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Geldanlage : Die Tücken der Dividenden

Covestro zahlt zwar insgesamt deutlich weniger als BASF, kann aber fast als Paradefall für die Tücken gelten, die mit einer anderen Kennzahl einhergehen, auf die viele Dividenden-Fans schauen: die Dividendenrendite. Sie setzt den aktuellen Aktienkurs eines Unternehmens ins Verhältnis zu dessen Ausschüttungen. Eine hohe Dividendenrendite sieht darum zunächst einmal verführerisch aus, Covestro schlägt hier mit einem Wert von derzeit 6,2 Prozent alle anderen Dax-Konzerne.

Tückische Dividendenrendite

Doch das Tückische an dieser Kennzahl ist: Sie kann auch dann hoch sein, wenn der Aktienkurs einer Firma fällt, die Ausschüttung aber auf konstantem Niveau bleibt. Genau dies ist bei Covestro der Fall, der Aktienkurs hat sich seit Anfang 2018 mehr als halbiert. Ähnlich gelagert ist die Sache bei der Lufthansa, die mit einer Dividendenrendite von 5,3 Prozent gleich dahinter kommt, gefolgt von BASF. Beim größten Dividendenzahler im Dax, dem Versicherungskonzern Allianz, geht die Erhöhung der Ausschüttungen auf voraussichtlich 3,9 Milliarden Euro dagegen mit steigenden Firmen- und Kursgewinnen einher. Die Zahlung erfolgt also nicht aus der Substanz.

Ähnliches gilt auch für den Volkswagen-Konzern, der überraschenderweise als einziger Autokonzern im Dax seine Zahlungen an die Aktionäre ebenfalls erhöht hat, auch dank robuster Geschäftsergebnisse im Jahr 2019. Anleger, die die Wahl zwischen VW und Allianz haben, sollten sich unter Dividendengesichtspunkten dennoch für die Allianz-Aktie entscheiden. Denn der Versicherungskonzern kann sich mit einem Titel schmücken, für den die sonst so sachlichen Analysten einen Begriff aus der Welt des Adels heranziehen – die Allianz-Aktie ist ein sogenannter Dividendenaristokrat. Jeder definiert diesen Begriff ein wenig anders, aber als Mindestanforderung gilt: Das Unternehmen muss in den vergangenen zehn Jahren die Höhe seiner Ausschüttungen mindestens stabil gehalten haben. Hinzu kommt, dass auch wichtige Bilanzkennzahlen in die richtige Richtung zeigen müssen. Nach Ansicht der DZ Bank verdient beispielsweise der Baustoffkonzern Heidelberg Cement (zehn Erhöhungen in den vergangenen zehn Jahren) diese Auszeichnung. Zu den verlässlichen Zahlern gehören aber auch der Versicherungskonzern Munich Re oder die Gesundheitsfirmen Fresenius und Fresenius Medical Care.

Diese Auswahl verdeutlicht aber zugleich die Schwierigkeit, die mit einer Dividendenstrategie üblicherweise einhergeht: „Unternehmen, die stark wachsen, zahlen in den meisten Fällen keine Dividende“, sagt Christian Kahler, Chefaktienstratege der DZ Bank. Das zeigt sich exemplarisch an den derzeit wohl erfolgreichsten Aktien der Welt, den Technologiewerten. Weder der Online-Händler Amazon oder die Google-Muttergesellschaft Alphabet noch der Streamingdienst Netflix oder Facebook schütten Geld an ihre Anleger aus. Wer sich also sein Portfolio rein aus Dividendenaktien zusammenstellen möchte, muss auf solche Firmen verzichten.

Was aber tun diese Dividendenverweigerer mit ihren Gewinnen? Entweder investieren sie sie wie im Fall von Amazon nahezu vollständig in den Ausbau des eigenen Geschäftes, was Analysten eigentlich am liebsten haben. Oder sie kaufen mit dem Geld eigene Aktien zurück. Solche Aktienrückkaufprogramme sind in Deutschland noch immer unüblich und werden oft als eine Art Taschenspielertrick betrachtet. Durch den Rückkauf sinkt logischerweise die Zahl der ausstehenden Aktien eines Unternehmens. Rein rechnerisch erhöht sich so der Gewinn je Aktie – eine wichtige Kenngröße für Finanzanalysten. Auch wenn es manchem merkwürdig vorkommen mag, haben verschiedene Studien gezeigt: Unternehmen, die hierbei klug vorgehen, gelingt es, ihre Aktienkurse dauerhaft zu erhöhen. Jede Dividendenzahlung dagegen führt im Moment der Ausschüttung zunächst einmal zu einem Kursabschlag.

Trotzdem stimmt es, dass viele Dividendenaktien weniger im Kurs schwanken. Wer im Vertrauen darauf auf kostengünstige Dividenden-Indexfonds (ETFs) setzt, könnte aber enttäuscht werden: Die Dividendenvariante des Dax beispielsweise, der Div-Dax, wählt Aktien anhand des problematischen Kriteriums der Dividendenrendite aus. Klassische Fonds wie der DWS Top Dividende sind zwar solide, müssen aber mit einer unangenehmen Wahrheit zurechtkommen. Sie haben sich im Vergleich zum Weltaktienindex MSCI World in den vergangenen fünf Jahren schlechter entwickelt als Aktien im Allgemeinen.

So attraktiv Dividenden erscheinen mögen: Im Umgang mit ihnen ist höchste Vorsicht geboten.

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