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Geschichte des Finanzwesens : Geld gebiert die Welt

Frankfurts Sykline: Ein Yale-Professor behauptet nun, dass die Finanzen die Zivilisation erst ermöglichte. Bild: dpa

Die Realwirtschaft soll wichtiger sein als die Finanzwirtschaft? Stimmt nicht. Ausgerechnet den Schulden verdanken wir unsere Zivilisation.

          Es gibt zwischen den ältesten Sprachen der Menschheit eine interessante Parallele. Die Sumerer, die etwa 3000 Jahre vor Christi Geburt Mesopotamien (also in etwa die Gegend des heutigen Iraks) bevölkerten, kannten bereits ein Wort für Zins: Es hieß in ihrer Sprache mash, und es bedeutete gleichzeitig „Kalb“. Die Griechen sprachen von tokos, was zugleich „junges Rind“ hieß. Und die Ägypter sagten ms, was auch „Leben geben“ bedeutete.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Davon leitet sich der zentrale Gedanke ab, den der Finanzhistoriker William N. Goetzmann, Professor an der renommierten Yale-Universität, in seinem spannenden Buch „Money changes everything: How Finance made Civilization possible“ (bislang nur auf Englisch erschienen) verfolgt: Ohne Zinsen, ohne Schulden, ohne Geld wäre unser Wohlstand niemals entstanden, sie sind die Grundlage für die gesamte menschliche Entwicklung seit Tausenden von Jahren. Zinsen, Schulden und Geld haben, um das alte Wort der Ägypter aufzugreifen, unserer Zivilisation erst das Leben gegeben.

          Nicht wenige dürften diesen Gedanken des Professors als eine Provokation höchsten Ausmaßes empfinden. Denn in Zeiten, in denen Finanz- und Bankenkrisen aus der Welt nicht mehr wegzudenken scheinen, hat eine bestimmte Argumentation viele Anhänger gewonnen. Sie lautet: Verlässlich sei allein die sogenannte Realwirtschaft, also vor allem Unternehmen, die etwas Handfestes wie beispielsweise Autos, Kleidungsstücke oder Maschinen aller Art produzieren.

          Die Finanzwirtschaft dagegen habe mit der wahren Wirtschaft nichts zu tun, sie sei gar der Quell unterschiedlichster Arten von Übel. Goetzmann dagegen argumentiert genau andersherum: Erst die Finanzwirtschaft, erst das Entstehen von Zinsen und Geld, hat der Menschheit seiner Auffassung nach wirtschaftlichen Aufschwung und Reichtum beschert.

          Finanzinnovationen beflügeln

          Allen, die diese Ansicht als unerhört empfinden, sei gesagt: Es spricht viel dafür, dass der Yale-Professor recht hat. Auf gut 500 Seiten legt er überzeugend dar, dass schon in den Anfängen unserer Geschichte wichtige Entwicklungsschritte nur durch Finanzinnovationen möglich wurden - nur dass man damals darunter nicht etwa kompliziert gestrickte Hypothekenanleihen verstand, sondern ganz grundlegende Dinge.

          Einfache Darlehen beispielsweise, die ersten Übersichten über den eigenen Besitz oder auch die Entdeckung des Zinseszinses. Das Erstaunliche an Goetzmanns Buch ist: Es lässt auf der Suche nach dem Einfluss der Finanzen kaum eine Zeitepoche aus, findet aber gerade in der Frühgeschichte der Menschheit bei den Sumerern und im griechischen Athen deutliche Spuren eines sich entwickelnden Finanzwesens. Weltgeschichte wird so zu Finanzgeschichte.

          Los geht es bei Goetzmann wirklich am Anbeginn der Welt - in Uruk, der Geburtsstätte der mesopotamischen Zivilisation einige tausend Jahre vor Christi Geburt. Irgendwann in jener Vorzeit wurde dort die Keilschrift erfunden. Zwar sind sich die Wissenschaftler noch immer nicht wirklich einig, was genau man zu jener Zeit vor allem auf Tontafeln festhielt.

          Aber viel spricht dafür, dass es sich nicht etwa um Lieder und Gedichte handelte. Sondern zunächst um ganz simple Aufzeichnungen, beispielsweise über den Bestand an Nahrungsmitteln. So fand man auf einer gut erhaltenen Tontafel Mengenangaben zu Brot, Honig, Bier und Milch, dazu eine Übersicht über die Viehbestände. Heute würde man vielleicht Buchführung dazu sagen.

          Buchcover von Goetzmann’s Archivarbeit: Wie Finanzen die menschliche Zivilisation voranbrachten.

