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Aktienbeteiligung : So kommen die Deutschen zur Aktie

Auch das gibt’s noch: Echte Wertpapiere. Bild: Dieter Rüchel

Die Deutschen müssen besser sparen, damit die Rente reicht. Deshalb kommen jetzt Aktien ins Spiel. Einen Vorschlag unterstützt auch die neue CDU-Chefin.

          Mit Aktien fürs Alter vorsorgen? Bei vielen Deutschen ist das geradezu verpönt: Da kann man ja gleich ins Casino gehen, denken sie. Und doch gärt die Diskussion um die Aktienbeteiligung der Deutschen seit Monaten – so lange, bis sich in der vergangenen Woche gleich beide wichtige Kandidaten um den CDU-Vorsitz dafür ausgesprochen haben, Aktien in der Altersvorsorge zu berücksichtigen. Und das zu Recht.

          Patrick Bernau

          Verantwortlicher Redakteur für Wirtschaft und „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Es ist das große Paradox der Deutschen: Einerseits ärgern sie sich darüber, dass Aktionäre aus ihren Firmenbeteiligungen immer wieder hohe Gewinne ziehen, seit Jahrzehnten wachsen die Aktienkurse trotz zwischenzeitlicher Rückschläge auch in Deutschland schneller als die Löhne. Andererseits wollen viele sich selbst nicht an diesen Gewinnen beteiligen – weil sie irgendwie zu der Annahme gekommen sind, dass Aktien nichts für sie wären. „Wertpapieranlage ist nur etwas für Reiche“ – so sagen viele Deutsche, und das ist ihr Hauptgrund, sich nicht stärker am Kapitalmarkt zu engagieren, wie der Frankfurter Finanzprofessor Andreas Hackethal in einer Umfrage ermittelt hat.

          Die Rente kommt an ihre Grenze

          Diese Haltung hat den Deutschen in den vergangenen Jahren nicht geholfen. Zwar sparen sie insgesamt fleißiger als fast alle anderen Europäer, doch das ganze Geld steckt in Sparbüchern, Tagesgeldkonten und Lebensversicherungen – lauter Geldanlagen, die im Wesentlichen von den Zinsen abhängen. So vermehrt sich kein Vermögen. Die meisten anderen Europäer machen das besser. Ihr Erspartes bringt mehr Rendite, und so kommt es, dass selbst Italiener und Spanier größere Vermögen haben als die Deutschen.

          Das Problem allerdings wird immer drängender. In ungefähr zehn Jahren beginnen die Babyboomer in Rente zu gehen, dann kommen die staatlichen Rentenkassen an ihre Belastungsgrenze. Wenn die Beiträge nicht ins Unermessliche steigen sollen, müssen die Deutschen länger arbeiten, oder die gesetzlichen Renten müssen sinken. Da entsteht eine Lücke, die sich mit ordentlichen Renditen aus dem Ersparten halbwegs schließen ließe, wenn nur mehr Deutsche Erspartes mit ordentlichen Renditen hätten. Das ist die eine Seite.

          Auf der anderen Seite zeichnet sich ab, dass die Kapitalgewinne in Deutschland in den kommenden Jahrzehnten weiter wachsen. Digitalisierung und vielleicht auch Globalisierung lassen Ökonomen annehmen, dass sich die Wirtschaft zweiteilt: in erfolgreiche Unternehmen mit hohen Löhnen und noch höheren Gewinnen einerseits – und andererseits in veraltete Unternehmen, die nur noch begrenzt hohe Löhne zahlen können. Immer wieder kommt eine Maschinensteuer in die Diskussion. Dagegen steht die Überlegung von Ökonomen wie Jens Südekum: Wenn die Arbeitnehmer von vornherein an den Gewinnen der Konzerne teilhaben, muss das Geld hinterher nicht mühsam umverteilt werden – es wäre die sanftere und elegantere Lösung.

          Wie kommen die Deutschen zur Aktie?

          Dabei ist selten die Rede davon, dass Arbeitnehmer einfach Anteile an dem Unternehmen bekommen, in dem sie arbeiten. Niemand glaubt, dass die Altersvorsorge des Auto-Facharbeiters vom Erfolg eines Autokonzerns abhängen soll. Im schlechtesten Fall wäre er dann seine Stelle los und hätte gleichzeitig Firmenanteile, die kaum noch etwas wert sind. Stattdessen denken viele Experten darüber nach, Fonds aufzulegen, die die Aktien vieler Unternehmen bündeln – sei es von Unternehmen in Deutschland oder gleich auf der ganzen Welt.

          Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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          Nun ist die Idee nicht ganz neu. Schon vor 16 Jahren probierte die damalige rot-grüne Bundesregierung, die Deutschen mittels Steuererleichterungen und staatlichen Zuschüssen in die private Altersvorsorge zu bringen. „Riester-Rente“ hieß das Projekt, und es hat nicht richtig gezündet. Heute hat höchstens jeder vierte Deutsche einen Riester-Vertrag. Das liege daran, dass viele arme Leute überhaupt nicht genug Geld hätten, um zu sparen, heißt es oft. Stimmt das?

          Die Deutschen sind nicht zu arm zum Sparen

           40 Prozent der Deutschen hätten überhaupt kein Vermögen. Tatsächlich aber sparen die Deutschen gar nicht so wenig. Eine Untersuchung der Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung hat gezeigt, dass nur Studenten, Arbeitslose und Rentner geringe Sparquoten haben. Alle anderen legen Geld zurück. Selbst arbeitende Alleinerziehende schaffen es, im Durchschnitt jeden achten Euro zurückzulegen – selbst sie sparen im Schnitt mehr als 300 Euro im Monat. Aktien-Fondssparpläne gibt es schon ab 25 Euro monatlich.

          Dass trotzdem 40 Prozent der Deutschen praktisch kein Vermögen haben, das erklärt Studienautor Karl Brenke mit einem simplen Alterseffekt: Dabei handle es sich zum großen Teil um junge Leute, die einfach noch nicht so viel Zeit zum Sparen hätten. In einigen Studien würde nicht mal berücksichtigt, dass den Bankschulden ein Eigenheim gegenübersteht. Dazu kommt das Rendite-Problem, das das Vermögen der Deutschen gering hält.

          Der Staat kostet die Deutschen zu viel Rendite

          An der Armut der Deutschen liegt es also nicht, dass die Riester-Rente so mau läuft. Dafür gibt es noch einige andere Gründe. Offenbar wollten die Deutschen mit ihrer Ersparnis flexibler bleiben, als das Korsett der Riester-Verträge das erlaubte – zumal diese spezielle Form der privaten Altersvorsorge nicht mit hohen Renditen glänzte. Schon jahrelang kritisierten Verbraucherschützer, dass die staatlichen Zuschüsse vor allem in die Provisionen der Finanzvertriebe flossen – die allerdings im Gegenzug wenigstens ein paar Millionen Deutschen die private Altersvorsorge nahebrachten.

          Was sie den Deutschen verkauften, das allerdings waren oft Versicherungen: „das, was die meiste Provision bringt“, wie der scheidende Grünen-Finanzexperte Gerhard Schick kritisiert. Die Versicherungen wiederum legten ihr Geld oft in Anleihen an, die kaum Zinsen bringen. So ist es oft, wenn der Staat die private Geldanlage fördert. „Die staatlich geförderten Sparformen setzen aufgrund einer übersteigerten Risikoaversion in erster Linie auf garantierte und damit niedrig rentierliche Anlageprodukte“, kritisiert der Chefökonom von Allianz Global Investors, Hans-Jörg Naumer.

          Die staatliche Angst vor dem Risiko brachte selbst die Riester-Sparer um ihre Rendite, die in Aktien investieren wollten. Der Staat schreibt nämlich vor, dass jeder Riester-Vertrag zu Rentenbeginn mindestens die eingezahlten Beiträge garantieren muss. Doch dann kam die Finanzkrise, die Aktienkurse sackten in die Knie. Um die Garantie noch erfüllen zu können, mussten viele Riester-Anbieter das Geld in festverzinsliche Anleihen umschichten. Damit konnten sie sicherstellen, dass die niedrigen Zinsen bis zum Renteneintritt wieder die eingezahlten Beiträge erwirtschaften. Der folgende Kursaufschwung aber ging an den Riester-Sparern überwiegend vorbei. Heute stehen die Kurse höher als damals, doch die Besitzer der Riester-Fonds haben davon nichts.

          Die Deutschen werden zur Aktie geschoben

          Deshalb findet die Idee, die Deutschen zur Aktie zu schieben, immer mehr Freunde – nicht nur an der Spitze der CDU. Selbst der grüne Bankenkritiker Schick hat kein Problem damit, wenn Unternehmensanteile künftig eine größere Rolle spielen. Nur die SPD beschwert sich noch über solche Pläne. „Statt Steuersubventionen für Aktiendeals von wenigen müssen wir die gesetzliche Rente stärken“, sagte ihr Parlamentarischer Geschäftsführer Carsten Schneider vergangene Woche.

