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Sparverhalten : Die Deutschen sind wahre Spar-Masochisten

EZB in Frankfurt Bild: Marc-Steffen Unger

Milliarden Euro auf den Tagesgeldkonten verlieren an Wert. Und was machen die Leute? Sie bringen immer mehr Geld auf die Bank. Das Vermögen schrumpft.

          Man mag es kaum glauben – aber die Zinsen auf Tagesgeld in Deutschland sind zuletzt noch weiter gesunken. Während die Hypothekenzinsen für Baugeld, möglicherweise in Erwartung eines Endes der ultralockeren Geldpolitik der Europäischen Zentralbank (EZB), von den Banken zuletzt ein wenig angehoben wurden, ging es mit dem durchschnittlichen Tagesgeldzins noch immer weiter abwärts. 0,15 Prozent zahlen die Banken in Deutschland jetzt im Durchschnitt nach Angaben der FMH-Finanzberatung noch für das Ersparte auf dem Tagesgeldkonto. Die Spanne reicht von 0 bis 1 Prozent für Neukunden.

          Christian Siedenbiedel

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Zugleich meldet sich die Inflation in Deutschland aber wieder etwas zurück. Während sie im Durchschnitt der Eurozone im Juli nach ersten Schätzungen bei 1,3 Prozent verharrte (siehe Kasten), ist sie für Deutschland überraschend auf 1,7 Prozent gestiegen. Das ist immer noch durchaus im Rahmen des Ziels der EZB von „nahe, aber unter 2 Prozent“ – es ist aber für Sparer zumindest keine ganz zu vernachlässigende Größe mehr. Auf Jahressicht erwarteten die Wirtschaftsforschungsinstitute in ihrer Gemeinschaftsprognose für Deutschland aus dem Frühjahr eine Inflation von 1,8 Prozent. Und die bisherigen Monatszahlen legen nahe, dass diese Größenordnung erreicht werden könnte. 1,79 Prozent beträgt der Durchschnitt der ersten sieben Monate.

          Durchschnittlich 14.900 Euro auf dem Tagesgeldkonto

          Das bedeutet: Auf vielen Tagesgeldkonten gibt es negative Realzinsen (Zins minus Inflation). Wer mit einer durchschnittlichen Verzinsung von 0,15 Prozent auskommen muss, dessen Erspartes verliert bei 1,8 Prozent Inflation also 1,65 Prozent im Jahr an Wert. Aber selbst wer sein Geld bei einem der Spitzenreiter aus den Tagesgeldtabellen im Internet angelegt hat, bekommt darauf weniger Zinsen, als die Inflation das Ersparte entwertet. Ausnahmen sind höchstens noch Tagesgeldkonten im Ausland mit höherem Risiko. Während einige sehr vermögende Kunden also bei manchen Banken durch negative Nominalzinsen belastet werden, treffen die negativen Realzinsen längst die breite Masse.

          Gleichwohl sind die Zuströme auf die Tagesgeldkonten in Deutschland weiterhin hoch. Das „deutsche Spar-Paradoxon“ nennen Analysten der Bank Comdirect das Phänomen, dass die Zuflüsse auf deutsche Tagesgeldkonten steigen, während die Realzinsen tiefer ins Negative sinken. Durchschnittlich habe jeder Deutsche 14.900 Euro auf dem Tagesgeldkonto. Zum Vergleich: In Aktien seien pro Kopf nur 3500 Euro investiert. Ebenso viel liege auf Festgeldkonten. In Spareinlagen, etwa Sparbuch und Prämiensparen, seien pro Kopf 7100 Euro angelegt.

          Tagesgeldzinsen dürften niedrig bleiben

          Negative Realzinsen auf Tagesgeldkonten gibt es dabei laut Comdirect schon längere Zeit, auch wenn sich das Ausmaß mit dem weiteren Sinken der Tagesgeldzinsen und der langsamen Rückkehr der Inflation erhöht. Seit 2008 liege die Tagesgeldrendite im Durchschnitt bei minus 0,61 Prozent im Jahr. „Die Deutschen erzielen somit also keine Rendite, sondern machen Verlust. Gleichzeitig steigt das Volumen von Tagesgeldkonten immer weiter“, sagt Matthias Hach von Comdirect: „In den vergangenen neun Jahren ist es um 11 Prozent gewachsen – das ist paradox.“ Längerfristige Spareinlagen wiesen mit einem durchschnittlichen jährlichen Realzins von 0,03 Prozent seit 2008 lediglich ein Volumenwachstum von einem Prozent auf. Festgeldprodukte hätten sogar deutlich an Beliebtheit eingebüßt – trotz eines noch vergleichsweise hohen Realzinses von plus 0,81 Prozent. Das Volumenwachstum sei mit minus sechs Prozent im Jahr deutlich rückläufig.

