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Global Wealth Report : Nur ein bisschen weniger reicher

Die Corona-Krise stört beim Schmuckkauf - aber nicht wegen des geringeren Vermögens. Bild: dpa

Der Politik sei Dank: Die Corona-Krise lässt die Geldvermögen global wohl nicht schrumpfen, nur weniger stark wachsen. Beunruhigend sind dagegen manche Verteilungstrends.

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          „Crisis? What Crisis?„ hieß ein erfolgreiches Album der Band „Supertramp“ in den siebziger Jahren und zeigte auf dem Cover einen Mann, der sich vor dem Hintergrund einer Slum-Siedlung und rauchender Fabrik-Schornsteine im Liegestuhl sonnt. Mit Blick auf das globale Geldvermögen im laufenden Jahr hat der deutsche Finanzkonzern Allianz diese Zwischenüberschrift selbst gewählt, um die Entwicklung desselben zu beschreiben.

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Dank der von Zentralbanken und Regierungen auf der ganzen Welt aufgelegten beispiellosen geld- und fiskalpolitischen Hilfspakete gegen die Corona-Krise sei das Geldvermögen der privaten Haushalte bis zum Ende des zweiten Quartals global um 1,5 Prozent gestiegen. Es sei sehr wahrscheinlich, dass es im Pandemie-Jahr 2020 wachsen werde. So habe dann die Politik die Geldvermögen vor den Folgen der tiefsten Rezession seit 100 Jahren abgeschirmt.

          Das hat sie auch schon 2019 getan, dem Jahr, dem das Hauptaugenmerk der elften Ausgabe des „Global Wealth Reports“ gilt, in dem Geldvermögen und Verschuldung der privaten Haushalte in fast 60 Ländern analysiert werden. Angesichts der Tatsache, dass das Jahr 2019 von sozialen Unruhen, eskalierenden Handelskonflikten und einer industriellen Rezession geprägt gewesen sei, sei die Leistung mehr als erstaunlich, heißt es von den Verfassern. Eine so große Zunahme des Wohlstands wie 2019 habe man in den vergangenen 15 Jahren nicht verzeichnen können.

          Corona-Luxus: Goldene, diamantverkrustete Gesichtsabdeckung aus Israel für 1,5 Millionen Dollar.
          Corona-Luxus: Goldene, diamantverkrustete Gesichtsabdeckung aus Israel für 1,5 Millionen Dollar. : Bild: dpa

          Global sei das Brutto-Geldvermögen um fast 10 Prozent aus 192 Billionen Euro gewachsen. Der Kursschwenk der Zentralbanken zu einer breiten geldpolitischen Lockerung habe, losgelöst von den Fundamentaldaten, zu einem kräftigen Plus der Aktienmärkte von 25 Prozent geführt. Allein die Anlageklasse der Wertpapiere habe 2019 um satte 13,7 Prozent hinzugewonnen, mithin das stärkste Wachstum im 21. Jahrhundert.

          Aber auch Versicherungen und Pensionen hätten ein Plus von 8,1 Prozent erreicht, hauptsächlich aufgrund des Anstiegs der zugrundeliegenden Vermögenswerte, und auch die Bankeinlagen seien noch um 6,4 Prozent gestiegen. Alle Anlageklassen hätten ein Wachstum verzeichnet, das deutlich über dem langfristigen Durchschnitt seit der Finanzkrise gelegen habe. Demgegenüber dürfte 2020 wohl etwas abfallen. Und was anders ist: Hauptreiber sind die Bankeinlagen, die dank der Unterstützungsprogramme und vorsorglicher Ersparnis um kräftige 7 Prozent zunahmen.

          „Im Moment hat die Geldpolitik die Vermögen gegen Corona quasi immunisiert“, sagte Ludovic Subran, Chefökonom der Allianz. Aber man solle sich nichts vormachen. Null- und Negativzinsen seien ein süßes Gift, das die Vermögensbildung untergrabe und die soziale Ungleichheit verschärfe. Es handele sich um Mitnahmegewinne, die nicht nachhaltig seien. Mehr denn je seien Strukturreformen notwendig, um die Grundlagen für ein inklusives Wachstum zu schaffen.

          Denn tatsächlich hat sich das Wohlstandsgefälle sowohl regional als auch sozial vergrößert. 2019 stiegen das dritte Jahr in Folge die Geldvermögen in den Industrieländern stärker als in den Schwellenländern. Gerade in den reichsten Regionen, in Nordamerika und Ozeanien, erreichte der Zuwachs der Brutto-Geldvermögen Rekordwerte. Seit 2016 ist das Netto-Geldvermögen pro Kopf in den Industrieländern vom 19-fachen auf das 22-fache dessen gestiegen, was Einwohner in Schwellenländern besitzen. Zugegeben: Im Jahr 2000 lag dieser Wert noch beim 87-fachen. Der jüngste Trend sei aber ziemlich beunruhigend, heißt es von Mitautorin Patricia Pelayo Romero. Denn die Pandemie werde die Ungleichheit sehr wahrscheinlich weiter vergrößern. Sie sei ein Rückschlag für die Globalisierung und erschüttere zudem besonders in Ländern mit niedrigem Einkommen das Bildungs- und Gesundheitswesen.

          Die reichsten 10 Prozent der Welt besaßen 2019 rund 84 Prozent des gesamten Vermögens, das reichste Prozent fast 44 Prozent. Seit der Jahrtausendwende sei aber der Anteil des reichsten 10 Prozent gesunken, der des reichsten Prozents gestiegen. Die Superreichen schienen sich immer weiter vom Rest der Gesellschaft zu entfernen.

          Auch in Deutschland stieg das Nettofinanzvermögen um 8,2 Prozent. Mit einem Netto-Geldvermögen pro Kopf von 57100 Euro nimmt Deutschland damit weiter Platz 18 der reichsten Länder ein. Im ersten Halbjahr 2020 stieg das Geldvermögen um 1,3 Prozent. Interessanter aber sei eine Veränderung des Sparverhaltens. Die deutschen Haushalte begännen, sich Aktien und Investmentfonds zuzuwenden. Seit der Finanzkrise hätten sie im Gegensatz zum europäischen Durchschnitt ihre Investitionen erhöht und seit 2017 rund 20 Prozent ihrer frischen Ersparnisse in Wertpapiere angelegt. Zudem hätten sie stärker ausländische Aktien gekauft. Das habe sich gelohnt, denn deren Wert habe sich überproportional zum internationalen Durchschnitt entwickelt.

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