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Politische Börsen : Wie lang sind die Beine?

Zwei, die den Börsen politische Beine machen: Boris Johnson (l) und Donald Trump (r). Bild: dpa

„Kaufen, wenn die Kanonen donnern“, denn „Politische Börsen haben kurze Beine“, heißen zwei Parkettweisheiten. Michael Gollits, Vorstand der Vermögensverwaltung von der Heydt, zweifelt, dass dies noch stimmt.

          „Politische Börsen haben kurze Beine“ lautet eine dieser Anlegerweisheiten, an denen etwas dran ist oder auch nicht. Sie will aussagen, dass politische Geschehnisse sich nur kurz auf Kurse auswirken, da sich diese letztlich doch nach den langfristigen ökonomischen Gegebenheiten ausrichten. Der Wahrheitsgehalt der Aussage war nicht immer unumstritten, doch in den vergangenen Jahren hat sich die Einstellung deutlicher gewandelt. Politische Börsen hätten offenbar gar keine Beine mehr, schrieb unlängst Otmar Lang, Chefvolkswirt der Targobank mit Blick darauf, dass weder die Europawahl, noch der Rücktritt der britischen Premierministerin May oder der Welthandelskonflikt die Börsen zu beeindrucken scheine.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Aber es ist auch eine Frage des Standpunktes. „Die Beine politischer Börsen sind nicht mehr kurz“, meint Michael Gollits, Vorstand der Vermögensverwaltung von der Heydt. Vielmehr stünden die Kapitalmärkte dauerhaft im Schatten eher langbeiniger politischer Börsen. Für Gollits ist dies einer der wesentlichen Gründe, warum die Börsen derzeit so rasch umschwenken: An einem Tag wird alles verkauft, was irgendwie gefährlich sein könnte, am nächsten wird es mit Verve ins Herz und das Depot geschlossen. Aber die Launen der Tagespolitik seien nicht der einzige Grund. „Auch die Tatsache, dass es keinen risikolosen Zins mehr gibt, spielt eine Rolle. Anleihen sorgen nicht mehr wirklich für Differenzierung im Depot“, sagt Gollits.

          Mut zum Dollar

          Gut, bei Staatsanleihen habe sich die Situation etwas verbessert. Dennoch fehle es gerade im Euroraum an Kupons, die einen Zinspuffer geben. „Insofern geht es nicht mehr ohne Hochzinsanleihen, wobei man da aber auch gut auswählen muss.“ Gollits greift derzeit gern zu Anleihen aus der Telekommunikation, etwa von der Türk Telecom. „Ein grundsolides Unternehmen, das bis zu 7,75 Prozent auf seine Dollar-Anleihen zahlt“, sagt Gollits. „Für vergleichbare Euro-Anleihen bekommt man 3,5 Prozent.“

          Auch die hohen Absicherungskosten für Dollar-Investments schrecken ihn nicht. Mit Blick auf die Vereinigten Staaten fräßen diese zwar die höheren Zinsen fast auf, aber nicht in Asien. „Und es gibt in Asien spannende Unternehmen, etwa Immobilienentwickler in China, die von der neuerlichen Deregulierung profitieren oder auch Hafenbetreiber in Indonesien.“

          Asien gehört auch auf der Aktienseite zum Kerngebiet, vor allem, wenn es um Infrastrukturaktien geht. Von Europa sei man da nicht mehr so überzeugt. Ansonsten sei derzeit themenbezogenes Investieren das Mittel der Wahl: Disruption bei Konsumgütern und die „Generation Z“ der Geburtsjahrgänge 1995 bis 2010 . Geht es um risikoarme Anlagen, dann setzt Gollits klassisch auf Liquidität, aber auch Währungen oder in begrenztem Umfang auf einfache Derivate, deren Wertentwicklung sich nach den Kursschwankungen an den Märkten bemisst.

          Die Kunden gehen diesen Weg mit, gerade die ältere Generation der Über-65-jährigen sei mit der klassischen Vermögensanlage sehr zufrieden. Unterdessen wandelten sich aber bei den Jüngeren die Ansprüche. „Die neue Generation ist risikobewusster, geht eher weg von konservativen Anlagen und denkt eher an den langfristigen Vermögensaufbau“, fasst Gollits es zusammen. Ein großes Thema seien Immobilien, die man allerdings über Anleihen und REITs abbilde: „Keine Highflyer, aber ein solides Investment.“

          Auch sozial und ökologisch verantwortliches Investieren (SRI) rücke stärker in den Vordergrund. Etwas, was Gollits unterstützt: „Investoren müssen mehr Verantwortung übernehmen und mutiger werden“, sagt er. „Die Menschen machen sich Gedanken. Eine nicht unbedeutende Zahl unserer Klienten hat die Nestlé-Aktie etwa wegen der negativen Nachrichten zum Wasserverkauf für sich ausgeschlossen, einige wiederum Coca-Cola wegen des hohen Zuckergehalts der Getränke.“ Allerdings müsse sich SRI noch weiter entwickeln, etwa hinsichtlich der Bewertungsmodelle für Unternehmen.

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