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Lebensversicherung : Renditen von Lebensversicherungen schmelzen

Wer jetzt eine Lebensversicherung abschließt, könnte wegen des Niedrigzins am Kapitalmarkt zu den Verlieren zählen. Bild: dpa

Durch die niedrigen Zinsen müssen sich Kunden von Lebensversicherungen sich auf geringere Auszahlungen gefasst machen. Welche Alternative bietet sich an?

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          Wer eine Lebensversicherung abgeschlossen hat, muss sich auf weiter sinkende Renditen einstellen. Auf breiter Front haben die deutschen Lebensversicherer zum Jahreswechsel ihre Überschussbeteiligungen gesenkt. Für viele Kunden wird das erst im Verlauf des Jahres sichtbar, wenn sich ihr Vertragsverhältnis jährt. Insgesamt entsteht ein immer größeres Gefälle zwischen Altkunden, die ihre Police noch in Zeiten hoher Garantieverzinsungen abgeschlossen haben, und neueren Kunden mit geringen Garantien. Das zeigt die diesjährige Überschussstudie der Ratingagentur Assekurata, die am Donnerstag in Köln vorgestellt wurde. Für jüngere private Rentenversicherungen mit Garantiezinsen unterhalb von 2,25 Prozent fiel die durchschnittliche laufende Verzinsung im Vergleich zum Vorjahr um beachtliche 0,3 Prozentpunkte auf 2,86 Prozent.

          Philipp Krohn
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Das Pikante an der derzeitigen Kapitalmarktsituation ist, dass diese jüngeren Verträge auf Überschüsse verzichten, um so die höheren Garantien aus der Vergangenheit mitzufinanzieren. Denn wer einen Vertrag mit Garantien von drei bis vier Prozent abgeschlossen hat, bekommt genau diese Jahresverzinsung auf den Sparanteil seiner Police - also den Beitrag abzüglich der Kosten - gutgeschrieben. Um das auch in der Zukunft weiter leisten zu können, sind die Unternehmen von der Finanzaufsicht Bafin dazu verpflichtet worden, Geld in einer Zinszusatzreserve zu halten, statt es an Kunden auszuschütten. Wie hoch diese Reserve ausfällt, hängt von einem Referenzzins ab, der sich von einer langjährigen Durchschnittsrendite sicherer Anleihen ableitet. Im Jahr 2015 ist dieser auf 2,88 Prozent gefallen, weshalb erstmals auch Reserven für Policen mit einer Garantie von drei Prozent gebildet werden mussten. Das hat zu einem Volumen von 10 Milliarden Euro (nach acht Milliarden Euro im Vorjahr) geführt. Innerhalb von fünf Jahren ist so ein Gesamtumfang von 30 Milliarden Euro zusammengekommen, der nicht für Überschussbeteiligungen zur Verfügung steht.

          Die Aussichten bleiben kritisch

          Für die Kunden dürfte es noch dicker kommen: Der Niedrigzins am Kapitalmarkt frisst sich weiter in die Verträge hinein. Schreibt man die jüngsten Entwicklungen fort, dürfte der Referenzzins in diesem Jahr auf 2,58 Prozent sinken. In den vergangenen Jahren hat sich gezeigt, dass dies ziemlich genau auch der Wert ist, auf den die durchschnittliche laufende Verzinsung für die Kunden im Folgejahr fällt. Allenfalls durch die derzeit niedrige Inflation ergibt sich derzeit noch eine positive Realverzinsung für die Verträge.

          Interessanter als die Überschussdeklaration ist für die Kunden, wie viel Rendite auf ihren gezahlten Beitrag sie aus ihren Verträgen erhalten. Schreibt man die derzeitige Situation für die kommenden 25 Jahre fort, ergibt sich eine jährliche Beitragsrendite von 2,58 Prozent - 0,28 Prozentpunkte weniger als noch im vergangenen Jahr. „Die Aussichten für das konventionelle Geschäft bleiben weiterhin kritisch und wir rechnen weiter mit rückläufigen Überschussbeteiligungen“, sagte Assekurata-Geschäftsführer Reiner Will.

          Geschäftspolitisch bleibt die Niedrigzinsphase nicht ohne Folgen. Für die Unternehmen wird es immer teurer, die jährlich zu gewährenden Garantien bereitzustellen. Als günstiger erweisen sich Produktmodelle, in denen nur noch die Höhe der lebenslangen monatlichen Rente vorab garantiert wird. Diese Produkte verbreiten sich immer stärker und sind schwer zu vergleichen, weil sie sich hinsichtlich verschiedener Vertragsbestandteile unterscheiden: Einige garantieren die Rechnungsgrundlagen für die Rentenphase schon heute, andere nicht. Einige treffen schon heute Annahmen an die Lebenserwartung, andere erst zum Beginn der Rentenphase. Sieht man von diesen wichtigen Unterschieden ab, zeigt sich, dass die Verträge von den Versicherern durchschnittlich etwas höher dotiert werden als die klassischen Lebensversicherungen. Da sie aber weiterhin auf Sparen im Kollektiv mit Hilfe eines Sicherungsvermögens setzen, hat Assekurata dafür den Namen „Neue Klassik“ gewählt.