          Zwei Modelle sind im Rennen. Eines funktioniert über die Steuern. „Unternehmensanteile sind in Deutschland zu Unrecht als Glückspiel verschrien. Der beste Schutz gegen den Ausverkauf deutscher Hochtechnologie ist es, wenn die Unternehmen auch überwiegend in deutschem Besitz sind“, sagt der stellvertretende FDP-Fraktionsvorsitzende Michael Theurer. Er spricht sich dafür aus, Mitarbeiteraktien steuerlich zu begünstigen und Kursgewinne steuerfrei zu lassen, wenn Anleger ihre Aktien eine gewisse Zeit behalten haben – ein Vorschlag ähnlich, wie ihn Friedrich Merz machte, der Freibeträge für Aktiensparer wollte.

          Ob eine steuerliche Förderung allerdings der beste Weg ist, das ist umstritten. Experten sind unisono der Ansicht, dass das nicht ins Steuersystem passt, wenn der Staat sich mittels Steuern in die Anlageentscheidung der Bürger einmischt. Deshalb stieß der Vorschlag von Friedrich Merz in der vergangenen Woche bei einigen Ökonomen auf Kritik. Andererseits betont Clemens Fuest, der Präsident des Ifo-Instituts, dass Aktien derzeit steuerlich benachteiligt werden. Denn: Auf Zinsen werden derzeit insgesamt weniger Steuern fällig. Der Anleger versteuert die Zinsen von Anleihen und die Dividenden von Aktien gleichmäßig. Banken und Unternehmen aber können die gezahlten Zinsen von der Steuer absetzen, während sie gezahlte Dividenden voll versteuern müssen.

          So funktioniert der Bürgerfonds

          Trotzdem spricht sich Fuest für ein anderes Modell aus. Auf dieses Modell können sich in den Grundzügen viele Experten und Politiker einigen, von Ökonomen wie Clemens Fuest und Jan-Pieter Krahnen über die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung bis hin zum Grünen-Abgeordneten Schick – und vor allem die neue CDU-Vorsitzende Annegret Kramp-Karrenbauer, die das Prinzip vergangene Woche in einem „Welt“-Interview gelobt hat. Kritik dagegen gibt es bisher kaum. Meist läuft das Modell unter dem Stichwort „Bürgerfonds“. Das Vorbild kommt aus Schweden. Dort fließt ein Teil der Rentenbeiträge in Kapitalmarkt-Fonds. Die Bürger können aus mehr als 800 Fonds mit reduzierten Gebühren auswählen. Wer sich nicht entscheidet, der bekommt einen Standardfonds. Der wird von einer staatlich organisierten Agentur verwaltet, die aber unabhängig und nicht einmal der Nachhaltigkeit verpflichtet ist. Eine Garantie für die eingezahlten Beiträge gibt es nicht, trotzdem schnitten die Anleger in Schweden selbst während der Finanzkrise besser ab als die deutschen Riester-Sparer. Im Mittel haben sie seit 1995 jährlich mehr als 6 Prozent Rendite gemacht.

          Wie dieses Modell auf Deutschland zu übertragen wäre, drüber gibt es im Detail Diskussionen. Ifo-Präsident Fuest schlägt sogar vor, für den Fonds gar kein Geld von den Versicherten zu verlangen. Stattdessen würde der Staat für jeden Bürger in einen Fonds einzahlen. In einer Überschlagsrechnung geht Fuest davon aus, dass jährlich 0,5 Prozent der Wirtschaftsleistung in den Fonds fließen. Das wären derzeit 17 Milliarden Euro, auch nicht viel mehr als die jüngsten Rentenpakete der großen Koalition. Zudem soll der Staat ein weiteres halbes Prozent der Wirtschaftsleistung an Schulden aufnehmen und das Geld in den Fonds stecken. Wenn die Deutschen in Rente gehen, wird ihr Anteil an den Schulden zurückgezahlt, ihren restlichen Anteil am Fondsvermögen dürfen sie behalten. So könnte ein heute 35-Jähriger im Jahr 2050 rund 41000 Euro ausgezahlt bekommen. Bisher ist das Modell nur eine Überschlagsrechnung. Fuest sagt, er suche noch nach Geld für eine ausführliche Studie.

          Mit diesem Vorschlag steht Fuest noch allein. Oft wird stattdessen gefordert, dass der Fonds mit Beiträgen der Rentenversicherung gefüllt wird, sei es aus dem bisherigen Beitragsaufkommen oder aus neuen Zusatzbeiträgen. Gleichzeitig wollen die meisten, dass die Versicherten auf den Beitrag in den Fonds verzichten können, wenn sie sich das ausdrücklich wünschen: einerseits, weil es oft finanziell besser ist, eine Hypothek abzuzahlen, als in einen Fonds zu investieren – andererseits, weil die Versicherten dann Ausstiegsmöglichkeiten haben, falls das System schlecht funktioniert. Der Bürgerfonds hat inzwischen so viel Unterstützung, dass bald die Diskussion darüber beginnen dürfte.

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