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Geldirrtümer : Keine Angst vor Aktien!

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Zweitens: Man muss beachten, dass die bisherige Darstellung insoweit unrealistisch war, als eine Aktienanlage für Altersvorsorgezwecke typischerweise in Raten erfolgt. Man erbringt jedes Jahr oder jeden Monat eine gewisse Sparleistung, die dann am Aktienmarkt angelegt wird. Damit ist es nicht mehr von so großer Bedeutung, ob zum Einstiegszeitpunkt die Bewertung an den Märkten überhöht ist. Vielmehr wird man manchmal zu günstigen, manchmal zu ungünstigen Kursen einsteigen.

Dasselbe gilt im Übrigen auch für den Ausstiegszeitpunkt, weil niemand sein angespartes Vermögen am Tag der Pensionierung vollständig benötigt. Vielmehr wird man auch in der Rentenphase immer wieder kleinere Anteile verkaufen. Insgesamt führt dies dazu, dass man über einen sehr langen Zeitraum, der 45 Jahre und mehr umfassen kann, immer wieder kleinere Sparbeiträge am Aktienmarkt anlegt oder veräußert. Extreme Ausschläge an den Börsen verlieren somit an Bedeutung. Dies ist ein wichtiger Aspekt, weil wir aus empirischen Untersuchungen wissen, dass solche extremen Ausschläge sehr viel häufiger vorkommen, als es bei einer unterstellten Normalverteilung der Aktienrenditen der Fall sein dürfte.

Drittens: Die Risiken einer Aktienanlage werden auch deshalb überschätzt, weil man über lange Zeiträume nicht davon ausgehen kann, dass die Aktienmärkte einem reinen Zufallsprozess (Random Walk) folgen, wie man eine Zeitlang vermutete. Vielmehr sprechen viele empirische – aber auch theoretische – Befunde dafür, dass es über die lange Frist ein sogenanntes „Mean-Reversion“-Verhalten gibt. Darunter versteht man die Tendenz zur Rückkehr zum Mittelwert. Dies ist eine der zentralen Botschaften des wissenschaftlichen Werkes von Robert Shiller, für welches er im Jahr 2013 mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet wurde. Längere Phasen, in denen die Aktienmärkte, gemessen an ihren Fundamentaldaten, überbewertet erscheinen, wechseln sich mit längeren Phasen einer Unterbewertung ab. Darauf deuten jedenfalls die von ihm vorgelegten Befunde, aber auch zahlreiche neuere Studien hin.

Risiken langfristig immer geringer

Dieses Verhalten führt aber dazu, dass Risiken, die man in den kurzfristigen Aktienkursbewegungen beobachten kann, nicht auf die lange Frist hochgerechnet werden dürfen. Wegen der oben beschriebenen Tendenz zum Ausgleich, die sich, technisch gesprochen, in einer negativen Autokorrelation bemerkbar macht, ist das Risiko über einen sehr langen, beispielsweise dreißigjährigen Zeitraum deutlich niedriger, als wenn man dreißig isolierte Jahre aufaddierte. Dies lässt sich auch in folgender Weise ausdrücken.

Es ist schon erwähnt worden, dass es in den Vereinigten Staaten seit 1928 keinen 25-jährigen Zeitraum gegeben hat, in denen Aktien schlechter abschnitten als langfristige Staatsanleihen. Würde man von einem Zufallsprozess und von den auf Jahresbasis beobachteten Renditeverteilungen ausgehen, käme man aber für ein solches Ereignis auf eine Wahrscheinlichkeit in der Größenordnung von 5 bis 10 Prozent. Dies ist ein erheblicher Unterschied, der genau in dieser Tendenz zum Mittelwert begründet ist. Das zeigt noch einmal: Kurzfristige Risiken dürfen nicht einfach hochgerechnet werden.

Viertens: Wir haben in der bisherigen Argumentation Strategien zur Risikoreduktion gar nicht berücksichtigt. Wer sich der Verlustrisiken gewärtig ist, wird niemals seine gesamten Ersparnisse am Aktienmarkt anlegen und zudem mit fortschreitendem Alter den Aktienanteil in seinem Portfolio reduzieren. Auch gibt es Möglichkeiten, den Umfang der Marktrisiken, die man bei einer Aktienanlage zwangsläufig in Kauf nehmen muss, über die Auswahl von Sektoren und Faktoren zu steuern.

Insgesamt zeigen diese Überlegungen, dass die Geldanlage auf Aktienmärkten natürlich mit erheblichen Risiken verbunden ist. Wer allerdings diese Anlage unter einer langfristigen Perspektive tätigt, sollte diese Risiken deutlich weniger hoch gewichten. Bedenkt man zudem, dass eine diversifizierte Anlage am Aktienmarkt die einzige Möglichkeit darstellt, sich am Produktivvermögen und damit an den Produktivitätszuwächsen sowie am weltweiten Wirtschaftswachstum in nennenswertem Umfang zu beteiligen, ist es mehr als bedauerlich, dass diese Anlageform in Deutschland nach wie vor ein Schattendasein führt.

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