https://www.faz.net/-hbv-8bmm2

Crowdinvesting : Per Klick zur Immobilienanlage

In Städten wie Frankfurt am Main boomt der Bau - davon können auch Privatanleger profitieren. Bild: Esra Klein

Mit Crowdinvesting im Internet können auch Kleinanleger vom Immobilienboom profitieren. Doch es gibt auch Risiken.

          Tecklenburg ist ein klassisches Familienunternehmen: 135 Jahre alt, seit sechs Generationen familiengeführt, ansässig in der Provinz. Auch die Immobilienbranche, in der Tecklenburg als Bauunternehmen und Projektentwickler vor allem im Rheinland aktiv ist, steht gemeinhin eher für Solidität als für Innovation. Und konventionell hat man bislang auch die Projekte finanziert: Mit 20 Prozent Eigenkapital, der Rest kam von der Bank. Doch der Boom auf dem Immobilienmarkt lässt auch Unternehmer wie Hermann Tecklenburg, den Seniorchef des Unternehmens, neue Wege beschreiten.

          Judith Lembke

          Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Wir standen vor der Frage, ob wir mit dem gleichen Umsatz weitermachen oder uns am Boom beteiligen wollen“, beschreibt Tecklenburg die Entscheidung. Um mehr Umsatz zu machen, brauchte man aber mehr Eigenkapital. Die Lösung fand Tecklenburg im Crowdinvesting: Über die Plattform Zinsland sammelte Tecklenburg weiteres Kapital zur Realisierung des Wohnungsbauprojekts „Kastanienhof“ in Hilden bei Düsseldorf bei der „Crowd“, den internetaffinen Anlegern, ein. Ab einem Mindestbetrag ab 500 Euro konnte man sich an dem Projekt beteiligen, die Laufzeit sind 18 Monate am Ende steht für den Kapitalgeber eine Verzinsung von 6,5 Prozent pro Jahr.

          Beteiligung normaler Anleger am Immobilienboom

          Tecklenburg ist von dem Versuch angetan: „Ich würde das jederzeit wieder machen“ – und hat mittlerweile auch die Skeptiker im Unternehmen überzeugt, unter anderem seinen eigenen Sohn. „Wir fanden es besonders gut, dass sich viele Leute aus Straelen und Umgebung, wo unser Unternehmenssitz ist, beteiligt haben“, sagt Tecklenburg.

          Für das noch junge Unternehmen Zinsland ist der Kastanienhof ein Vorzeigeprojekt: ein solider Bauträger, viele lokale Investoren, eine geglückte dreimonatige Sammelphase, in der die avisierten 850.000 Euro zusammenkamen. Der Kastanienhof untermauert den Anspruch, mit dem Carl von Stechow sein Unternehmen im Frühjahr dieses Jahres gegründet hat: „Ich will eine Möglichkeit schaffen, mit der sich auch normale Anleger am Immobilienboom beteiligen können“, sagt der Gründer. Er selbst kommt aus der Immobilienbranche, bevor er Zinsland gründete, vermittelte er vermögende Hamburger Familien als Kapitalgeber an Projektentwickler. „Das Gleiche will ich auch für weniger begüterte Investoren anbieten“, sagt von Stechow.

          Das Internet als Plattform ist für ihn dabei nur Mittel zum Zweck. „Es ermöglicht ein direktes Vertragsverhältnis zwischen Investor und Entwickler. Schlanker geht es nicht.“ Zinsland erhält für die Vermittlung eine Provision von Bauträger, für den er das Geld eingesammelt hat. Dass die avisierte Summe auch zustande kommt, dafür bürgen vermögende Kapitalgeber im Hintergrund. „Jedes Projekt findet statt“, verspricht von Stechow.

          Die Nachteile finden sich im Kleingedruckten

          Solide Anlageobjekte, eine Verzinsung von mehr als 6 Prozent, und das alles nur ein paar Klicks entfernt – zu schön, um wahr zu sein? Doch wie so häufig finden sich auch hier die Nachteile im Kleingedruckten. Bei der Investition gibt der Anleger dem Bauträger ein sogenanntes Nachrangdarlehen. Diese Darlehensform beinhaltet in der Regel keine Stimmrechte, der Investor muss sich auf den Bauträger komplett verlassen, denn selbst mitreden kann er nicht. Noch kritischer ist allerdings, dass Nachrangdarlehen besonders schlecht geschützt sind. Diese Kredite sind eigenkapitalähnlich, so dass der Anleger im Fall einer Insolvenz erst Geld sieht, wenn die Banken bedient sind.

          Simon Brunke, Geschäftsführer von Exporo, einer ebenfalls jungen deutschen Crowdinvesting-Plattform, versucht die Vorbehalte, die unter anderem Verbraucherschützer gegen diese Anlageform immer wieder vorbringen, zu entkräften: „Das Risiko liegt im Projekt und nicht im Finanzvehikel“, sagt Brunke. Das könnte zum Beispiel darin bestehen, dass eine Immobilie nicht zu dem avisierten Preis verkauft wird.

          Oder auch das klassische Baurisiko, dass ein Bau teurer wird als gedacht, besteht natürlich. Dieses Gefahren versucht Exporo dadurch zu minimieren, dass der Bauträger auch mit eigenem Kapital haftet. Außerdem setze das Unternehmen auf Transparenz: „Wir versuchen die Anleger so gut wie möglich über den Status des Projekts zu informieren“, sagt Brunke.

          Anleger sind im Schnitt 55-jährige, internetaffine Männer

          Carl von Stechow von Zinsland rät Kleinanlegern, in mehrere Projekte zu investieren und sich damit ihr eigenes Portfolio zusammenzustellen. Das minimiere das Risiko. Auch er verweist auf die Transparenz, die Zinsland mit Blick auf die Projekte biete, zum Beispiel im Vergleich mit Immobilienfonds. Erstaunlich ist, was die beiden Plattform-Gründer in Bezug auf ihre Anleger sagen: Das sind keineswegs jugendliche Hipster, sondern im Durchschnitt 55 Jahre alte, internetaffine Männer. Die durchschnittliche Anlagesumme liege bei Exporo bei 5000 bis 6000 Euro, sagt Brunke.

          Crowdinvesting in Immobilien ist noch eine relativ junge Anlageform. 2012 startete in den Vereinigten Staaten Fundrise als erstes, ausschließlich auf Immobilien spezialisiertes Angebot. Seitdem ist der Markt dynamisch gewachsen. Im vergangenen Jahr wurde eine Milliarde Dollar für Immobilienprojekte im Internet eingesammelt, in diesem Jahr werden es schon 2,5 Milliarden sein. Das ambitionierteste Projekt ist bislang 17 John, ein Hochhaus in Manhattan, für das die amerikanische Plattform Prodigy Network 70 Millionen Dollar im Internet einsammeln will.

          In der kolumbianischen Hauptstadt Bogotá wird gerade das erste, via Crowdinvesting finanzierte Hochhaus fertiggestellt. Das BD Bacatá erfüllt noch einen anderen Superlativ: Mit 67 Stockwerken ist es auch das höchste Gebäude der Stadt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Es bleibt ein Rätsel, woher May die politische Kraft nehmen will, das Land wieder zu befrieden.

          May nach dem Misstrauensvotum : Das kleinste Übel

          Theresa May ist unfähig, eine – zugegeben – schwierige Situation zu meistern. Aber ihr steht keine organisierte und regierungsfähige Opposition gegenüber. So darf die Premierministerin also weitermachen. Ein Kommentar.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.