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Ethische Geldanlage : Das Geschäft mit dem guten Gewissen

Nachhaltige Geldanlagen investieren unter anderem in alternative Energien. Bild: obs

Nachhaltige Fonds schneiden im Schnitt genauso gut ab wie nicht-nachhaltige Fonds. Vor allem bei passiven Fonds sollten Anleger aber genau hinschauen, wie Nachhaltigkeit definiert wird.

          Banker oder Fondsmanager haben nicht erst seit der Finanzkrise den zweifelhaften Ruf, gierig zu sein und auf der Jagd nach immer höheren Renditen vor keiner moralischen Verwerflichkeit haltzumachen. Der Trend geht jedoch in die gegenläufige Richtung. Das zeigt eine Auswertung der Ratingagentur Scope, die der F.A.Z. vorab vorliegt. So gibt es in Deutschland aktuell 546 Investmentfonds für Privatanleger, die auf Nachhaltigkeit ausgerichtet sind und ein Vermögen von rund 148 Milliarden Euro verwalten. Die Anzahl nachhaltiger Fonds stieg damit im Vergleich zum Vorjahr um mehr als ein Viertel an. Der Zuwachs um mehr als 100 Fonds ist aber auch dem Umstand geschuldet, dass schon bestehende Fonds als nachhaltig eingestuft wurden – so Scope.

          Antonia Mannweiler

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Dennoch spricht die Zunahme dafür, dass es Anlegern – allen voran Institutionellen – immer wichtiger wird, ihr Geld in nachhaltige Anlageformen zu investieren, sagt Ingo Speich, Fondsmanager der Union Investment und Fachmann für nachhaltige Fonds. „Es geht vor allem um ein verbessertes Risikomanagement.“ Dieses erreicht man beispielsweise durch das Vermeiden von Klagen oder Reputationsrisiken. Nachhaltige Investitionen rechnen sich für Investoren aber auch direkt. Die von Scope verglichenen nachhaltigen Aktienfonds in Europa schnitten mit einer Wertentwicklung von 2,8 Prozent sogar etwas besser ab als der Vergleichswert von Fonds ohne Fokus auf Nachhaltigkeit. Diese erzielten eine Rendite von 2,1 Prozent. Und auch im weltweiten Vergleich gab es nahezu keinen Unterschied.

          Sollte man als Anleger also nur noch in nachhaltige Fonds investieren, wenn es sowieso keine Renditeunterschiede gibt? Das lässt sich nicht so einfach beantworten. Denn auch wenn die Zahlen zeigen, dass sich die Renditen kaum unterscheiden, sind die Zahlen immer noch nur ein Durchschnittswert. Die Anzahl nachhaltiger Fonds beträgt derzeit nicht einmal 10 Prozent des gesamten Fondsmarktes. Ein nachhaltiger Fonds, der besonders gut läuft, nimmt damit schon ein relativ großes Gewicht in der Bewertung ein und kann den Renditedurchschnitt mitunter auch verzerren.

          Ethisch bedenkliche Anlagen müssen draußen bleiben

          Zudem sollten Anleger einen besonderen Blick auf die Investmentansätze nachhaltiger Fonds werfen. Nachhaltig heißt nämlich nicht immer gleich nachhaltig. Das liegt auch daran, dass es keine standardisierte Richtlinie gibt. Fondsanbieter legen nach eigenen Kriterien fest, wie sie Nachhaltigkeit definieren.

          Einer der wohl am häufigsten angewendete Ansätze beschränkt sich darauf, ethisch bedenkliche Anlagen schlicht aus dem Portfolio auszuschließen. Dazu gehört beispielsweise der Ausschluss von Investitionen in die Waffen- oder Rüstungsindustrie, Suchtmittel, Kernkraft oder solchen, die in Verbindung mit Kinderarbeit stehen. Andere Ansätze verfolgen dagegen die aktive Auflage von nachhaltigen Themenfonds wie Wasserfonds oder Fonds für erneuerbare Energien – sie vermeiden also nicht nur etwas Negatives, sondern versuchen auch, etwas Nachhaltiges zu schaffen.

          Ein anderer Ansatz ist das Best-In-Class-Prinzip. Dieses verfolgt das Ziel, Unternehmen in das Portfolio aufzunehmen, die mit Bezug auf die sogenannten ESG-Kriterien führend in ihrer jeweiligen Branche sind. Die Abkürzung ESG steht dabei für Umwelt, Soziales und Unternehmensführung – Dimensionen für Nachhaltigkeit. Zwar filtert diese Methode die jeweils nachhaltigsten Unternehmen der Branche heraus. Ausgeschlossen wird dabei aber kein Sektor. So kann es auch dazu kommen, dass plötzlich Unternehmen wie Shell oder American Tobacco als größte Positionen im Portfolio auftauchen.

          Best-In-Class-Ansatz hat seine Tücken

          Keine Branche auszuschließen bietet Anlegern den Vorteil eines ausgewogeneren Portfolios; der Nachteil liegt aber klar auf der Hand: Mit diesem Ansatz investiert man unter Umständen auch in ethisch bedenkliche Branchen wie die Öl- oder Tabakindustrie. „Wenn jemand wirklich nachhaltig anlegen will, ist so ein Ansatz alleine betrachtet unzureichend“, sagt Speich.

          Von den ausgewerteten Fonds mit Nachhaltigkeitsbezug wurden insgesamt 91 Prozent aktiv verwaltet. Weniger als 10 Prozent der nachhaltigen Fonds wurden passiv verwaltet. Dennoch gehört zum Beispiel Black Rock mit 13 Fonds und einem verwalteten Vermögen von 3,7 Milliarden Euro zu den führenden Anbietern solcher Fonds, die sich zumeist durch niedrigere Kosten auszeichnen. Passive Fonds orientieren sich dabei an Indizes, wie beispielsweise dem MSCI World Sustainability Index oder dem Dow Jones Sustainability World Index (DJSWI), welcher 1999 nach dem Prinzip Best-in-Class lanciert wurde. In der Indexliste des DJSWI finden sich daher auch Unternehmen wie British American Tobacco, Nestlé, Atlantia oder der Rüstungskonzern Lockheed Martin. Passive Fonds reagieren aus Sicht von Speich zu langsam auf Veränderungen. „Wenn Bayer ein Unternehmen wie Monsanto übernimmt, können wir schnell reagieren“, sagt Speich. Passive Fonds könnten das nicht.

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