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Lyft-Börsengang : Der erste Handelstag sagt gar nichts

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Ein erfolgreicher Tag für Anleger: Der Börsengang von Covestro am 6. Oktober 2015. Bild: AFP

Am Freitag wird der amerikanische Mitfahrdienst Lyft an die Börse gehen. Das Interesse ist groß. Anleger sollten bei einem Börsengang dennoch vorsichtig sein.

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          Am Freitag wird der amerikanische Fahrdienstvermittler Lyft in New York an die Börse gehen. Die Aktien des Uber-Konkurrenten trafen auf eine so hohe Nachfrage, dass das Unternehmen die Preisspanne für die Papiere am Mittwoch auf 70 bis 72 Dollar anhob. Sollte Lyft seine Aktien am oberen Ende der Preisspanne verkaufen können, würde das Unternehmen beim Börsengang mit insgesamt fast 25 Milliarden Dollar bewertet. Damit würde der Börsengang einer der größten der vergangenen Jahre sein.

          Während in Amerika an der Börse auf dieses Ereignis geradezu hingefiebert wird, ist in Deutschland die Stimmung für Börsengänge zuletzt schlechter geworden. Im ersten Quartal 2019 hat kein einziges deutsches Unternehmen den Sprung auf das Parkett gewagt, wie die Wirtschaftsberatung PwC in ihrer vierteljährlichen Analyse "Emissionsmarkt Deutschland" berichtet. Zuletzt hatte Anfang März die On-Off AG ihren Börsengang im Nachwuchssegment Scale mangels Interesse absagen müssen. Eine solche Flaute zum Jahresbeginn habe es zuletzt 2014 gegeben, sagte Nadja Picard, Spezialistin für Börsengänge bei PwC. Sie hofft aber auf ein solides zweites Halbjahr.

          Als Grund für den fehlenden Mut der Unternehmen sieht Picard das schwierige Marktumfeld zum Jahreswechsel. Verloren geben will die Expertin das Börsengang-Jahr 2019 aber noch nicht: Als Mutmacher sieht sie die Börsenpläne großer amerikanischer Technologieunternehmen wie die der Fotoplattform Pinterest, des Online-Unterkunftvermittlers Airbnb sowie des Fahrdienstvermittlers Uber.

          Mit dem Kapitalmarkt kommunizieren

          Bei aller Euphorie über kommende Börsengänge sollten Privatanleger mit Augenmaß herangehen. Denn der Kursverlauf einer Aktie am Tag des Börsengangs erlaubt keinen Rückschluss auf die zukünftige Wertentwicklung. Bei rund der Hälfte der Börsengänge entwickelten sich die Kurse später gegenläufig zur Tendenz des ersten Börsentages, so eine Untersuchung der Beratungsgesellschaft Cometis.

          Diese hat die Kurse von 40 Neuemissionen am deutschen Aktienmarkt seit Januar 2014 über einen Zeitraum von zwei Jahren untersucht. Bei 20 Unternehmen entwickelten sich demnach die Aktienkurse in den folgenden zwei Jahren entgegen der Tendenz des ersten Börsentags. 13 Aktien, deren Schlusskurs am Tag der Premiere über dem Ausgabepreis lag, verzeichneten in den zwei Folgejahren teils deutliche Kursverluste, und nur sieben Aktien entwickelten sich entgegen dem ungünstigen Kursverlauf des ersten Handelstages in der Folgezeit deutlich besser.

          „Weder sollten Kursgewinne am ersten Tag des Börsenhandels zu Euphorie verleiten, noch rechtfertigen Kursverluste am ersten Börsentag den Stab über einem Unternehmen zu brechen“, so Henryk Deter von Cometis. Der langfristige Erfolg eines Börsengangs entscheide sich vor dem Handelsstart. Die Anteilscheine sind ja schon bei den neuen Investoren plaziert, bevor überhaupt der erste Kurs an der Anzeigetafel erscheint. „Entscheidend ist, dass die Unternehmen ihr Selbstverständnis als „public company“ verinnerlichen. Dazu müssen sie nicht nur die vor dem Börsengang angekündigten Ergebnisse liefern, sondern auch kontinuierlich und professionell mit dem Kapitalmarkt kommunizieren.“

          Wertentwicklungen sind breit gestreut

          Ein anschauliches Beispiel für gute Kommunikation ist Covestro. In den 24 Monaten nach dem Börsengang verzeichnete die Aktie des Chemieunternehmens ein Plus von fast 200 Prozent, mithin die beste Wertentwicklung der untersuchten Börsengänge. Schon am ersten Börsentag lag das Papier 10 Prozent im Plus. In den darauffolgenden zwei Jahren wurde aus Covestro ein Schwergewicht mit einer Kapitalisierung von rund 13 Milliarden Euro - Dax-Aufstieg inklusive.

          COVESTRO AG O.N.

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          Das Beispiel zeigt durchaus, dass zwar Größe nicht alles ist an der Börse, aber die anfängliche Marktkapitalisierung doch nicht unwichtig für den weiteren Verlauf einer Aktienkurs-Entwicklung ist. Wer dagegen beim Börsengang von manchen leichtgewichtigeren Neuemissionen dabei war, hat oft einiges an Geld verloren.

          Das größte Desaster in Deutschland bereiteten die Börsengänge chinesischer Mittelständler. Vor vielen Jahren waren diese in und wurden von diversen Börsenbriefen gepriesen. Wer dann aber etwa am 27. Januar 2014 die Aktien des chinesischen Textilproduzenten „Tintbright“ erworben hatte, erlitt  einen Totalverlust, denn zwei Jahre nach dem Börsengang waren die Papiere schon gar nicht mehr an der Börse notiert. Der Vorstand und sein Kontrollgremium, der Aufsichtsrat, waren abgetaucht und die Gesellschaft auch postalisch nicht mehr erreichbar.

          Aber auch mit heimischen Aktien hatten Anleger kein Glück. Das zeigt das Beispiel Steilmann. Anleger, die Anfang November 2015 beim Börsengang des Bekleidungsherstellers „Steilmann“ dabei waren, hatten zwei Jahre später mit einem Verlust von 99 Prozent nahezu ihr gesamtes Kapital verloren. Allerdings hätte man es ahnen können: Nur mit deutlich reduziertem Volumen zum niedrigstmöglichen Preis war ein Mini-Börsengang möglich gewesen. Einige Beobachter zweifelten im Nachhinein, ob seinerzeit überhaupt Aktien an externe Investoren verkauft werden konnten.

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