überblick:

          Besitzer von Fondsanteilen

          Bei Geldmarktfonds und Rentenfonds mit kurzer Laufzeit werde es bei steigenden Strafzinsen immer schwieriger, Renditen zu erzielen, heißt es etwa bei Union Investment, der Fondsgesellschaft der Genossenschaftsbanken. Im Schnitt halten die Fonds demnach 3 bis 5 Prozent des Volumens liquide vor - falls Anleger Anteile zurückgeben wollen. Dieses Geld werde von einigen Banken negativ verzinst. „Die negativen Zinsen entwickeln sich zunehmend zu einer Substanzbesteuerung für die Anleger“, kritisiert Frank Engels, Leiter Rentenfondsmanagement bei Union Investment.

          Lebensversicherungen

          Sie leiden ohnehin seit geraumer Zeit unter den Niedrigzinsen und werfen immer weniger ab. Jetzt kommen noch die Negativzinsen hinzu. Von institutionellen Investoren wie Versicherungen und Pensionsfonds „muss die Parkgebühr mit bezahlt werden, das können wir nicht drauflegen“, sagt der geschäftsführende Präsident des Sparkassen- und Giroverbandes Hessen-Thüringen, Gerhard Grandke. Das Problem der Lebensversicherer: Sie legen das Geld ihrer Kunden vor allem in Staatsanleihen an, die als sicher gelten. Diese werfen wegen der EZB-Geldpolitik aber kaum noch oder gar nichts mehr ab. Versicherern fällt es immer schwerer, hohe Garantieversprechen der Vergangenheit zu erwirtschaften. Die laufende Verzinsung aus Garantiezins und Überschussbeteiligung sinkt daher im Schnitt.

          Gesundheitsfonds

          Der Fonds, der die Gelder für die gesetzlichen Krankenkassen einsammelt und an sie verteilt, musste im vergangenen Jahr rund 1,8 Millionen Euro Strafzinsen zahlen. Dadurch schmilzt die Liquiditätsreserve von rund 10 Milliarden Euro aber zunächst nur etwas ab, wie ein Sprecher des Bundesversicherungsamtes erläutert. Das habe unmittelbar aber keine Folgen für die Höhe der Zusatzbeiträge, die Versicherte zahlen müssen.

          Krankenkassen

          Negativzinsen seien derzeit kein Problem, heißt es beim Spitzenverband der gesetzlichen Krankenkassen. Falls ein Finanzhaus Strafzinsen ankündige, würden die Kassen die Bank wechseln. Auch beim Verband der Privaten Krankenversicherung gibt man sich gelassen: Eine Negativverzinsung gebe es vielleicht bei einzelnen Anbietern als durchlaufenden Posten. Im Schnitt erwirtschafteten die Privaten aber eine Nettoverzinsung von mehr als 3,5 Prozent: „Versicherte müssen also keine höheren Beiträge in Folge von Negativzinsen befürchten.“

          Bankgebühren/Dispozinsen

          „Wir werden versuchen, das Thema Negativzinsen unseren Privatkunden nicht zuzumuten“, sagt der Präsident des Bundesverbandes der deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken (BVR), Uwe Fröhlich. Allerdings könnten Geldhäuser gezwungen sein, an der Gebührenschraube zu drehen. „Jeder muss in seiner Bank überlegen, wie er über Konditionengestaltung gegen die Ertragsverluste anarbeitet, die ohne Zweifel da sind.“ Finanzexpertin Dorothea Mohn vom Verbraucherzentrale Bundesverband geht davon aus, „dass Banken schauen, wo sie heute Geld verdienen können, weil ein Teil ihrer Einnahmen wegbricht.“ Aus ihrer Sicht könnte ein Zusammenhang mit den von Verbraucherschützern als überhöht kritisierten Dispozinsen bestehen.

          Tagesgeld, Sparbuch & Co.

          Die Lieblinge vieler Sparer in Deutschland werfen schon seit geraumer Zeit kaum noch etwas ab. „Generell ist die Zinspolitik für Verbraucher, die überwiegend in sichere Anlageprodukte investieren, kritisch“, sagt Finanzexpertin Mohn. „Die Niedrigzinsphase müsste Anlass sein, über die Verteilung der Ersparnisse nachzudenken und zum Beispiel mehr in Aktien zu investieren.“

          Kredite

          Häuslebauer und andere Kreditnehmer profitieren von den Niedrigzinsen - für sie wird es günstiger. Allerdings warnte der Chef der Deutschen Bank, John Cryan, jüngst: Wenn die Zinsen negativer würden, müssten Banken höhere Zinsen für Kredite fordern.

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