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Geschichte des Finanzwesens : Geld gebiert die Welt

Der nächste Schub für die Finanzentwicklung ging dann aber nicht mehr von den Sumerern aus, sondern einige Jahrtausende später vom griechischen Stadtstaat Athen. Etwa ab dem Jahr 400 v. Chr. kam dort eine ganz neue, intelligente Form des Darlehens auf, die es in recht ähnlicher Weise bis heute gibt.

Athen, Geburtsort des Investments

Dazu muss man wissen, dass Athen zur damaligen Zeit bereits eine derart hohe Bevölkerungszahl hatte (man schätzt mehrere hunderttausend Menschen), dass sich die Bewohner längst nicht mehr allein von den Erträgen des eher kargen Athener Ackerlandes ernähren konnten. Man war auf den Handel mit anderen Städten angewiesen, wozu aufgrund der Lage Athens meist das Meer zu überqueren war - eine Überfahrt, die zur damaligen Zeit mit besonderen Gefahren verbunden war.

Dies führte zu einer Erfindung, die Finanzhistoriker Goetzmann als „einzigartige Innovation“ bezeichnet. Aus heutiger Sicht handelte es sich um eine spezielle Form des Schiffskredits. Dahinter verbarg sich in etwa Folgendes: Die Kaufleute, die den an und für sich sehr lukrativen Seehandel betrieben, gingen ein hohes Risiko ein.

Sie mussten einerseits eine Menge Geld aufwenden, um die Schiffe mitsamt Besatzung auf eine mindestens tagelange Reise zu schicken. Und sie mussten andererseits stets miteinkalkulieren, dass im Falle eines Schiffbruchs (damals ein durchaus häufiges Ereignis) ihr gesamter Einsatz verloren war. Somit war klar, dass alle, die sich auf dieses Wagnis einließen, vor allem ein Ziel hatten: Sie wollten ihr Risiko so weit wie möglich verringern.

Dies gelang, indem man sich für den Seehandel Geld von Investoren lieh. Der Vorteil liegt auf der Hand: Die Kaufleute waren so nicht mehr gezwungen, ihr gesamtes Hab und Gut für ihre Handelsaktivitäten einzusetzen. Außerdem ermöglichten es ihnen die Darlehen, zusätzliche Schiffe loszuschicken.

Aus der Geschichte lernen

Die Kredite waren durch spezielle Konditionen gekennzeichnet: Im Falle eines Schiffbruchs mussten die Kaufleute sie nicht zurückzahlen. Für die Kreditgeber war das Geschäft trotzdem interessant, da sie in allen anderen Fällen mit außerordentlich hohen Zinszahlungen (in der Regel im zweistelligen Prozentbereich) für ihr Wagnis belohnt wurden. So kam es, finanzmathematisch gesprochen, durch diese Schiffskredite zu einer Umverteilung des Risikos von den Kaufleuten hin zu den Investoren.

Für die Kaufleute verringerte sich auf diese Weise die Gefahr des Verlustes ihrer wirtschaftlichen Existenz erheblich. Die Investoren dagegen konnten sich im Erfolgsfall über exorbitante Renditen freuen. Überstand ein Schiff die gefährlichen Überfahrten nicht, war dies aus ihrer Sicht in der Regel aber auch zu verkraften. Schließlich ließen Athens Kaufleute viele Schiffe in See stechen - die Investoren konnten ihre Darlehen also auf unterschiedlichste Kaufleute und deren Handelsflotten aufteilen. Heute würde man Diversifikation dazu sagen.

Bemerkenswert bleibt, dass diese recht komplexen Finanztransaktionen wohl einem Großteil der Athener Bürger geläufig waren. Kam es nämlich in Fragen der Rückzahlung zu Streit, musste eine Jury aus zufällig ausgewählten Bürgern darüber zu Gericht sitzen. Man darf darum annehmen: Finanzbildung war im antiken Athen ausreichend vorhanden. Vielleicht, so eine weitere Erkenntnis von Goetzmanns Buch, können wir auch in dieser Hinsicht noch einiges von früheren Zeiten lernen.

Buchtitel

William N. Goetzmann: „Money changes everything. How Finance made Civilization possible“ Princeton University Press, New Jersey, 2016, 35 Dollar.

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