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Bares in der Wohnung : Geld gehört nicht unters Kopfkissen

  • -Aktualisiert am

Einbrecher kapitulieren nur vor einem bombensicheren Stahltresor. Bild: Thomas Langreder / VISUM

Die Deutschen verstecken in ihren Wohnungen 110 Milliarden Euro. Leichtsinniger geht es nicht. Einbrecher haben ihre wahre Freude.

          6 Min.

          Wäre dieser Text ein Film, dann würde jetzt dramatische Musik einsetzen. Der Kommissar würde sich am Kopf kratzen und sagen: „Uns fehlen 110 Milliarden Euro. Keine Ahnung, wo die im Augenblick stecken, aber sie müssen irgendwo da draußen sein.“ Dann würde die Musik lauter werden und die Kamera würde vom Zimmer des Kommissars aufsteigen, in Vogelperspektive über die Straßenschluchten fliegen und von der Stadt aus ins Umland gleiten, zu ein paar Häusern und Gehöften. Überall hier könnte man tatsächlich einen Teil jener 550 Milliarden Euro finden, die die Deutsche Bundesbank an Bargeld im Umlauf hält. Einen großen Teil sogar, denn ein Fünftel davon läuft gar nicht wirklich um, sondern wird versteckt. Rund 110 Milliarden Euro, so schätzen die Bundesbanker, horten die Deutschen in großen und kleinen Scheinen in ihren Wohnungen. Statistisch sind das 1300 Euro je Bürger. Und ob man’s glaubt oder nicht: Etliche von ihnen legen es tatsächlich unter die Matratze oder verbergen es an ähnlichen Orten, an denen sie es sicher wähnen. Was es aber nicht ist.

          Selbstverständlich kann man kritisieren, dass Menschen so etwas überhaupt tun, Papiergeld horten. Denn Bargeld verliert daheim an Wert und ist nichts anderes als eine Null-Prozent-Anleihe, die man bei der Bank aufnimmt, kritisiert der Harvardprofessor und ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds, Kenneth Rogoff: Es bringt schließlich keine Zinsen, vermehrt sich auch nicht und wird mit steigender Inflation sogar weniger wert, weil man zu einem späteren Zeitpunkt viel weniger Güter dafür kaufen kann. So kurbelt Bargeld also auch nicht die Wirtschaft an, wenn es bloß gebunkert wird. Im Gegenteil, sagt der Harvard-Ökonom, es begünstige sogar Steuerhinterziehung und Geldwäsche, beides sei nämlich nur durch das Herumreichen von Papiergeld möglich. Darüber hinaus begünstige es die illegale Einwanderung, denn nicht registrierte Arbeitskräfte könnten nur dann in einem fremden Land überleben und dort die Sozialabgaben umgehen, wenn sie für ihre Schwarzarbeit mit Bargeld bezahlt werden. So gesehen verhindere Papiergeld auf vielerlei Weise das reibungslose Funktionieren des Weltfinanzsystems. Folglich vertritt Rogoff die These: Bargeld sollte abgeschafft werden. Und das Einstampfen sollte mit den großen Scheinen beginnen.

          Es gibt allerdings auch Verfechter des Bargelds wie Otmar Issing, früher Chefökonom der Europäischen Zentralbank, der sagt: „Bargeld ist geprägte Freiheit.“ Es ermögliche das bequeme und das anonyme Zahlen, vor allem durch kleine Scheine und Münzen. Und seit der Diskussion um die Abschaffung großer Geldscheine betonen auch heutige Vertreter der Europäischen Zentralbank, wenn sie vom Bargeld reden, wie groß dessen „Beliebtheit als Wertaufbewahrungsmittel“ noch immer ist.

          Gewiss ist die Forderung nach der Abschaffung des Bargelds auch einer der Gründe, weswegen so viele Leute gerade große Scheine gern zu Hause horten. Weil sie nämlich im wahrsten Sinne des Wortes am Geld festhalten wollen, so lange es noch geht - bevor das Bezahlen vollelektronisch wird, bevor jeder Bezahlvorgang komplett überwacht werden kann und bevor Notenbanken allein durch die elektronische Ausgabe von Geldeinheiten ihre Negativzinsen direkt aufs Volk abwälzen können.

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