          Selbst die ING Diba, die einst gleichsam die Deutschen vom Sparbuch an das Tagesgeldkonto als neue Sparform herangeführt hatte, zahlt immer weniger Tagesgeldzinsen. Noch zum Jahreswechsel hatte es für Neukunden vier Monate lang 1Prozent Zinsen gegeben. Seit März liegt dieser Neukunden-Zins jetzt bei 0,75 Prozent. Der Zinssatz für Bestandskunden wurde von 0,35 auf 0,2 Prozent gesenkt. Auf Anfrage hieß es bei der Bank, dass man „weitere Anpassungen in Kürze“ nicht ausschließe. Trotzdem scheint das für viele Sparer noch attraktiv zu sein: Die ING Diba berichtet, dass sie noch immer gute Tagesgeldumsätze verzeichne.

          Die Aussichten, dass sich die Tagesgeldzinsen so bald ändern, sind wohl nicht besonders gut. Die kurzfristigen Sparzinsen hängen eng von den Leitzinsen der EZB und außerdem noch von der Wettbewerbssituation der Banken ab. Die Banken aber haben Einlagen im Überfluss.

          Und die EZB orientiert sich bei den Leitzinsen an der Inflation im gesamten Euroraum, und die ist noch nicht besonders hoch. Deshalb wird die Notenbank zwar voraussichtlich bald Signale zum Auslaufen der Anleihekäufe geben – bis zur Anhebung des Leitzinses aber dürfte es noch einige Zeit dauern.

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          „Nur weil die EZB anfängt zu denken, dass auch im Euroraum die absolute Niedrigzinspolitik zu Ende gehen wird, heißt dies noch lange nicht, dass es in den nächsten Monaten zu wirklichen Zinserhöhungen beim Tagesgeld kommen wird“, meint Max Herbst von der FMH-Finanzberatung: „Dafür ist zu viel kurzfristig angelegtes Geld vorhanden.“ Die Summe des kurzfristig anlegten Geldes in Deutschland auf Tagesgeld- und Girokonten zusammen beziffert die Bundesbank mittlerweile auf 2,2 Billionen Euro.

          EZB-Käufe überschreiten 2 Billionen Euro

          Trotz des Null-Leitzinses und des Anleihekaufprogramms liegt die Inflationsrate weiter unter dem von der EZB gesetzten mittelfristigen Ziel von knapp 2 Prozent. Im Durchschnitt des Euroraums ist die Inflationsrate im Juli wie im Vormonat bei 1,3 Prozent geblieben. Dies teilte das Statistikamt Eurostat am Montag mit. Die sogenannte Kernrate – die ohne die Preise für Energie, Nahrungs- und Genussmittel berechnet wird – stieg leicht von 1,1 auf 1,2 Prozent. Derzeit kauft die Zentralbank monatlich für 60 Milliarden Euro Wertpapiere. Am Montag wurde bekannt, dass sie mit ihren Käufen insgesamt erstmals die Marke von 2 Billionen Euro überschritten hat. Der Preisdruck bleibt dennoch gering. Für den weiteren Jahresverlauf wird nur ein geringer Anstieg prognostiziert. Die Bank Sal. Oppenheim rechnet mit Raten zwischen 1,2 und 1,5 Prozent. Volkswirte erwarten daher nur einen langsamen Ausstieg der EZB aus ihrer ultralockeren Geldpolitik. „Die Unterauslastung der Wirtschaft in etlichen Euroländern spricht eher dafür, dass sich kein nachhaltiger Preisdruck nach oben aufbauen dürfte“, urteilt Marco Wagner von der Commerzbank. „Die EZB wird deshalb wohl langsamer als derzeit am Markt erwartet aus ihrer expansiven Geldpolitik aussteigen“, meint er. Im September oder Oktober wird die EZB über den Fortgang der Anleihekäufe 2018 entscheiden. ppl.

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