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Die Deutschen und die Aktien : Die Anleger hierzulande werden sorgloser

Laut einer Blackrock-Studie sind andere Länder in Sachen Geldanlage viel ängstlicher als die Deutschen. Bild: Wolfgang Eilmes

Angeblich hat kein anderes Volk so viel Angst vor Aktien wie die Deutschen. Das stimmt gar nicht.

          Nur wenige deutsche Worte haben ihren Weg ins Englische gefunden. Das Wort „Angst“ ist eines von ihnen. German Angst ist in der englischsprachigen Welt ein fester Begriff, Briten und Amerikaner sehen die Angst als Teil unseres Nationalcharakters an. Zumindest, was die Welt der Finanzen angeht, lagen die Angelsachsen damit lange Zeit richtig. Unzählige wissenschaftliche Abhandlungen befassen sich mit der Furcht der Deutschen vor Geldentwertung, die uns immer noch umtreibt, obwohl die Hyperinflation des Jahres 1923 mittlerweile fast ein ganzes Jahrhundert zurückliegt. Auch die traumatische Beziehung der Deutschen zu Aktien ist bekannt. Seit dem Kursabsturz der Telekom-Aktie um die Jahrtausendwende, so wird gerne erzählt, schreckten die Deutschen vor Aktien zurück. Dabei ist auch dieses Ereignis fast 20 Jahre her.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Eine aktuelle Studie des Vermögensverwalters Blackrock, die der F.A.S. vorliegt, bringt jetzt alte Gewissheiten ins Wanken. 27.000 Menschen aus 13 Ländern von Brasilien über Deutschland bis Japan wurden nach ihrer Einstellung zur Geldanlage gefragt, es ist die weltweit größte Untersuchung zu diesem Thema. Gerade im Vergleich zu anderen Nationen hält die repräsentative Studie für Deutschland einige Überraschungen bereit. Danach wäre es zwar übertrieben, mit Blick auf das Finanzverhalten der Deutschen nun von völliger Sorglosigkeit zu sprechen. Aber andere Länder, das zeigt die Untersuchung deutlich, sind ängstlicher als wir.

          Interessanterweise trifft dies ausgerechnet auf zwei Nationen zu, denen man eine gewisse Kompetenz in Finanzfragen unterstellen darf: nämlich auf die Schweiz, Hort verschwiegener Banken, und auf Großbritannien, das Mutterland des Kapitalismus. Von allen Briten, die ihr Geld nicht in Aktien, Anleihen, Fonds oder andere Wertpapiere investieren, nannten 34 Prozent als Grund: Sie hätten Angst, alles zu verlieren. In Deutschland liegt dieser Prozentsatz darunter, nämlich bei 30 Prozent. Dies ist zwar immer noch ein recht hoher Wert im weltweiten Vergleich. Aber zumindest mit Blick auf die jeweiligen Aktienrenditen in beiden Ländern ist die Furcht der Briten erstaunlich. Die Credit Suisse hat errechnet: Nach Abzug der Inflation kamen britische Aktien im langen Zeitraum zwischen 1900 und 2018 auf eine jährliche Wertentwicklung von 5,4 Prozent. Die durchschnittliche Wertentwicklung deutscher Aktien betrug im gleichen Zeitraum dagegen nur 3,2 Prozent pro Jahr nach Inflation. Skeptisch gegenüber Aktien müssten also beide Nationen nicht sein, die Briten hätten angesichts höherer Renditen allerdings noch weniger Grund dazu.

          Größere Aufgeschlossenheit führt nicht zu besserem Anlageverständnis

          Spannend fällt auch der Vergleich mit der Schweiz aus. Verlustängste haben dort überraschenderweise all jene Schweizer, die einen Teil ihres Geldes an den Finanzmärkten angelegt haben. Auf die Frage, weshalb sie nicht noch mehr investierten, antworteten 29 Prozent, dass sie fürchteten, alles zu verlieren. Die Deutschen kommen bei dieser Frage zwar auf einen ähnlichen Wert von 27 Prozent. Aber zum zweiten Mal haben sie den Platz der größten Angsthasen einer anderen Nation überlassen.

          Woher kommt diese neue deutsche Leichtigkeit? Monika Rothenari, die für Blackrock den deutschen Teil der Studie betreut, sagt: „Die gute Wirtschaftslage der vergangenen Jahre hat die Deutschen optimistischer werden lassen.“ Vor allem zwei Zahlen belegen dies. 2013 sahen nur 49 Prozent ihre finanzielle Zukunft positiv. Dieser Wert ist auf 60 Prozent gestiegen und übertrifft alle anderen untersuchten europäischen Länder.

          Dass diese positive Stimmung und die größere Aufgeschlossenheit gegenüber den Finanzmärkten quasi automatisch zu einem besseren Anlageverständnis führt, zeigt die Studie allerdings nicht. 48 Prozent der befragten Deutschen sparen nach eigener Auskunft, um sich einen schönen Urlaub leisten zu können. Ein anderes wichtiges Sparziel ist für fast ein Viertel der Befragten ein neues Auto. Gerade solch eher kurzfristige Ziele lassen sich aber mit Aktien oder Fonds nicht so gut erreichen, da ihr Wert auf kürzere Sicht stärker schwanken kann. Darum ist bei aller Freude am frischen Mut der Deutschen eines leider nicht auszuschließen: Sollte es an den Börsen einmal richtig ungemütlich werden, könnte die alte Angst ganz schnell wieder zurückkehren.

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