https://www.faz.net/-hbv-7z972

Niedrige Zinsen : Wann schließen die ersten Sparkassen?

Die Welt steht Kopf: die als solide geltenden Sparkassen und Volksbanken könnten in Schwierigkeiten kommen. Bild: F.A.S.

Bald brauchen sie selbst einen Giro-Hero: Die niedrigen Zinsen machen Sparkassen und Volksbanken nämlich das Geschäft kaputt. Lange halten sie das nicht mehr durch.

          4 Min.

          Nicht nur Deutschlands Sparer ächzen unter den niedrigen Zinsen – auch für die deutschen Sparkassen und Volksbanken wird die Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank so langsam zu einem Albtraum. Als Herbert Hans Grüntker, der besonnene Chef der Frankfurter Sparkasse, unlängst auf dem Neujahrsempfang seines Instituts über das abgeschlossene Geschäftsjahr plauderte, da nannte er seine Zahlen zwar gut – fügte aber ein geheimnisvolles „noch“ hinzu.

          Christian Siedenbiedel
          Redakteur in der Wirtschaft.

          Sparkassen und Volksbanken droht ein Desaster. „Noch“ geht es zwar irgendwie. Seit aber klar ist, dass EZB-Chef Mario Draghi die Zinsen in Europa auf lange Zeit extrem niedrig lassen will, wird darüber spekuliert, wie lange die regionalen Kreditinstitute das durchhalten. „Die kippen nicht gleich um wie die Fliegen“, sagt der Stuttgarter Bankenprofessor Hans-Peter Burghof. Viele Institute haben noch satte Reserven aus der Vergangenheit, außerdem stehen sie innerhalb des Sparkassen- und Volksbankenverbunds im Notfall füreinander ein. „Aber von 2018 an wird es ganz massive Probleme geben“, warnt Burghof.

          Es ist verrückt: Ausgerechnet die Sparkassen und Volksbanken geraten so unter Druck, dass mancher schon von einer künftigen Existenzgefährdung spricht. Dabei waren sie es doch gewesen, die in der Finanzkrise vergleichsweise ungeschoren davongekommen waren – und die immer als redlich, unbescholten und solide galten.

          Sparkassen-Marge wird immer kleiner

          Es geht nicht um irgendwelche vorübergehenden Schwierigkeiten, sondern um das Geschäftsmodell der regionalen Kreditinstitute selbst. Während große Banken wie die Deutsche Bank sehr unterschiedliche Geschäfte betreiben und Probleme im Einlagengeschäft durch Erträge in anderen Teilen der Bank ausgleichen können, sind Volksbanken und Sparkassen ganz darauf angewiesen.

          Was sonst oft eine Stärke war, ist jetzt eine Gefahr: Die regionalen Institute hängen nämlich bis zu 80 Prozent vom sogenannten Zinsüberschuss ab – also den Zinseinnahmen, die sie für Kredite und eigene Geldanlagen erhalten, abzüglich der Zinsen, die sie ihren Kunden für Spareinlagen zahlen. Und dieser Überschuss schrumpft.

          Zwar zahlen die Sparkassen und Volksbanken ihren Kunden nur noch Mickerzinsen. Aber umgekehrt bekommen sie praktisch nichts mehr, wenn sie das Geld selbst anlegen. Der Abstand dazwischen, die „Marge“, mit der sie ihr teures Filialnetz unterhalten und ihre Mitarbeiter bezahlen müssen, wird immer kleiner.

          Zehn Jahre niedrige Zinsen sind das Ende

          Mit jeder alten, noch höher verzinsten Geldanlage, die ausläuft, wird das Problem größer – weil sich keine vergleichbare Anlagemöglichkeit mehr finden lässt. Ungefähr ein Jahrzehnt dauert es, bis alle Anlagen einmal umgeschlagen sind. „Wenn die Zinsen zehn Jahre so bleiben, muss man sich sehr große Sorgen machen“, sagt Heiko Staroßom, Vorstandsmitglied der Sparkasse Bremen.

          Das ruft selbst die deutsche Bankenaufsicht Bafin schon auf den Plan. Die Aufseher machen sich Sorgen, dass Deutschlands Sparkassen und Volksbanken unvernünftig werden könnten, wenn ihnen die Einnahmen wegbrechen. „Gerade Institute, die stark im Einlagengeschäft tätig sind, bringen die anhaltend niedrigen Zinsen in eine schwierige Lage“, sagt Bafin-Chefin Elke König. „Das darf die Institute aber nicht dazu verleiten, auf der Suche nach neuen Ertragsquellen zu hohe Risiken einzugehen.“

          Die Möglichkeiten, auf den Margenverlust zu reagieren, sind nämlich recht bescheiden. Im Augenblick subventioniert so manche Volksbank und Sparkasse das magere Geschäft mit den Privatkunden aus dem Firmenkundengeschäft, das noch halbwegs läuft.

          Gute Konjunktur ist gut für Banken

          Dabei profitieren die Institute von der guten Konjunktur: Weil kaum ein Unternehmen pleitegeht und fast alle ihre Kredite brav zurückzahlen, können die Sparkassen und Volksbanken am Jahresende oft ihre Vorsorge für faule Kredite mehr oder minder auflösen – weil sie nicht gebraucht wurde. Aber keiner kann sich vorstellen, dass das auf Dauer so bleibt.

          Weitere Themen

          Olaf Scholz’ Dauerbaustelle

          Girokontenvergleich : Olaf Scholz’ Dauerbaustelle

          Die Geschichte der geplanten Vergleichsplattform für Girokonten ist von Verzögerungen und Pannen geprägt. Dabei war die Idee aus Verbrauchersicht doch eigentlich nicht schlecht. Wie geht es nun weiter?

          Topmeldungen

          Australien taucht ab – aber nicht mehr mit U-Booten aus Frankreich.

          Sicherheitspakt im Pazifik : Ein Deal entzweit den Westen

          Australien, die USA und Großbritannien haben einen Sicherheitspakt geschlossen, der Canberra Zugang zu Atom-U-Booten ermöglicht. Frankreich fühlt sich durch die Vereinbarung betrogen und reagiert enttäuscht.
          Die ehemalige Geschäftsführerin der Weltbank und heutige Chefin des IWF, Kristalina Georgiewa, spricht auf dem Weltwirtschaftsforum 2019 in Davos.

          Doing-Business-Report : Weltbank manipulierte wichtige Länder-Rangliste

          Die Weltbank hat ein Ranking der Wirtschaftsfreundlichkeit von Volkswirtschaften geschönt, um China ruhig zu stellen. Das offenbart ein interner Bericht. Die neue IWF-Chefin Kristalina Georgiewa gerät daher ins Visier.
          Authentizität, Professionalität und Perfektion: Frauen haben es bei Bewerbungsbildern nicht leicht.

          Empfehlungen für Frauen : So wird das Bewerbungsbild perfekt

          Immer besser, hoffentlich perfekt: Was Bewerbungsfotos betrifft, bewegen sich Frauen auf einem schmalen Grat. Der Wunsch, sich optimal zu präsentieren, kann schnell nach hinten losgehen.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.