https://www.faz.net/-hbv-a58b0

Gegen den Technologie-Trend : „Value kommt wieder“

Das waren noch Zeiten: Käufer drängen sich im Westfield Shopping Centre von Unibail-Rodamco. Bild: Reuters

„Menschen können nicht nur von Daten leben“, sagen sich Fondsmanager und setzen unverdrossen auf Klassiker: Auf Textilreinigung, Einkaufszentren oder Baustoffe.

          3 Min.

          Das Jahr 2020 gehört den Technologie- und Wachstumswerten. Substanzwerte der Wirtschaft von heute und gestern blieben dagegen zurück. „Value-Investoren hatten in den letzten Jahren wenig zu lachen“, sagt Georg von Wyss, Gründer des Schweizer Fondsverwalters BWM Value Investing. „Doch es gibt allmählich Lichtblicke, und einer davon ist das vermehrte Erscheinen von Beiträgen, die suggerieren, es sei nicht mehr nötig und auch nicht mehr möglich, Aktien zu bewerten. Für erfahrene Börsianer ist das ein Déjà-vu.“

          Martin Hock

          Redakteur in der Wirtschaft.

          In den Kursen der Technologiewerte seien sehr hohe Zukunftserwartungen enthalten, sagt auch Patrick Linden, Partner bei der auf Substanzwerte spezialisierten Fondsgesellschaft Clartan Associés. „Apple etwa war schon im Januar sehr teuer. Selbst im März war die Aktie nicht besonders günstig. Deswegen wurde die Aktie für uns auch nicht interessant.“

          Clartan ist auf der Suche nach Unternehmen, die solide Erträge erwirtschaften, die auf fünf bis sieben Jahre kalkulierbar erscheinen – nicht eben sehr langfristig und auch nicht für ein paar Monate, stellt Linden klar. Natürlich passt das nicht immer. „Läuft an der Börse gerade ein Hype, sind das für Value-Ansätze die schlechtesten Zeiten“, sagt Linden. „Während der Technologieblase im Jahr 1999 gab es etwa für uns eigentlich keine investierbaren Titel. Als dann im Jahr 2000 der Markt drehte, gab es plötzlich viele interessante Werte.“ Ähnlich sei es in der Finanzkrise gewesen, als die gesamte Welt in eine Rezession geriet.

          Sauber muss es auch weiter sein

          Aktuell stelle sich die Frage, wann die klassischen Industrien wieder ins Laufen kämen. Just am Montag sieht es dafür so gut aus, wie seit Monaten nicht mehr. Finanzwerte etwa seien durchaus interessant, findet Linden. Die Verhängung eines Dividendenstopps sei seinerzeit ein ganz schlechtes Signal gewesen, wenn etwa Banken wie BNP Paribas nicht hätten zahlen dürfen. Dabei verfüge diese Bank über eine exzellente Eigenkapitalausstattung. Immerhin könne man sich damit trösten, dass der intrinsische Wert der Aktie gestiegen sei.

          Unternehmen aus der „Old Economy“ würden auch künftig gebraucht, sagt auch Hans-Peter Schupp, Manager des Fidecum-Fonds „Contrarian Value-Fonds“. Vereinfacht ausgedrückt, könnten die Menschen ja nicht ausschließlich von Daten leben. Auch Linden schwört auf „Old Economy“. Etwa auf die seit Jahren expandierende Textilreinigung Elis. Die habe zwar auch unter dem Einbruch des Tourismus zu leiden, aber die Abhängigkeit davon betrage nur 25 Prozent. Viel wichtiger seien aber die Netzwerkeffekte durch Übernahmen, wenn sich durch mehr Kunden etwa Touren günstiger gestalten ließen.

