https://www.faz.net/-hbv-8uo95

Raiffeisenbank Gmund : Wie sich Negativzinsen auf die Einlagen auswirken

„Für jede Million, die Kunden mir bringen, zahle ich 4000 Euro drauf“: Josef Paul, Chef der Raiffeisenbank Gmund Bild: dpa

Als eine der ersten Banken hat die Raiffeisenbank Gmund Negativzinsen eingeführt. Von den Erfahrungen des kleinen Instituts könnten auch die Großen der Branche etwas lernen.

          Schon am zweiten Tag sei der erste Kunde mit immerhin zwei Millionen Euro zur Konkurrenz, der örtlichen Sparkasse, gewechselt, erzählt Josef Paul. Der Vorstand der Raiffeisenbank Gmund am Tegernsee, die im vorigen Jahr als eine der ersten Banken in Deutschland Negativzinsen auch für Privatkunden von 100.000 Euro an einführte, hat jetzt eine erste Bilanz dieses ungewöhnlichen Schritts gezogen. Demnach hat die Bank durch die Einführung der Negativzinsen rund ein Fünftel weniger Einlagen auf Giro- und Tagesgeldkonten. Sie erzielt jetzt tatsächlich Einnahmen aus den Negativzinsen, wenn auch bescheidene. Und sie verzeichnete bislang keine Kontoauflösungen.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Möglicherweise könnten die Erfahrungen aus Gmund zeigen, wie es auch anderen Banken ergehen könnte. Ausgangspunkt in Gmund war gewesen, dass die Bank Anfang vorigen Jahres einen ungewöhnlichen Zustrom von Sichteinlagen, also Geldern auf Giro- und Tagesgeldkonten verzeichnete. Und zwar jeweils Beträge von 100.000, 200.000 Euro oder mehr von Kunden ohne nennenswerte sonstige Kontakte zu dem Geldhaus. „Die warten - auf bessere Zeiten oder dass der Zins steigt“, war der Befund der Bank.

          Weil das Institut selbst 0,4 Prozent Negativzinsen auf seine Einlagen beim genossenschaftlichen Spitzeninstitut DZ Bank zahlte, wollte die Raiffeisenbank zumindest nicht zur Sammelstelle für vagabundierende Großeinlagen werden („Für jede Million, die Kunden mir bringen, zahle ich 4000 Euro drauf“). Das Institut verhängte nach Gesprächen mit 139 Kunden mit zusammen 40 Millionen Euro Sichteinlagen ein Verwahrentgelt von 0,4 Prozent für Einlagen über 100.000 Euro. Von diesen 139 Kunden, die potentiell für die Negativzinsen in Frage gekommen wären, zahlen jetzt laut Vorstand Paul nur 19 für die Verwahrung ihres Ersparten tatsächlich Zinsen an die Bank. Die anderen habe man zu einer Änderung ihres Anlageverhaltens bewegen können.

          Monatlich 2000 Euro Zinserträge für die Bank

          In der letzten Monatsabrechnung habe die Bank rund 2000 Euro Zinserträge aus negativen Zinsen verbuchen können - das sei nicht die Welt, aber hohe Einnahmen seien auch nicht der Sinn der Sache gewesen, sagte Paul. Es sei darum gegangen, das Parken von großen Summen für Großanleger unattraktiv zu machen. Ganz streng war die Bank mit ihrer Grenze von 100.000 Euro dabei nicht: Nur wer im Abrechnungszeitraum in einem Monat durchschnittlich mehr als 150.000 Euro auf dem Konto hatte, wurde tatsächlich mit Negativzinsen belastet.

          Die Sichteinlagen der Bank auf Giro- und Tagesgeldkonten seien durch die Einführung der Negativzinsen um 16 Millionen Euro oder 19 Prozent verringert worden, sagte Paul. Das sei ein nicht unbeträchtlicher Betrag für die kleine Bank. Ein Teil der Sichteinlagen ist demnach zu anderen Banken abgeflossen, ein Teil wurde in längerfristige Spareinlagen umgewandelt, und wieder ein anderer Teil wurde in Wertpapiere investiert. Etwa 5 Millionen Euro oder 2 Prozent des gesamten verwalteten Vermögens von vorher 258 Millionen Euro (innerhalb und außerhalb der Bilanz) habe die Bank an andere verloren. Weitere rund 5 Millionen Euro seien innerhalb der Bank umgeschichtet worden von Giro- und Tagesgeldkonten auf Sparkonten mit einer Kündigungsfrist von mindestens drei Monaten.

          Weitere Teile der Sichteinlagen hätten die Kunden in Wertpapiere und Ähnliches investiert. So habe ein Kunde, der vorher 300.000 Euro als Sichteinlage bei der Bank deponiert hatte, mit der Einführung der Negativzinsen sogar weitere 200.000 Euro zu der Bank geholt und in Wertpapiere investiert.

          Weitere Themen

          Morphosys haussieren

          Neue Studiendaten : Morphosys haussieren

          Morphosys kann mit neuen Studiendaten zu einem wichtigen Medikament punkten. Die Börse feiert, der Aktienkurs schnellt hoch. Wie riskant ist jetzt der Einstieg in die Biotech-Aktie aus dem M-Dax?

          Topmeldungen

          Aktuell gibt es in Deutschland nur einen Bruchteil der bis 2020 anvisierten 100.000 Ladestellen.

          Elektromobilität : Strom-Tankstellen auf Staatskosten

          Im Kanzleramt findet gerade ein Autogipfel statt. Ein Thema: Elektro-Autos. Sie sind für die Industrie das nächste Milliardengeschäft. Doch die Ladesäulen soll der Staat bezahlen – mit bis zu einer Milliarde Euro. Aber muss das sein?
          Der Europarat in Straßburg

          Stimmrecht im Europarat : Die Russen sind schon in der Stadt

          Ein Akt der Verzweiflung in 220 Teilen: Wie die Ukraine versucht, in letzter Minute die Aufhebung der Sanktionen gegen die russischen Abgeordneten in der Parlamentarischen Versammlung des Europarats zu verhindern.

          FAZ Plus Artikel: CDU und AfD : Noch nicht mal zum Kaffeeplausch

          Die Union will sich stärker von der AfD abgrenzen und fasste einen Beschluss, in dem sie die Ermordung Walter Lübckes mit dem Handeln der AfD in Zusammenhang bringt – steht nun ihre Beziehung zu den Sicherheitsbehörden auf dem Spiel?

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.