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Geldanlage : Die Tücken der Dividenden

Symbole am Aktienmarkt: Bär und Bulle Bild: Picture-Alliance

Besonders in Zeiten der Niedrigzinsen gelten Aktien mit hohen Ausschüttungen als attraktiv. Doch in Wahrheit sind sie es nur selten.

          5 Min.

          Das Wort „Dividende“ hat es unter Anlegern zu einiger Berühmtheit gebracht. Eine Entwicklung, die so nicht abzusehen war. Schließlich handelt es sich um ein Fremdwort aus einer Welt, der viele Deutsche mit Zurückhaltung oder gar mit Skepsis gegenüberstehen: der Finanzwelt.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch das Interesse an Dividenden – also an den jährlichen Ausschüttungen der Aktiengesellschaften an ihre Aktionäre – hat von Jahr zu Jahr zugenommen. Dies hat mit einer Entwicklung zu tun, die selbst all jene mitbekommen haben, die sich sonst wenig für Geldanlage interessieren: Die Zinsen im Euroraum notieren nun schon seit Jahren nahe null Prozent. Wer auf klassische Weise sparen will, kommt damit nicht weit. Die Ausschüttungen der Unternehmen an ihre Aktionäre dagegen haben zuletzt von Jahr zu Jahr neue Rekordhöhen erreicht, was viele dieser Dividendenaktien mit einem Mal auch für ganz normale Sparer attraktiv machte.

          Die Finanzbranche sah ihre Chance gekommen und tat alles dafür, den Dividendenboom zu stützen: Mit Slogans wie „Die Dividende ist der neue Zins“ machte die Branche Werbung für ihre Dividendenfonds, und zwar mit durchschlagendem Erfolg. So ist beispielsweise der Fonds DWS Top Dividende mit einem verwalteten Vermögen von fast 21 Milliarden Euro zu einem der größten Fonds Europas geworden. Auch viele Deutsche haben ihr Geld dort angelegt.

          Machen Dividenden das Depot verlässlicher?

          Was aber ist wirklich dran an dem Versprechen, dass Dividenden das Depot verlässlicher machen? Leider weniger als gedacht. Dies hat nicht nur mit der im Prinzip trivialen Einsicht zu tun, dass die Dividende natürlich nicht der neue Zins ist – die Gleichsetzung ist Humbug. Denn anders als bei den Zinsen einer Anleihe ist ein Unternehmen nicht verpflichtet, Geld an seine Aktionäre auszuschütten. Auch wenn viele Firmen sich bemühen, jedes Jahr mehr zu zahlen als im Vorjahr, gibt es dafür keine Garantie. Außerdem handelt es sich auch bei Dividendenaktien selbstverständlich um Aktien, was bedeutet: Ihr Kurs kann derart stark fallen, dass selbst die schönste Ausschüttung nicht weiterhilft.

          Gehört zu den verlässlichen Zahlern: der Versicherungskonzern Munich Re

          Diese allgemeine Erkenntnis geht mit einer unangenehmen Feststellung einher. Erstmals seit 2015 werden die Ausschüttungen im Dax aller Voraussicht nach wieder sinken, einen neuen Dividendenrekord wird es für die Dax-Konzerne nicht geben (siehe Grafik). Stattdessen erwartet die Commerzbank bei den nun anstehenden Zahlungen für das abgelaufene Geschäftsjahr einen Wert von 37,2 Milliarden Euro. Das wäre zwar immer noch der zweithöchste Wert aller Zeiten, zeigt aber auch: Wer mit Dividendenaktien Geld verdienen will, muss viel genauer hinschauen als früher.

          Warum das so ist, lässt sich wunderbar an den Entwicklungen im Dax verdeutlichen. „Der Strukturwandel, den viele Branchen gerade erleben, macht sich auch in der Ausschüttungspolitik der Unternehmen bemerkbar“, sagt Commerzbank-Analyst Andreas Hürkamp. In der Tat: Der Daimler-Konzern, jahrelang der Rekordzahler im Dax, wird seine Ausschüttungen drastisch senken. Auch beim Autokonzern BMW sowie beim Zulieferer Continental ist mit Dividendenkürzungen zu rechnen, wenn auch nicht im gleichen Ausmaß wie bei Daimler.

          Rund 500 Millionen Euro weniger wird die Deutsche Telekom ihren Aktionären zahlen, was Telekom-Chef Timotheus Höttges auch mit den hohen Investitionen in die 5G-Technologie begründet. Auf 60 Cent statt 70 Cent Ausschüttung je Aktie müssen sich die Anleger einstellen. Ein anderes Problemunternehmen verzichtet für das vergangene Geschäftsjahr sogar völlig auf jede Ausschüttung: Nach dem Milliardenverlust 2019 zahlt die Deutsche Bank als einziger Dax-Konzern gar keine Dividende.

          Aber sind deswegen Firmen die bessere Wahl, die höhere oder mindestens gleichhohe Dividenden wie im Vorjahr zahlen werden? Nur auf den ersten Blick. Das zeigen die Beispiele der beiden Chemiekonzerne Covestro und BASF. Covestro hält die Ausschüttung aller Voraussicht nach konstant, BASF wird sie wohl sogar um rund 100 Millionen Euro erhöhen. Anders als man vermuten könnte, handelt es sich dabei aber keineswegs um ein Zeichen besonderer Stärke. BASF-Chef Martin Brudermüller hat sich gegenüber den Aktionären zu stetig steigenden Dividenden bekannt, kämpft aber gleichzeitig mit deutlich fallenden Gewinnen. Diese Zwickmühle könnte dazu führen, dass BASF rund 90 Prozent seines Gewinns an die Aktionäre ausschütten wird. Nicht wenige Fachleute halten das in dieser Höhe für ungesund. Üblicherweise liegen die Ausschüttungsquoten von Unternehmen zwischen 40 Prozent und 60 Prozent.

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