          Wem diese Übersicht wozu diente, ist nicht bekannt. Viele Forscher aber leiten daraus ab: Es waren tatsächlich ökonomische Bedürfnisse, die zur Entstehung der Schrift geführt haben. Denn erst mit Hilfe der Schrift gelang es, sich einen guten Überblick über den eigenen Besitz sowie die eigenen Vorräte zu verschaffen und diese Erkenntnis für einige Zeit festzuhalten. Dies ist ein eindrucksvoller Beleg für die These, dass Finanzüberlegungen am Anfang von allem standen: Die Schrift, unser wertvollstes Kulturgut, wurde dadurch erst möglich.

          Tafel von Drehem: Der erste Finanzplan

          Einige Jahrhunderte später ist die Entwicklung bereits bedeutend weiter. Etwa aus dem Jahr 2000 v. Chr. stammt eine Tafel, die die Forscher bis heute in höchste Aufregung versetzt. Die Tafel von Drehem - so hieß die einstige sumerische Stadt, in deren Überresten sie gefunden wurde - enthielt nicht mehr nur eine einfache Auflistung von Besitzständen.

          Sondern ihr Verfasser versuchte sich bereits in einfacher Mathematik: Er rechnete wohl aus, wie viel Milch und Käse sein Vieh in den nächsten zehn Jahren zur Verfügung stellen würde. Auch wenn er dabei nicht unbedingt von realistischen Annahmen ausging (so zog er beispielsweise nicht in Betracht, dass seine Tiere in einem Jahr auch einmal weniger Milch produzieren könnten), handelt es sich bei dieser Rechnung doch um den ersten Finanzplan der Geschichte.

          Neues Zukunftsdenken

          Die Drehem-Tafel zeigt erstmals, dass sich jemand konkret Gedanken um zu erwartende wirtschaftliche Erträge macht. Salopp formuliert, stellte sich der Verfasser der Inschrift von Drehem die Frage: Was wird mir die Zukunft bringen? Dies ist ein wesentliches Element jeder finanziellen Lebensplanung. Aus ihr leiten sich wichtige wirtschaftliche Entscheidungen ab, wie in der damaligen Zeit zum Beispiel die Abwägung: Kann ich mit meinem Acker und meinem Vieh das Überleben meiner Familie sichern, oder brauche ich mehr Land und Tiere?

          Der unbekannte Mensch aus Drehem, der sich diese Gedanken machte, wusste zudem bereits, dass Milch und Käse seiner Kühe auch noch zu anderem gut sein konnten als für den eigenen Esstisch. Penibel rechnete er die produzierten Mengen in Silbereinheiten um - ein Hinweis darauf, dass auch bei den Sumerern bereits eine rudimentär entwickelte Geldwirtschaft existierte, die richtigen Handel und Warenaustausch erst ermöglichte. Auch dies ein gewaltiger Fortschritt, der erst durch eine Finanzinnovation möglich wurde - in diesem Fall durch die wohl beeindruckendste Finanzinnovation aller Zeiten, das Geld.

          Exponentiell verzinste Reparationen in Sumer

          Selbst höhere Mathematik war den Sumerern nicht unbekannt. Darauf stießen die Wissenschaftler, als sie die Schriftzeichen auf einem anderen Tonkrug von erstaunlicher Größe entzifferten, der ungefähr aus dem Jahr 2400 v. Chr. stammt. Die Größe des Gefäßes entsprach der Bedeutung seiner Inschrift.

          Der Herrscher der sumerischen Stadt Lagash, Enmetena mit Namen, forderte auf diese Weise den Herrscher einer anderen sumerischen Stadt namens Umma zu Reparationszahlungen auf. Offensichtlich hatte Enmetena die Stadt erobert (genaueres weiß man darüber nicht) und wollte nun daraus Kapital schlagen. So forderte er vom Besiegten für all die Zeit, in der dessen Ackerland nicht in seinem Besitz war, eine Entschädigung.

          Die Höhe der Entschädigung berechnete Enmetena, indem er die Gerstenproduktion eines Jahres zugrunde legte und darauf einen Zins festlegte. Da der Herrscher einen sehr hohen Zinssatz wählte und seine Forderung viele Jahre umfasste, kam am Ende eine derart hohe Gerstenmenge heraus, dass es dem Unterlegenen vollkommen unmöglich sein musste, diese Menge jemals zu liefern.

          Die Forscher gehen heute davon aus, dass Enmetena dies wusste und es sich bei seiner Forderung vor allem um einen symbolischen Akt handelte. Dem Unterlegenen musste jetzt definitiv klar sein, dass die Reparationszahlung nicht zu begleichen war und dass dies faktisch das Ende seiner Herrschaft markierte.

