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Protokolle bei der Bankberatung : Weg mit dem Papierkram!

Die Protokollierung des Beratungsgesprächs soll den Kunden rechtlichen Schutz bieten. Bild: Picture-Alliance

Seit 2010 müssen Bankberater das Gespräch mit ihren Kunden in einem Protokoll erfassen. Doch das ist so umständlich, dass beide Seiten genervt sind. Jetzt will die Bundesregierung das Beratungsprotokoll reformieren.

          Wer bei seiner Bank in letzter Zeit ein Wertpapierdepot eröffnet hat oder auch nur ein paar Aktien kaufen wollte, der kennt das Problem: Es sind seitenweise Formulare auszufüllen. Zwischendurch lässt der Bankberater immer wieder durchblicken, dass er das alles für überflüssige Bürokratie hält. „Wie viel verdienen Sie im Monat? Allein oder mit Ehefrau, das ist egal.“ „Wie viel Geld brauchen Sie zum Lebensunterhalt? Schätzen Sie doch einfach mal.“

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Alltag in deutschen Banken: Seit 2010 sind schrittweise immer strengere Regeln für die Bankberatung beim Wertpapierkauf eingeführt worden. Jeder Beratungsschritt muss mittlerweile minutiös protokolliert werden. Eine Reaktion auf die unglaublichen Erfahrungen aus der Finanzkrise: Die Protokollierung soll den Kunden rechtlichen Schutz bieten, um im Notfall bei einer Klage gegen die Bank wegen Falschberatung Beweise in der Hand zu haben. Nie wieder, so schworen sich deutsche Politiker, sollten gierige Banker arglose Mütterchen in riskante Lehman-Zertifikate treiben, obwohl diese eigentlich nur ihren Spargroschen sicher im Tresor verwahrt wissen wollten.

          Doch die Beratungsprotokolle sind in der Praxis so umständlich, dass sie offenbar beide Seiten nerven - Banker genauso wie Bankkunden. Einige Bankberater auf dem Land raten ihren Kunden deshalb wohl gar nicht mehr zu Aktien. Das Deutsche Aktieninstitut jedenfalls kam in einer Studie zu dem Ergebnis: Knapp 15 Prozent aller Finanzhäuser, die früher in der Aktienberatung tätig gewesen seien, hätten sich seither aus diesem Geschäft verabschiedet. Versuche mit Testkunden haben zudem ergeben, dass die Hoffnung, die Beratung werde sich durch die Protokolle verbessern, eine Illusion war. Zum Teil halten sich die Banken wohl auch nicht an die Vorschriften.

          Das alles ist auch der Bundesregierung nicht verborgen geblieben, deshalb will sie sich die Regelungen zum Beratungsprotokoll noch mal vornehmen. Schon im Koalitionsvertrag heißt es dazu: „Das Beratungsprotokoll werden wir im Hinblick auf die praktikable Handhabung überprüfen.“

          Jetzt will Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) offenbar Ernst machen. Banken und Sparkassen berichten, ihre Experten für das Thema seien gebeten worden, sich den 11. November freizuhalten: An diesem Tag soll es in Berlin offenbar ein großes Symposion geben, bei dem Banken, Sparkassen und Verbraucherverbände der Regierung ihre Vorschläge für eine Reform des Gesetzes unterbreiten.

          Maas hat die Richtung vorgegeben: Abschaffen will er die Protokolle nicht - aber sie sollten „ihrer Funktion gerecht werden“: „Unnötige Bürokratie nutzt niemandem. Nur solche Lösungen, die für die Anlageberater praktikabel sind, werden am Ende auch Verbraucherinnen und Verbrauchern nutzen.“

          Vor allem die Sparkasse wollen eine Reform des Beratungsprotokolls

          Konkret werden vor allem zwei Änderungen diskutiert: Zum einen wäre denkbar, den Umfang der Beratungsprotokolle zu reduzieren. Müssen das oft mehr als zwanzig Seiten sein - oder kann man das Wichtigste auch auf zwei Seiten zusammenfassen?

          Zum anderen könnte man die Fälle, bei denen ein Protokoll vorgeschrieben ist, stärker eingrenzen. Zum Beispiel könnte man einführen, dass jemand, der regelmäßig mit Aktien handelt, freiwillig auf ein Protokoll verzichten darf.

          Interessanterweise sind es nicht so sehr die großen Banken, die sich besonders energisch für eine Reform des Beratungsprotokolls einsetzen. Sondern die kleinen, allen voran die Sparkassen. Ein möglicher Grund: In großen Banken gibt es Spezialabteilungen, die sich mittlerweile halbwegs mit den Protokollen angefreundet haben. Dort wird argumentiert: Man solle die Regelung nicht vorschnell ändern, sondern lieber eine europäische Regelung abwarten.

          Die Sparkassen dagegen kämpfen energisch dafür, möglichst bald etwas zu tun. „Aus unserer Sicht besteht dringend Handlungsbedarf“, sagt Sparkassenpräsident Georg Fahrenschon. „Etwa ein Drittel unserer Kunden lehnen in Umfragen die Beratungsprotokolle ab - ihnen sollte zumindest eine Wahlmöglichkeit gegeben werden.“

          Das Justizministerium hingegen hat sich noch nicht genau festgelegt, wie es das Gesetz reformieren will. Dort ist mit Gerd Billen jetzt einer der obersten Verbraucherschützer Staatssekretär: Er wird darauf achten, dass es keine Entschärfung zu Lasten der Bankkunden geben wird. Anderseits hat sein Kollege, der parlamentarische Staatssekretär Ulrich Kelber (SPD), unlängst bei einer Veranstaltung erzählt: Er persönlich habe auch schon nervige Erfahrungen mit den Protokollen gemacht. Er wollte nur schnell in die Sparkasse, um ein paar Änderungen an Sparplänen für seine Kinder vorzunehmen. Und kam drei Stunden später wieder heraus - in den Händen zwei große Tüten mit Unterlagen.

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