https://www.faz.net/-hbv-8mngc

Geschichte des Finanzwesens : Geld gebiert die Welt

Tafel von Drehem: Der erste Finanzplan

Einige Jahrhunderte später ist die Entwicklung bereits bedeutend weiter. Etwa aus dem Jahr 2000 v. Chr. stammt eine Tafel, die die Forscher bis heute in höchste Aufregung versetzt. Die Tafel von Drehem - so hieß die einstige sumerische Stadt, in deren Überresten sie gefunden wurde - enthielt nicht mehr nur eine einfache Auflistung von Besitzständen.

Sondern ihr Verfasser versuchte sich bereits in einfacher Mathematik: Er rechnete wohl aus, wie viel Milch und Käse sein Vieh in den nächsten zehn Jahren zur Verfügung stellen würde. Auch wenn er dabei nicht unbedingt von realistischen Annahmen ausging (so zog er beispielsweise nicht in Betracht, dass seine Tiere in einem Jahr auch einmal weniger Milch produzieren könnten), handelt es sich bei dieser Rechnung doch um den ersten Finanzplan der Geschichte.

Neues Zukunftsdenken

Die Drehem-Tafel zeigt erstmals, dass sich jemand konkret Gedanken um zu erwartende wirtschaftliche Erträge macht. Salopp formuliert, stellte sich der Verfasser der Inschrift von Drehem die Frage: Was wird mir die Zukunft bringen? Dies ist ein wesentliches Element jeder finanziellen Lebensplanung. Aus ihr leiten sich wichtige wirtschaftliche Entscheidungen ab, wie in der damaligen Zeit zum Beispiel die Abwägung: Kann ich mit meinem Acker und meinem Vieh das Überleben meiner Familie sichern, oder brauche ich mehr Land und Tiere?

Der unbekannte Mensch aus Drehem, der sich diese Gedanken machte, wusste zudem bereits, dass Milch und Käse seiner Kühe auch noch zu anderem gut sein konnten als für den eigenen Esstisch. Penibel rechnete er die produzierten Mengen in Silbereinheiten um - ein Hinweis darauf, dass auch bei den Sumerern bereits eine rudimentär entwickelte Geldwirtschaft existierte, die richtigen Handel und Warenaustausch erst ermöglichte. Auch dies ein gewaltiger Fortschritt, der erst durch eine Finanzinnovation möglich wurde - in diesem Fall durch die wohl beeindruckendste Finanzinnovation aller Zeiten, das Geld.

Exponentiell verzinste Reparationen in Sumer

Selbst höhere Mathematik war den Sumerern nicht unbekannt. Darauf stießen die Wissenschaftler, als sie die Schriftzeichen auf einem anderen Tonkrug von erstaunlicher Größe entzifferten, der ungefähr aus dem Jahr 2400 v. Chr. stammt. Die Größe des Gefäßes entsprach der Bedeutung seiner Inschrift.

Der Herrscher der sumerischen Stadt Lagash, Enmetena mit Namen, forderte auf diese Weise den Herrscher einer anderen sumerischen Stadt namens Umma zu Reparationszahlungen auf. Offensichtlich hatte Enmetena die Stadt erobert (genaueres weiß man darüber nicht) und wollte nun daraus Kapital schlagen. So forderte er vom Besiegten für all die Zeit, in der dessen Ackerland nicht in seinem Besitz war, eine Entschädigung.

Die Höhe der Entschädigung berechnete Enmetena, indem er die Gerstenproduktion eines Jahres zugrunde legte und darauf einen Zins festlegte. Da der Herrscher einen sehr hohen Zinssatz wählte und seine Forderung viele Jahre umfasste, kam am Ende eine derart hohe Gerstenmenge heraus, dass es dem Unterlegenen vollkommen unmöglich sein musste, diese Menge jemals zu liefern.

Die Forscher gehen heute davon aus, dass Enmetena dies wusste und es sich bei seiner Forderung vor allem um einen symbolischen Akt handelte. Dem Unterlegenen musste jetzt definitiv klar sein, dass die Reparationszahlung nicht zu begleichen war und dass dies faktisch das Ende seiner Herrschaft markierte.

Zinseszins schon früh entdeckt

Aus Sicht der Finanzhistoriker ist an der Angelegenheit aber ein zweiter Aspekt noch spannender. In Enmetenas Rechnung stieg die Höhe der Schuld exponentiell an und nicht etwa jedes Jahr um den gleichen Betrag. Anders gesagt: Die Sumerer hatten bereits eine Vorstellung vom Konzept des Zinseszinses. Interessanterweise war darum in einer der frühesten menschlichen Zivilisationen fast all das schon angelegt, was unser Finanzwesen bis heute ausmacht.

Weitere Themen

Topmeldungen

Transfer-Offensive : Borussia Dortmund hat ein großes Problem

Der BVB beeindruckt mit seinen starken Neuzugängen. Doch die Offensive auf dem Transfermarkt hat auch ihre Schattenseiten. Der Kader ist nun viel zu üppig besetzt. Auf der Streichliste stehen prominente Namen.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.