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Fintech : Die Volksbanken suchen die Super-App

Der „Genoackathon“ in München: Volksbanker und Programmierer entwicklen Modell-Apps Bild: Andreas Müller

Die Kreditgenossen wollen sich die Zukunft nicht von irgendwelchen Fintechs wegnehmen lassen. Neue Ideen entwickeln sie selbst - auf einem Hackathon.

          Die Idee klingt nützlich, wenn auch vielleicht etwas gefährlich für manchen. Mann und Frau gehen einkaufen, Frau braucht ein neues Kleid, Mann ist nicht ganz sicher, ob er die 300 Euro für das Geschenk berappen kann. Schnell fragt er seine Smartphone-App „Kann ich mir das leisten?“, und das Programm checkt seine Konten durch, ob noch genug Barmittel da sind oder ob der Mann vielleicht etwas vom Tagesgeld- auf das Girokonto übertragen müsste.

          Tim  Kanning

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Im Notfall kann er auch gleich einen Kredit aufnehmen. Und weil die App die regelmäßigen Kontobewegungen des Nutzers kennt, kann sie auch Alarm geben, wenn nach dem Kauf das Geld für Miete oder Stromrechnung knapp würde.

          Noch am Vortag war „Kann ich mir das leisten?“ nur ein Hirngespinst von IT-Entwickler Markus Brendle. Doch schon jetzt, gut 24 Stunden später, kann sein Kollege Rudolf Mottinger auf seinem Computer ganz gut zeigen, wie das Handyprogramm einmal aussehen könnte. Und eine andere Kollegin hat schon ein Filmchen erstellt, das mit Zeichentrickfiguren das Konzept erklärt.

          Von der Softwarebranche übernommen

          Brendle und Mottinger arbeiten bei der Fiducia GAD, dem IT-Dienstleister der Genossenschaftsbanken. Doch an diesem Tag sitzen sie nicht in ihrem tristen Bürogebäude und arbeiten die Aufträge ab, die sich Volksbanker irgendwo in der Republik ausgedacht haben. An diesem Tag sitzen sie alle zusammen an einem Tisch, die Programmier von der Fiducia GAD, Kundenbetreuer von der Münchner Bank, der Sparda-Bank und der PSD-Bank Berlin-Brandenburg und ein Kollege von der Bausparkasse Schwäbisch Hall.

          Sie alle sind nach München auf die Praterinsel in der Isar gekommen, wo ein ehemaliges Werksgebäude heute cool heruntergekommene Veranstaltungsräume bietet, mit groben Holzplanken, Stahltüren und Graffiti an den Wänden. Sie sind beim ersten Hackathon des genossenschaftlichen Finanzverbunds.

          Zu Hackathons laden sonst IT-Unternehmen, um sich von Computer-Nerds in lockerer Atmosphäre bahnbrechende Programmideen entwickeln zu lassen. Doch weil die Banken von den Ideen junger Fintechs zunehmend in Bedrängnis geraten, wollen sie nun selbst jenseits des schnöden Arbeitsalltags und der Hierarchieebenen die Kreativität ihrer Mitarbeiter sprudeln lassen.

          Vieles, was über die Internetvernetzung gerade in Mode kommt, wie die Ökonomie des Teilens oder das Crowdfunding, passt schließlich sehr gut zum genossenschaftlichen Grundgedanken, findet Franz Welter, Innovationsleiter der DZ Bank. Das genossenschaftliche Spitzeninstitut hat den Hackathon gemeinsam mit der Fiducia GAD und der Akademie Deutscher Genossenschaften (ADG) organisiert. Die DZ Bank und ihre Tochtergesellschaften wie R+V Versicherung und Union Investment durften 30 Mitarbeiter schicken, die Volks- und Raiffeisenbanken und die Fiducia ebenfalls jeweils 30. Das Interesse war riesig. Nach eineinhalb Minuten waren alle Plätze vergeben, erzählt Michael Luks, der das Projekt bei der Fiducia GAD leitet.

          Von der Idee zum Prototyp in 48 Stunden

          Der Hackathon funktioniert wie eine Casting-Show. Zu Anfang hat jeder Teilnehmer eine Minute Zeit, um die anderen für seine digitale Idee zu begeistern. Daraus werden die 12 besten Ideen gekürt, die gemischte Teams aus Programmierern und Mitarbeitern der Banken und Unternehmen innerhalb der zwei Tage des Hackathons zumindest bis zu einem ersten Prototyp ausarbeiten sollen. „Ganz wichtig ist, dass die Fachgebiete und das Knowhow gemischt werden“, sagt Luks. Denn so können der Kundennutzen, die Vorstellungen des Beraters und die technische Umsetzung schon im Entstehungsprozess immer wieder aufeinander abgestimmt werden.

