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Kontoeröffnung 2.0 : Per Videochat zum neuen Konto

Hallo, Bank: Mit der Smartphone-Kamera und dem Ausweis in der Hand können sich potentielle Kunden im Internet ausweisen. Bild: IDnow

Statt wie bisher zur Post zu laufen, eröffnen viele Bankkunden inzwischen Konten über ihre Webcam. Gut für die Fintechs, die sich das ausgedacht haben.

          Das Foto sieht aus wie aus einer Slapstick-Komödie. Mit einer weißen Unterhose auf dem Kopf schaut ein junger Mann ernst in die Kamera. Er zeigt den Ausweis eines Mannes mit weißen Haaren, geboren in den vierziger Jahren. Offenbar versucht der junge Mann, auszusehen wie sein Vater auf dem Ausweis. Michael Sittek muss immer wieder lachen, wenn er die Bilder zeigt, um zu demonstrieren, wie plump manche Betrüger versuchen, sein Unternehmen auszutricksen – natürlich mit dem Hinweis, dass es so leicht nicht gehe.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Sittek ist Geschäftsführer von IDnow. Im Jahr 2014 gegründet, übernimmt das Münchner Unternehmen inzwischen nach seinen Angaben für 130 europäische Banken die Videolegitimation neuer Kunden im Internet. Wer zum Beispiel ein Tagesgeldkonto bei einer Direktbank eröffnen will, muss nicht mehr – wie früher üblich – mit seinem Ausweis zur nächsten Postfiliale laufen, um sich dort auszuweisen. Stattdessen kann er das in einem kurzen Videotelefonat über die Webcam am Computer machen, in dem die Mitarbeiter von Unternehmen wie IDnow über einige Fragen und das Überprüfen des Personalausweises die Identität abgleichen.

          Zu den Kunden zählen laut Sittek große Banken wie die Commerzbank und die UBS, aber auch die reine Smartphonebank N26 und die Fidor-Bank, die hinter vielen jungen Fintechs steht. Der größte Wettbewerber, WebID Solutions, der fast gleichzeitig an den Markt gegangen ist, zählt unter anderem die Deutsche Bank und die ING Diba zu seinen Referenzen.

          Viele Fintechs setzen auf Kooperation mit großen Finanzkonzernen

          Für die Banken, bei denen sich immer mehr Geschäft im Internet abspielt, ist es ein großer Vorteil, wenn potentielle Kunden direkt am Computer auch wirklich die nötigen Verträge abschließen können und nicht mehr kurz vor dem Abschluss den Drucker aktivieren, ein Briefkuvert zukleben und in der Postfiliale Schlange stehen müssen. Bei solchen „Medienbrüchen“ haben es sich früher viele Kunden in spe noch einmal anders überlegt. Die Videolegitimation ist ein gutes Beispiel dafür, wie die jungen Wilden im Bankgeschäft, die Fintechs, den etablierten Instituten beim Vorstoß in die digitale Zukunft weiterhelfen. Statt die Alten vom Thron stoßen zu wollen, setzen viele Fintechs längst auf Kooperation und bieten ihre Dienstleistungen den großen Finanzkonzernen an.

          Die Vorteile hat auch die deutsche Bankenaufsicht Bafin sehr früh erkannt, Deutschland war 2014 das erste europäische Land, in dem die neue Methode offiziell genehmigt wurde. Sittek, der vor seinem Einstieg bei IDnow lange Zahlungssysteme für Amazon mit aufgebaut hat, sagt anerkennend, dass die Bafin sich in den vergangenen Jahren im Umgang mit den neuen Technologien stark verbessert habe. 2014 sei IDnow gemeinsam mit einer Bank zu den Aufsehern gegangen, um dort das Konzept Videolegitimation vorzustellen. Die Aufseher gaben ihre „Unbedenklichkeitserklärung“, und seitdem integrierten immer mehr Banken die Möglichkeit auf ihren Internetseiten.

