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Kapitalanlagen im Ausland : Kritik an Risikofreude deutscher Sparer

Auch beim Export von Ersparnissen ist Deutschland ganz weit vorne. Bild: Foto Laif

Die deutschen Ersparnisse sind so hoch, dass sie nicht vollständig in Deutschland verwendet werden können. Doch die Anlage im Ausland stößt auch auf Kritik: Der deutsche Sparer drücke das Zinsniveau und befördere international Blasen.

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          Adair Turner bezeichnet es provozierend als „Deutschlands geheime Abhängigkeit vom Kredit“. Der frühere Leiter der britischen Finanzaufsicht spielt damit seit einiger Zeit – und am Freitag auch auf einer Konferenz in Frankfurt – auf die bedeutenden Exporte deutscher Ersparnisse ins Ausland an. Sie führen im Trend zu einem starken Anstieg der deutschen Finanzanlagen im Ausland, auch wenn im Laufe der Jahre immer wieder viel Geld durch schlechte Kapitalanlagen, zum Beispiel in amerikanische Schrotthypotheken, verloren gegangen ist.

          Aus der Sicht vieler deutscher Anleger sind diese im Ausland gehaltenen Gelder Teil einer sinnvoll erscheinenden Diversifizierung seiner Ersparnisse. Schließlich lautet eine der wichtigsten goldenen Regeln der Kapitalanlage: Leg nicht alle Eier in einen Korb!

          Nach Ansicht Turners vergisst der deutsche Sparer aber einen wesentlichen Zusammenhang: Seine Ersparnisse werden im Ausland überwiegend für Kredite verwendet, und je mehr Geld der deutsche Sparer – entweder er selbst oder ein von ihm beauftragtes Finanzinstitut wie eine Bank, eine Versicherung oder eine Fondsgesellschaft – im Ausland anlegt, umso mehr steigt die Wahrscheinlichkeit, dass im Ausland Spekulationsblasen an den Finanzmärkten entstehen.

          Ein Ende der deutschen Ersparnisbildung ist nicht in Sicht

          Die Deutsche Bank bezeichnet diesen Exodus der deutschen Ersparnis als „Euro-Schwemme“. Ihre Ursachen liegen in einer immer größeren Bereitschaft der deutschen Sparer, angesichts sehr niedriger Zinsen im eigenen Land im Ausland nach attraktiveren Renditen zu suchen. Diese Anlagen nimmt nur ein kleiner Teil der Sparer selbst in Form zum Beispiel von Käufen ausländischer Wertpapiere vor. Viel häufiger wandert sein Geld ins Ausland, wenn er es einer Versicherung oder einer Fondsgesellschaft anvertraut. So trommeln, nicht ohne Erfolg, deutsche Fondsgesellschaften seit einigen Jahren für Anlagen in Schwellenländerfonds. Auch in den an Bedeutung gewinnenden „Multi-Asset-Fonds“, die ihre Gelder auf mehrere Anlageklassen verteilen, besteht in vielen Fällen ein großer Teil der Kapitalanlagen aus ausländischen Wertpapieren.

          Bild: F.A.Z.

          Seine Lust am Sparen hat der deutsche Privathaushalt trotz der niedrigen Zinsen im eigenen Land nicht eingebüßt. Rund zehn Prozent seines verfügbaren Einkommens legt er Jahr für Jahr zurück, und anders als in Japan, wo die Zinsen schon lange sehr niedrig sind und die Bevölkerung schnell altert, ist ein Ende der deutschen Ersparnisbildung nicht abzusehen.

          Im Ausland ist eine zunehmende Verschuldung die Folge

          Ein wenig geändert hat sich jedoch im Laufe der vergangenen Jahrzehnte die Art und Weise, wie Deutsche typischerweise sparen. Zwar werden seit langer Zeit konstant rund zwei Fünftel der Ersparnisse als Bargeld und – meist niedrig verzinste – Einlagen bei Banken und Sparkassen angelegt. Dafür ist, wie die Grafik zeigt, der Anteil der von Privatpersonen selbst gekauften Wertpapiere am Gesamtvermögen in den vergangenen 15 Jahren zurückgegangen. Hierzu hat unter anderem die Enttäuschung über das abrupte Ende der Börsenhaussen in den Jahren 2000 und 2007 beigetragen.

          Heute halten deutsche Privataktionäre nur 12 Prozent der Aktien deutscher Unternehmen, während in den Vereinigten Staaten die Privatpersonen fast 40 Prozent der Aktien amerikanischer Unternehmen besitzen. Im Gegenzug haben die von den Privatpersonen bei Versicherungen und Altersvorsorgeeinrichtungen wie Pensionskassen gehaltenen Mittel deutlich zugelegt.

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