          UNIBAIL-RODAMCO-WE

          -- -- (--)
          • 1T
          • 1W
          • 3M
          • 1J
          • 3J
          • 5J
          Zur Detailansicht

          Trotz allem: Einkaufszentren

          Entgegen aller Ängste setzt Clartan auch auf Unibail-Rodamco, einen Betreiber von Einkaufszentren. „Es gibt die Wahrnehmung, dass das Einkaufen nie wieder so sein wird wie zuvor. Aber unter Beachtung der Hygienemaßnahmen kommt das wieder zurück.“ Der Aktienkurs von Unibail-Rodamco liege fast 80 Prozent unter dem fairen Wert, die Dividendenrendite betrage 13 Prozent. „Derzeit stehen die Anleger unter dem Eindruck eines Schocks historischen Ausmaßes. Wenn sich die Dinge nach einiger Zeit normalisiert haben, wird der Schrecken verblassen“, ist sich Linden sicher. Dann werden auch die Besucher wie vorher in die Einkaufszentren strömen. Diese brauchten Erlebniswelten, und die gebe es online nun einmal so nicht.

          Längerfristig orientiert sich Clartan an den großen Trends: Demographie, Digitalisierung, der Aufstieg der Schwellenländer und natürlich die Nachhaltigkeit. Für den mit der Schweizer Stiftung Ethos entwickelten Nachhaltigkeitsfonds findet Linden den irischen Hersteller von Isoliermaterial aus wiederverwerteten Materialien, Kingspan, sehr interessant. Dieser habe ein umfangreiches Sortiment, sei gut positioniert und helfe, die CO2-Bilanz zu verbessern.

          „Value kommt wieder“, resümiert Linden. „Im Grunde haben die Wachstumswerte erst 2018 begonnen, aufzuholen, nachdem sie sich jahrelang seitwärts bewegt haben. Und die Digitalisierung unterstützt sogar die Erträge guter Unternehmen, denn diese passen sich an und entwickeln Strategien. Als aktiver Anleger kann man sich dann die besten heraussuchen. Vielleicht dauert es ja noch ein oder zwei Jahre – aber Value kommt wieder.“ Schupp klingt da ein bisschen zurückhaltender. Phasen, in denen Anleger die Finger von Value gelassen haben, habe es immer wieder gegeben, sagt er. Die derzeitige sei mit 13 Jahren aber ungewöhnlich lang. Schupp muss es wissen: Sein Fonds, der einst 600 Millionen Euro groß war, ist auf nur noch rund 25 Millionen Euro geschrumpft. „Value braucht viel Geduld, bis sich eine vermeintliche Unterbewertung auflöst“, sagt er.

          Weitere Themen

          China, das (un)geliebte Anlegerland

          Scherbaums Börse : China, das (un)geliebte Anlegerland

          Deutsche Privatanleger interessieren sich meist für einheimische Aktien – vielleicht noch für ein paar amerikanische Tech-Werte. China haben dagegen nur wenige auf dem Schirm. Das könnte ein Fehler sein, wie ein Blick auf die aktuelle Lage sowie die Erwartungen für 2021 zeigen.

          Topmeldungen

          Vor dem Krisengipfel : Ruf nach echtem Lockdown wird lauter

          Vor dem Treffen der Bundeskanzlerin mit den Ministerpräsidenten mehren sich Forderungen nach härteren Maßnahmen. Gesundheitsminister Jens Spahn spricht angesichts der neuen Virus-Varianten von „besorgniserregenden Meldungen“.
          Trumps Amtszeit endet am Mittwoch, das Bild zeigt ihn im Juni 2020 während er die Air Force One betritt.

          Vor der Amtsübergabe : Wer auf Trumps Begnadigung hofft

          Der amerikanische Präsident plant zum Abschied eine Reihe von ungewöhnlichen Gnadenakten. Die „New York Times“ berichtet nun von Versuchen interessierter Kreise, sich eine Begnadigung von Donald Trump zu kaufen.
          Armin Laschet im September 2018 ungefähr 1200 Meter unter Tage in der Steinkohlenzeche Prosper Haniel in Bottrop.

          Neuer CDU-Vorsitzender : Der Wirtschaftspolitiker Armin Laschet

          Weniger Bürokratie, nicht „halb grün“, europäische Champions: Wofür der neue CDU-Chef wirtschaftspolitisch steht, hat er als Ministerpräsident schon in wichtigen Einzelfällen gezeigt.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.