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Edelmetalle : Deutsche horten so viel Gold wie nie

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, in Gold zu investieren Bild: dpa

Gut zwei Drittel der Deutschen besitzen Gold. 40 Prozent lagern es zuhause. Das unterscheidet sie von den meisten anderen Völkern. Woher kommt die besondere Liebe zum Gold?

          Die Goldbestände privater Haushalte in Deutschland haben einen Rekordstand erreicht. Das geht aus einer Studie der Steinbeis-Hochschule für die Reisebank hervor. Demnach besitzen Privatleute in Deutschland derzeit rund 8918 Tonnen Gold, davon 4925 Tonnen in Form von Barren und Münzen und knapp 4000 Tonnen in Form von Schmuck. Das ist eine größere Menge als beispielsweise die Goldreserven der Vereinigten Staaten von Amerika, die bei der Notenbank Federal Reserve, kurz Fed, gelagert werden. Die Wissenschaftler haben diese Zahlen mit Hilfe einer repräsentativen Befragung von 2000 Deutschen berechnet.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Seit der vorigen Erhebung dieser Art wuchsen die Goldbestände der privaten Haushalte in Deutschland demnach um rund 246 Tonnen. Rechnet man die Bestände der Deutschen Bundesbank hinzu, das sind etwa 3369,7 Tonnen, so sind rund 6,5 Prozent der globalen Goldbestände in deutschem Besitz: Eine ganze Menge, wenn man bedenkt, dass der deutsche Anteil an der Weltbevölkerung lediglich rund 1 Prozent beträgt.

          In der Studie gaben drei Viertel der Befragten an, in irgendeiner Form Gold zu besitzen. Die Goldbesitzer teilen sich dabei in drei Gruppen auf. Rund 37,9 Prozent der Bevölkerung in Deutschland besitzen Münzen und Barren. 61,6 Prozent besitzen Schmuck aus Gold. Und 14,8 Prozent besitzen Wertpapiere, die in irgendeiner Form mit Gold verbundenen sind.

          Seit dem Jahr 2010 ist demnach der Besitz von Gold in Form von Schmuck in Deutschland insgesamt von 3566 Tonnen auf 3993 Tonnen gestiegen, ein Plus von knapp 12 Prozent. Goldanlagen in Barren und Münzen hingegen haben stärker zugenommen, von 3992 auf 4925 Tonnen, ein Plus also von rund 23 Prozent. Es ist also wohl vor allem das Anlagemotiv, dass die Goldbestände der Deutschen vergrößert hat. Im Durchschnitt kämen der Studie zufolge jetzt 58 Gramm Goldschmuck auf jeden Deutschen und 71 Gramm Gold in Form von Barren und Münzen.

          Mit der interessanten Geschichte dieser überdurchschnittlichen Goldhaltung in Deutschland hatte sich schon im vergangenen Jahr die Lobbyorganisation World Gold Council beschäftigt. Im Jahr 2016 hatte schließlich kein Land der Welt je Einwohner mehr Geld für Goldbarren, Goldmünzen und Goldschmuck ausgegeben als Deutschland. „Die deutsche Gier nach dem Gold“ oder „Die mysteriöse Flucht der Deutschen ins Gold“ titelten damals die Zeitungen. Deutschland lag mit einem durchschnittlichen Pro-Kopf-Investment in Gold von 50 Euro im Jahr nicht nur auf dem ersten Platz in der Welt, vor der Türkei, China und den Vereinigten Staaten. Der Vorsprung vor dem Zweitplatzierten, der Türkei war auch ungewöhnlich groß: In Deutschland wurden mit 1,4 Gramm je Einwohner mehr als 50 Prozent mehr gekauft als in der Türkei mit knapp 0,9 Gramm.

          Mehr als in anderen Ländern wird in Deutschland Gold dabei von den Privatleuten offenbar als wertbeständige Geldanlage angesehen – in anderen traditionellen Goldländern wie beispielsweise Indien oder China hingegen dominiert die Schmucknachfrage.

          „German Angst“

          Als Ursache für das besondere Interesse der Deutschen an Gold wird häufig die „German Angst“ angeführt – ein besonderes Sicherheitsbedürfnis, das allgemein mit der eher vorsichtigen Mentalität oder auch mit der besonderen deutschen Geschichte mit zwei Weltkriegen, Inflation und Währungsreformen zu tun haben könnte. Das ist allerdings alles umstritten. Auf jeden Fall halten die Deutschen mehr Geld in Form von den als relativ sicher geltenden Bankeinlagen als die Menschen in vielen anderen Ländern – und sie kaufen tendenziell mehr Gold und im Gegenzug deutlich weniger Aktien.

          In Umfragen im vergangenen Jahr wurden von den Gold-Fans als Begründung für ihr Gold-Investment unter anderem Angst vor einem Euro-Crash, die Schuldenkrise im Euroraum und Skepsis gegenüber dem Finanzsystem genannt, sowie Besorgnis über eine mögliche Vermögensvernichtung durch Negativzinsen. 48 Prozent der Befragten gaben an, dass ihnen Gold „ein Gefühl der Sicherheit“ gebe.

          Die Gold-Anhängerschaft ist dabei offenbar nach wie vor recht stark vom eigenen Handeln überzeugt. Immerhin 91 Prozent derjenigen, die in der Vergangenheit schon Gold zu Anlagezwecken gekauft hatten, gaben jetzt in der Umfrage an, mit ihrer Entscheidung weiterhin zufrieden zu sein. Unter den Gold-Fans waren dabei die wohlhabenderen Schichten überproportional vertreten, sowohl was das Einkommen, als auch was das Vermögen betrifft. In der Gruppe mit mehr als 4000 Euro Monatseinkommen und in der Gruppe mit mehr als 400000 Euro Anlagevermögen gab es in der Umfrage überdurchschnittlich viele Gold-Anleger – vermutlich einfach hinsichtlich der Gelegenheit zu einem solchen Investment. Interessant auch die Auskunft darüber, wo die Goldanleger ihre Pretiosen aufbewahren: 39 Prozent sagten „im Schließfach meiner Bank“, 5 Prozent sagten „im Edelmetalldepot“ oder „Verwahrlösung bei einem spezialisierten Drittanbieter“ – und immerhin 38,3 Prozent sagten „zu Hause“.

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