          Über die Geschäftszahlen lässt sich Sittek nichts entlocken. Nur so viel: Als er vor eineinhalb Jahren bei IDnow angefangen habe, hätten dort sechs Leute gearbeitet; heute seien es 130. Neben dem Callcenter am Heimatstandort München betreibe das Unternehmen inzwischen auch noch welche in Leipzig, Schwerin und Düsseldorf. Das nächste Ziel sei die weitere Expansion in Europa, wo immer mehr nationale Bankenaufseher, zuletzt die Österreicher, die Videolegitimation akzeptierten. In der Schweiz und in Barcelona habe IDnow gerade neue Standorte eröffnet.

          Zahl der Betrugsversuche hält sich in Grenzen

          Callcenter-Mitarbeiter, ein sogenannter Agent, kann nicht jeder werden. Schließlich treten sie in den Videotelefonaten mit den potentiellen Kunden im Namen der verschiedenen Banken auf. „Bankadäquat“ sollten sie also schon aussehen, wie Sittek es nennt. Also keine auffälligen Tattoos und ordentliche Kleidung. Auch die Schufa-Auskunft und das polizeiliche Führungszeugnis müssen einwandfrei sein. Schließlich ist die Vertrauenswürdigkeit sowohl vor den Banken wie auch vor deren Kunden ein hohes Gut für das Unternehmen. Interne Betrugsfälle würden den Ruf schnell kaputtmachen.

          Am wichtigsten freilich ist, dass bei der Legitimierung kein Betrug durchrutscht. Nicht jeder Kriminelle versucht es so plump wie der Unterhosen-Mann, sich die Legitimierung widerrechtlich zu erschleichen und mit falscher Identität ein Konto zu eröffnen. Manche Betrüger versprechen im Internet Schufa-freie Kredite oder Ähnliches und lassen Unbedarfte dann Konten in ihrem Namen eröffnen, die sie wiederum für kriminelle Geschäfte nutzen. Um solchen Missbrauch zu verhindern, haben die Callcenter-Mitarbeiter laut Sittek eine ganze Reihe von psychologischen Fragen, die er aber freilich nicht verraten will.

          Selbst wenn sie Verdacht hegen, dass ein Betrugsversuch vorliegen könnte, müssen die IDnow-Mitarbeiter das Gespräch ganz ernst bis zum Ende führen. Erst hinterher sollen sie den Betrugsverdacht der Partner-Bank melden, die ihn dann gemäß dem Geldwäschegesetz an die Ermittlungsbehörden weiterreichen muss. Sittek gibt sich selbstbewusst: „Uns ist noch nie ein Betrüger durchgerutscht.“

          Aber auch die Zahl der Versuche halte sich in Grenzen, weil ja von den Anrufern und ihren Ausweisdokumenten Fotos gemacht würden – für Kriminelle eher abschreckend. Mehr als eine Million Identitäten hat IDnow laut Sittek in den vergangenen drei Jahren überprüft. Die Zahl der Betrugsversuche habe zuletzt bei vier von 10000 gelegen.

          Fintechs konzentrieren sich nicht mehr nur auf Banken als Kunden

          Insofern gibt er sich auch gelassen, was die Gefahr angeht, dass die großen Finanzkonzerne das Geschäft künftig einfach selbst übernehmen könnten. „Wenn die Systeme gut sind, können sie nicht einfach nachgebaut werden“, sagt Sittek. „Eine Bank würde ja auch nicht Microsoft Word nachbauen.“

          Doch die Fintechs konzentrieren sich schon nicht mehr nur auf die Banken als Kunden. Auch viele Versicherungen fragten zunehmend bei ihm an, erzählt Sittek, ebenso wie andere Unternehmen, deren Geschäft sich immer stärker im Internet abspielt. Denn inzwischen lassen sich über die Videotelefonate auch schon Ratenkredite im Online-Handel und andere Verträge unterzeichnen – per E-Signatur.

          Den nächsten großen Schub für das Geschäft erhofft sich Sittek davon, dass sich vom 1. Juli an auch Käufer von Prepaid-Karten für das Handy ausweisen müssen – was Kriminellen das Handwerk erschweren soll. 17 Millionen solcher Karten würden jedes Jahr in Deutschland verkauft, unter anderem in Kiosken und an Discounter-Kassen. Aus Sicht von Sittek liegt in der rechtssicheren Legitimierung ein ideales Einsatzfeld für seine Agenten.

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