https://www.faz.net/-hbv-8ejkd

Fintechs : Europas Finanz-Nachwuchs hinkt hinterher

Bank oder Google? Lässigkeit im neuen Techniklabor von JP Morgan Bild: Bloomberg

Auch wenn in Europa kräftig investiert wird – im internationalen Vergleich liegt die alte Welt weit zurück. Jedoch bietet der Markt riesige Chancen. Vor allem eine Technologie bleibt vielversprechend.

          In Amerika und Asien wird deutlich mehr Geld in junge Finanzunternehmen investiert als in Europa. Während amerikanische Fintechs im vergangenen Jahr 7,4 Milliarden Dollar (6,75 Milliarden Euro) einsammeln konnten und die Kollegen in Asien 4,5 Milliarden Dollar, steckten Investoren in Europa nur 1,5 Milliarden Dollar in diese junge Branche, in der viele die Zukunft der Banken und Finanzgeschäfte sehen. Wie aus einer Studie der Beratungsgesellschaft KPMG und von CB Insights hervorgeht, finden sich unter den größten Fintech-Unternehmen dementsprechend auch kaum europäische Anbieter.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Inzwischen gibt es laut der Studie 19 Fintechs in der Welt, die mit einer Milliarde Dollar und mehr bewertet werden und somit zu den sogenannten Einhörnern zählen. Am höchsten bewertet sind zwei chinesische Fintechs, Lu.com mit 10 Milliarden Dollar und Zhong An Insurance mit 8 Milliarden. Den dritten Platz teilen sich mit jeweils 5 Milliarden Dollar die beiden amerikanischen Anbieter Stripe und Social Finance. Letzterer wurde gerade auch in Deutschland bekannt, weil der frühere Deutsche-Bank-Chef Anshu Jain dort als Berater anfängt. Die meisten der großen Fintechs bieten Kreditvermittlung oder Zahlungsdienste an.

          Investitionssumme in Deutschland verdoppelt

          Vor allem die Zahl der großen Finanzierungsrunden, mit denen die jungen Unternehmen mehr als 50 Millionen Dollar eingesammelt haben, ist gestiegen. Gab es im Jahr 2013 gerade einmal fünf solcher Deals in Amerika, waren es allein dort im vergangenen Jahr 38. Am meisten Geld, nämlich eine Milliarde Dollar, gaben Investoren dem Kreditmarktplatz Social Finance. In Asien zählten die KPMG-Berater 17 große Finanzierungsrunden, in Europa gerade einmal acht.

          Die Investitionen insgesamt sind im Jahr 2015 mit 19,1 Milliarden Dollar um 56 Prozent gegenüber dem Vorjahr gestiegen. Den größten Anteil daran, knapp drei Viertel, stellten Wagniskapitalgeber zur Verfügung. Im Vergleich zu 2014 ist das eine Verdoppelung. Gleichzeitig engagieren sich aber auch immer mehr etablierte Unternehmen bei der Finanzierung: Sie waren im Jahr 2015 an knapp einem Viertel der Investments beteiligt. Auch hier sind die etablierten Unternehmen in Europa zurückhaltender als im Rest der Welt. Sie waren an weniger als 15 Prozent der Finanzierungsrunden beteiligt.

          In Deutschland verdoppelte sich die Investitionssumme in Fintechs von 2014 bis 2015 nahezu auf 193 Millionen Dollar. Damit liegt der Markt im internationalen Vergleich aber immer noch weit zurück. Tim Dümichen, Partner bei KPMG, ist aber dennoch auch für Europa zuversichtlich. „Erfahrene Management-Teams, hochqualifizierte Mitarbeiter und sehr interessante Geschäftsmodelle ziehen hier große Aufmerksamkeit auf sich. Und das sorgt für entsprechende Investitionen.“

          Riesige Vorteile nach Durchbruch

          Im letzten Quartal 2015 gingen die Investitionen in die Fintech-Branche allerdings zurück, sowohl im Vergleich zum Vorquartal wie auch zum gleichen Zeitraum des Vorjahres. Nach Ansicht von Dümichen ist das ein Zeichen dafür, dass das Aufnehmen neuer Mittel für die Fintechs schwieriger werden dürfte. „Auch dürften Bewertungen etwas nach unten geschraubt werden, da sie sich inzwischen doch recht häufig von den zugrundeliegenden Fundamentaldaten entfernt haben“, sagt der Berater. Allerdings weisen die Autoren der Studie auch auf die allgemeine Verunsicherung unter Investoren hin.

          Der Investitionsschub im vergangenen Jahr wurde vor allem durch die Blockchain-Technologie angetrieben, die durch die Internetwährung Bitcoin bekannt geworden ist und in der viele Banken und Börsenbetreiber die potentielle neue Technologie für alle möglichen Finanzgeschäfte sehen. Nahezu alle großen Banken und Börsen in Europa und den Vereinigten Staaten haben im vergangenen Jahr entweder eigene Forschung dazu aufgenommen oder sich an Unternehmen beteiligt, welche die Blockchain für ihre Geschäftszwecke nutzbar machen sollen. Wagniskapitalgeber haben ihre Investitionen auf diesem Gebiet von 298 Millionen Dollar im Jahr 2014 auf 474 Millionen Dollar im vergangenen Jahr erhöht.

          Allerdings warnen die Berater von KPMG auch vor allzu hohe Erwartungen an die Blockchain. Denn bei allen Möglichkeiten, die diese Technologie für die Banken und Kapitalmärkte bieten könnte, bestehen immer noch viele Hürden, bis sie einmal wirklich flächendeckend eingesetzt werden kann. Investoren bräuchten also einen langen Atem, kurzfristige Erwartungen könnten leicht enttäuscht werden. Aus heutiger Sicht sei die Blockchain weder schnell noch verbreitet genug, um für alltägliche Bankgeschäfte benutzt zu werden, noch lasse sie sich ausreichend kontrollieren. Dennoch sei es wichtig, jetzt mit dieser Technologie zu experimentieren. Denn wenn ihr einmal der Durchbruch gelinge, könnten die Vorteile riesig sein.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Wahlsieger in Großbritannien: Nigel Farage

          Europawahl : Brexit-Partei in Großbritannien stärkste Kraft

          Mit satten 31,5 Prozent liegt die europafeindliche Brexit-Partei von Nigel Farage in Großbritannien ersten Prognosen zufolge vorn. Die konservativen Tories müssen mit einer herben Schlappe rechnen.
          Angst vor Populisten und der Wunsch nach einer anderen Klimapolitik haben die Menschen in Europa an die Wahlurnen getrieben.

          Die EU hat gewählt : Europas Ängste

          Zu wenig Klimaschutz, zu viel Nationalismus: Wegen dieser Sorgen haben sich viel mehr Bürger an der Europawahl beteiligt. Nicht in allen Ländern wurden die Rechtspopulisten jedoch ausgebremst.
          Großer Jubel bei Sebastian Wippel, dem AfD-Landtagsabgeordneten und Oberbürgermeisterkandidaten in der sächsischen Stadt Görlitz

          Europawahl : AfD siegt in Brandenburg und Sachsen

          Die AfD erreicht bei der Europawahl in Ostdeutschland große Zugewinne. In zwei Ländern ist sie nun stärkste Kraft – ein Fingerzeig für die Landtagswahlen im Herbst?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.