          Am Ende steht dann die Präsentation des Prototyps. Eine Jury aus Vorstandsmitgliedern genossenschaftlicher Finanzunternehmen entscheidet, welche App sie am meisten überzeugt. Sie soll dann im besten Fall so weit weiterentwickelt werden, dass sie auch rechtssicher und geschäftstauglich auf den Markt gebracht werden kann. Im Laufe des Hackathons sollen solche Fragen dagegen höchstens eine Nebenrolle spielen, um gute Ideen nicht von vornherein zu zerbröseln.

          Wie auf Klassenfahrt

          Das Spektrum ist breit. Eine Mitarbeiterin der R+V Versicherung hat eine App vorgeschlagen, mit der sich Interessenten mit wenigen Klicks für bestimmte Ereignisse absichern können. Wer eine Reise antritt, kann für die Dauer des Urlaubs eine Auslandskrankenversicherung, einen Diebstahl- und einen Einbruchsschutz abschließen, ganz ohne Papierkram und Paragraphen. Ein anderes Team arbeitet an einer Art genossenschaftlicher Dropbox, in der alle wichtigen Dokumente etwa für die Steuererklärung abgelegt werden können. An einem anderen Tisch wird ein Programm ausgetüftelt, mit dem Immobilienkäufer mit Handwerkern aus der Region - also die einen Kunden der Volksbank mit den anderen - vernetzt werden können.

          Die Stimmung ist wie auf einer Klassenfahrt, die meisten Teilnehmer sind zwischen 25 und 40, einige älter. Vor allem dass die Gruppen aus ganz unterschiedlichen Unternehmen und Aufgabenfeldern zusammengemischt sind, finden die meisten belebend. In der Gruppe, die die R+V-App entwickelt, überlegen die Kollegen aus der Volksbank und der Bausparkasse gleich, ob sich das Programm noch um Angebote aus ihrem Beritt erweitern lässt (Cross-Selling) und wie sie es am besten an ihre Kunden bringen könnten.

          Ein weitere Weg zur Öffentlichkeit

          Die beiden Programmierer der Gruppe freuen sich, dass sie gleich stopp sagen können, wenn aus ihrer Sicht etwa das Programm überfrachtet würde. Alle sind sich einig, dass sie durch die enge Zusammenarbeit viel besser verstehen, wie die jeweils andere Seite denkt. Und wenn es Nachfragen gibt, müssen sie sich nicht durch verschiedene Abteilungen telefonieren.

          Am Ende des Hackathons setzt sich die „Kann ich mir das leisten?“-App gegen die Konkurrenz durch. Brendle und der Rest der Gruppe können nun noch einmal in einem zweitägigen Workshop daran weiterarbeiten. Mitarbeiter der Genossenschafts-Akademie bringen ihnen bei, wie das Geschäftsmodell und die rechtlichen Regelungen dahinter integriert werden könnten. Ob die App wirklich einmal zum Kunden kommt, muss dann noch die Marktforschung entscheiden - und die Volks- und Raiffeisenbanken, um deren Kunden es ja geht.

          „Eine Art Talentsichtung“

          Die Organisatoren sind begeistert von ihrem ersten gemeinsamen Hackathon. „Auf solchen Veranstaltungen sieht man Leute, die sprühen für ihre Ideen - Leute, die man sonst gar nicht sieht, weil sie irgendwo in IT-Abteilungen sitzen“, sagt Boris Janek von der ADG. Oft seien es gerade die Mitarbeiter, die in ihrer Abteilung schon einmal anecken. „Es ist auch eine Art Talentsichtung.“

          Insofern findet Luks von der Fiducia GAD es auch so wichtig, nicht nur zu schauen, was andere Fintechs für neue Ideen hervorbringen, sondern das Talent aus der eigenen Finanzgruppe über solche Hackathons zu nutzen. Und Thomas Ullrich der als IT-Vorstand der DZ Bank am Ende in der Jury saß, sagt: „Wir denken schon jetzt darüber nach, wie wir dieses innovative Format fortführen können.“

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