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Corona-Zeiten : In der Krise horten die Menschen Bargeld

Der Bargeldumlauf ist allein im Juli um fast 10 Prozent gestiegen. Bild: dpa

Die EZB ist der Frage nachgegangen, warum die Menschen derzeit viel mehr sparen als früher: Liegt es an mehr Vorsicht oder einfach an weniger Möglichkeiten zum Reisen und Einkaufen?

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          Um mehr als zehn Prozent ist die Geldmenge in Europa zuletzt gewachsen. Das ist außergewöhnlich viel und weckt bei manchen Menschen schon Sorgen, aus so viel Geld könnte irgendwann Inflation erwachsen. Grund genug für die Europäische Zentralbank (EZB), sich in ihrem am Donnerstag veröffentlichten Wirtschaftsbericht ausführlich mit den Ursachen des Geldmengenwachstums zu befassen. Auch wenn der Zusammenhang zwischen Geldmenge und Inflation, wenn es ihn überhaupt je gegeben hat, heute nach Ansicht vieler Ökonomen nicht mehr besonders stark ist.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Die nüchternen Zahlen sind deutlich: Um 9,2 Prozent ist die breit gefasste Geldmenge M3 im Juni gewachsen, um 10,2 Prozent im Juli. Das war immerhin der stärkste Anstieg seit Mai 2008.

          Was steckt dahinter? Zu dieser breit gefassten Geldmenge gehören neben dem Bargeld und dem Geld auf Girokonten auch noch diverse Wertpapiere und Anlagen, die relativ geldähnlich sind. Die EZB schreibt nun, ein Faktor, der in der Krise zu beobachten sei, sei ein starker Anstieg der Sichteinlagen auf den Girokonten, aber auch im Bargeldumlauf. Der Anstieg der enger gefassten Geldmenge M1, das ist das Bargeld und das Geld von Nichtbanken auf Girokonten, sei der „Treiber“ für das Geldmengenwachstum insgesamt gewesen.

          Mehr Geld auf Girokonten

          „Der Anstieg des Geldmengenwachstums war auch auf die umfangreichen Stützungsmaßnahmen zurückzuführen, die seitens der Geld- und Finanzpolitik sowie der Regulierungs- und Aufsichtsbehörden ergriffen wurden, um die Wirtschaft für die Bewältigung der ökonomischen Folgen der Corona-Krise mit ausreichend Liquidität zu versorgen“, schreiben die Ökonomen der EZB. Soll heißen: Es waren die Staaten, die Geld ins System gepumpt haben, und die Notenbanken, die entsprechend Liquidität bereitstellten, die für den Anstieg der Geldmenge mit verantwortlich sind.    

          Bei den Girokonten seien es noch mehr die Unternehmen als die Privatleute, die in der Krise mehr Geld als sonst bereit gehalten hätten. „Die jährliche Wachstumsrate der täglich fälligen Einlagen stieg von 13,1 Prozent im Juni auf 14,1 Prozent im Juli und leistete damit den größten Beitrag zum Geldmengenwachstum“, schreibt die EZB. „Der Zuwachs war vor allem den Einlagenbeständen von Unternehmen zuzuschreiben.“

          Aber auch der Bargeldumlauf habe in der Krise deutlich zugenommen, im Juli um 9,8 Prozent. „Das ist auf eine Tendenz zur Bargeld-Hortung vor dem Hintergrund der erheblichen Unsicherheit zurückzuführen“, schreiben die EZB-Ökonomen. Die sonstigen kurzfristigen Einlagen und marktfähigen Finanzinstrumente hätten trotz des niedrigen Zinsniveaus einen nur kleinen, aber steigenden Beitrag zum Wachstum der Geldmenge geleistet.

          Auf der Kreditseite seien es vor allem die inländischen Kredite an Unternehmen gewesen, die eine Haupttriebfeder des Geldmengenwachstums gewesen seien. Aber auch der Kauf von Staatsanleihen („Nettoerwerb von Schuldverschreibungen der öffentlichen Haushalte“) durch die Notenbanken des Eurosystems habe im Juli stärker zum Wachstum der Geldmenge beigetragen als in den Monaten davor. Dahinter steckten die Anleihe-Kaufprogramme PEPP und APP.

          Weniger Ausgaben für Bekleidung

          Intensiv befasst sich die Notenbank auch mit den hohen Sparquoten der Bürger in der Krise. Erst am Mittwoch hatte die DZ Bank vermeldet, sie rechne mit einer Sparquote für Deutschland fürs ganze Jahr von 16 Prozent, nach 10,9 Prozent im Vorjahr. Die Deutschen sind also jetzt noch sparsamer als sonst.  

          Im zweiten Quartal lag die Sparquote in Deutschland bei stolzen 20,1 Prozent. Wenn man die Konsumausgaben im ersten Halbjahr mit dem Vorjahreszeitraum vergleiche, dann falle auf, dass der Auslandskonsum um 14,6 Prozent zurückgegangen sei, der Inlandskonsum um 5,6 Prozent. „Hinter dem rückläufigen Auslandskonsum steckt vor allem der ausgefallene Auslandsurlaub“, sagte Michael Stappel, Ökonom der DZ Bank. Im Inland seien vor allem die privaten Konsumausgaben in Hotels und Restaurants zurückgegangen, die um 35 Prozent sanken. Für Kleidung und Schuhe gaben die Deutschen 17 Prozent weniger aus. Die Ausgaben für Verkehr und Medien fielen um 24 Prozent, die für Freizeit, Unterhaltung und Kultur um 13 Prozent.

          Die EZB hat sich nun mit der Frage befasst, ob für ganz Europa betrachtet die erhöhte Sparquote eher etwas damit zu tun hat, dass die Menschen ihr Geld zurückhalten, weil sie Angst beispielsweise vor einem Verlust des Arbeitsplatzes haben. Oder einfach, weil die Corona-Regeln es gar nicht so einfach machen, das Geld auszugeben. Beispielsweise weil die Regierung Auslandsurlaube zeitweise unmöglich machte oder erschwerte.

          Die Notenbank kommt nun nach allerhand Analysen und Modellrechnungen zu dem Ergebnis: „Unfreiwilliges Sparen scheint der wichtigste Faktor für die jüngste Zunahme der Ersparnisse privater Haushalte zu sein.“ Zwar habe gerade im zweiten Quartal dieses Jahres, also in den Monaten April, Mai, Juni, auch der Anstieg der erwarteten Arbeitslosigkeit zum Anstieg einer Vorsichtskasse bei den privaten Haushalten beigetragen. „Aber den Anstieg der Sparquote kann das zum Großteil nicht erklären.“

          Diese Deutung enthält Optimismus: Wenn die Menschen nur deshalb zuletzt weniger Geld ausgegeben haben, weil die ganzen Corona-Regeln ihnen das Geldausgeben erschwert haben, dann können sie das nachholen, wenn die Regelungen gelockert werden. Wenn allgemeiner Pessimismus der Hauptgrund für die neue Sparsamkeit gewesen wäre, hätte das vermutlich längere Folgen gehabt.

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