          „Neue Klassik“

          Die laufende Verzinsung dieser Verträge liegt mit durchschnittlich 2,84 Prozent etwas höher als die klassischen Policen der in diesem Feld aktiven Anbieter (2,77 Prozent). Dies sind vor allem Versicherer, die im traditionellen Markt schwächere Werte erzielen als der Branchendurchschnitt. „Insbesondere die Anbieter, die in der Klassik eine unterdurchschnittliche Verzinsung geben, wenden sich den neuen Produkten zu“, sagte Lars Heermann, Bereichsleiter Analyse der Ratingagentur. Besonders stark zeigt sich der Unterschied in der laufenden Verzinsung, wenn man weitere Überschusskomponenten wie Schlussüberschüsse einbezieht, die erst am Ende der Laufzeit fällig werden. Dann kommen Verträge der „Neuen Klassik“ auf 3,71 Prozent statt auf 3,56 Prozent wie die Klassik.

          Inhaber und Gründer der Ratingagentur Assekurata Reiner Will: „Wir sind mitten in einem Paradigmenwechsel der Produktausrichtung.“
          Inhaber und Gründer der Ratingagentur Assekurata Reiner Will: „Wir sind mitten in einem Paradigmenwechsel der Produktausrichtung.“ : Bild: Edgar Schoepal

          Doch die Produktwelt wird noch unübersichtlicher. Weil sie ihren Kunden eine höhere Rendite in Aussicht stellen wollen, setzen Versicherer zunehmend auf Indexpolicen. Bei ihnen fließen Überschüsse nicht wie in herkömmlichen Verträgen in das Sicherungsvermögen, sondern in Indexfonds. Einige Versicherer deckeln dabei die monatlichen Renditen, während dem Kunden Verluste voll zugerechnet werden. Auf Jahressicht allerdings kann sich im ungünstigsten Fall eine Rendite von null Prozent ergeben. Anders als bei Investmentfonds lebt hier die Garantietradition der Lebensversicherung fort, die Produkte werden schwieriger durchschaubar. „Wir sind mitten in einem Paradigmenwechsel der Produktausrichtung“, sagte Will. Zwar würden sie immer schwerer miteinander vergleichbar, in einem stimmten die Konzepte aber weiterhin überein: „Sie sind meist um das klassische Sicherungsvermögen herum gebaut.“ Mit anderen Worten: Für Kunden lohnt sich auch bei solchen Mischprodukten ein Blick auf die Überschussbeteiligungen. Und die fallen mit durchschnittlich drei Prozent etwas höher als bei klassischen Lebensversicherungen aus. Allerdings werden sie eben nicht als Guthaben festgeschrieben, sondern in eine Beteiligung an Aktienindizes übersetzt.

          Große Hoffnungen in der betrieblichen Altersversorgung

          Interessant zu beobachten ist, dass sich die zunehmende Komplexität auch in den Kosten widerspiegelt. Die Verwaltung einer Indexpolice ist aufwendiger als ein klassischer Vertrag. Auch dass Kunden mehr Freiheiten haben, Beiträge ruhen zu lassen oder Geld zu entnehmen, drückt die Rendite. Durchschnittlich mindert sich die Rendite bei der Klassik durch einkalkulierte Kosten um 0,82 Prozentpunkte, bei der „Neuen Klassik“ um 1,06 Punkte und bei Indexpolicen um 1,15 Punkte. Die Assekurata-Fachleute betonen, dass der Zahlenwert keine Bedeutung hat, weil jeder Versicherer die Renditeminderung bislang noch nach eigenen Kriterien berechnen darf - solange es keinen einheitlichen Standard gibt. In der Tendenz zeigt sich aber, dass die Freude über eine höhere Überschussbeteiligung am Ende des Vertrags stark getrübt sein könnte: Weil die Kosten Teile der Überrendite wieder aufgefressen haben.

          Die Erwartungen der Lebensversicherer sind recht positiv, auch wenn die Lage derzeit nicht danach aussieht.
          Die Erwartungen der Lebensversicherer sind recht positiv, auch wenn die Lage derzeit nicht danach aussieht. : Bild: dpa

          Auch wenn die Lage der Lebensversicherer nicht gerade rosig aussieht, sind ihre Erwartungen recht positiv. Für alle Produktgruppen von der Altersvorsorge über die Berufsunfähigkeits- bis zur Pflegeversicherung schätzen die befragten Unternehmen ihre Aussichten besser als die aktuelle Lage ein. Besonders groß sind die Hoffnungen in der betrieblichen Altersversorgung - wenn ihnen nicht die Pläne der Politik in die Quere kommen.

          Bild: F.A.Z.

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