          Zinseszins schon früh entdeckt

          Aus Sicht der Finanzhistoriker ist an der Angelegenheit aber ein zweiter Aspekt noch spannender. In Enmetenas Rechnung stieg die Höhe der Schuld exponentiell an und nicht etwa jedes Jahr um den gleichen Betrag. Anders gesagt: Die Sumerer hatten bereits eine Vorstellung vom Konzept des Zinseszinses. Interessanterweise war darum in einer der frühesten menschlichen Zivilisationen fast all das schon angelegt, was unser Finanzwesen bis heute ausmacht.

          Der nächste Schub für die Finanzentwicklung ging dann aber nicht mehr von den Sumerern aus, sondern einige Jahrtausende später vom griechischen Stadtstaat Athen. Etwa ab dem Jahr 400 v. Chr. kam dort eine ganz neue, intelligente Form des Darlehens auf, die es in recht ähnlicher Weise bis heute gibt.

          Athen, Geburtsort des Investments

          Dazu muss man wissen, dass Athen zur damaligen Zeit bereits eine derart hohe Bevölkerungszahl hatte (man schätzt mehrere hunderttausend Menschen), dass sich die Bewohner längst nicht mehr allein von den Erträgen des eher kargen Athener Ackerlandes ernähren konnten. Man war auf den Handel mit anderen Städten angewiesen, wozu aufgrund der Lage Athens meist das Meer zu überqueren war - eine Überfahrt, die zur damaligen Zeit mit besonderen Gefahren verbunden war.

          Dies führte zu einer Erfindung, die Finanzhistoriker Goetzmann als „einzigartige Innovation“ bezeichnet. Aus heutiger Sicht handelte es sich um eine spezielle Form des Schiffskredits. Dahinter verbarg sich in etwa Folgendes: Die Kaufleute, die den an und für sich sehr lukrativen Seehandel betrieben, gingen ein hohes Risiko ein.

          Sie mussten einerseits eine Menge Geld aufwenden, um die Schiffe mitsamt Besatzung auf eine mindestens tagelange Reise zu schicken. Und sie mussten andererseits stets miteinkalkulieren, dass im Falle eines Schiffbruchs (damals ein durchaus häufiges Ereignis) ihr gesamter Einsatz verloren war. Somit war klar, dass alle, die sich auf dieses Wagnis einließen, vor allem ein Ziel hatten: Sie wollten ihr Risiko so weit wie möglich verringern.

          Dies gelang, indem man sich für den Seehandel Geld von Investoren lieh. Der Vorteil liegt auf der Hand: Die Kaufleute waren so nicht mehr gezwungen, ihr gesamtes Hab und Gut für ihre Handelsaktivitäten einzusetzen. Außerdem ermöglichten es ihnen die Darlehen, zusätzliche Schiffe loszuschicken.

          Aus der Geschichte lernen

          Die Kredite waren durch spezielle Konditionen gekennzeichnet: Im Falle eines Schiffbruchs mussten die Kaufleute sie nicht zurückzahlen. Für die Kreditgeber war das Geschäft trotzdem interessant, da sie in allen anderen Fällen mit außerordentlich hohen Zinszahlungen (in der Regel im zweistelligen Prozentbereich) für ihr Wagnis belohnt wurden. So kam es, finanzmathematisch gesprochen, durch diese Schiffskredite zu einer Umverteilung des Risikos von den Kaufleuten hin zu den Investoren.

          Für die Kaufleute verringerte sich auf diese Weise die Gefahr des Verlustes ihrer wirtschaftlichen Existenz erheblich. Die Investoren dagegen konnten sich im Erfolgsfall über exorbitante Renditen freuen. Überstand ein Schiff die gefährlichen Überfahrten nicht, war dies aus ihrer Sicht in der Regel aber auch zu verkraften. Schließlich ließen Athens Kaufleute viele Schiffe in See stechen - die Investoren konnten ihre Darlehen also auf unterschiedlichste Kaufleute und deren Handelsflotten aufteilen. Heute würde man Diversifikation dazu sagen.

          Bemerkenswert bleibt, dass diese recht komplexen Finanztransaktionen wohl einem Großteil der Athener Bürger geläufig waren. Kam es nämlich in Fragen der Rückzahlung zu Streit, musste eine Jury aus zufällig ausgewählten Bürgern darüber zu Gericht sitzen. Man darf darum annehmen: Finanzbildung war im antiken Athen ausreichend vorhanden. Vielleicht, so eine weitere Erkenntnis von Goetzmanns Buch, können wir auch in dieser Hinsicht noch einiges von früheren Zeiten lernen.

          Buchtitel

          William N. Goetzmann: „Money changes everything. How Finance made Civilization possible“ Princeton University Press, New Jersey, 2016, 35 Dollar.

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