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Sinkende Preise : Zeit für Antiquitäten

Ein Spielautomat in Form eines Biedermeier-Sekretärs (um 1810), präsentiert auf der Kunst- und Antiquitätenmesse Tefaf in Maastricht Bild: Laif/Toma Babovic

Biedermeiersekretäre, Meissener-Porzellan und Barockschränke sind derzeit so günstig wie nie. Denn die Erbengeneration richtet sich anders ein. Für Liebhaber von Antiquitäten tun sich Gelegenheiten auf.

          Viele können es im ersten Augenblick einfach nicht fassen. Sie kramen dann alte Quittungen hervor und halten sie Frithjof Hampel aufgeregt vor die Nase. Da muss doch ein Fehler passiert sein! Manche werden sogar richtig laut, verlieren die Contenance - schließlich geht es oft um eine ganze Menge Geld. Hampel bleibt stets ruhig, er weiß: Überbringer schlechter Nachrichten werden selten geliebt. Und zuletzt musste der Berliner Kunstsachverständige leider eine ganze Menge davon verkünden.

          Dennis Kremer

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Denn Hampel zählt zu den besten Kennern eines Marktes, der nach der Vorstellung vieler Menschen vor allem eines ist - sehr teuer. Feinste Barockmöbel, ein Biedermeiersekretär aus dem 19. Jahrhundert oder edles Porzellan aus Meißen: Antiquitäten schmückten nicht nur jahrzehntelang die Wohnzimmer der Deutschen, sondern galten immer auch als exklusive Stücke, die sich längst nicht jeder leisten kann.

          Paradiesische Bedingungen für Käufer

          Doch die schlechte Nachricht, die Hampel vielen seiner Kunden derzeit mitteilen muss, lautet: Mögen ihre Antiquitäten vor Jahren auch einmal richtig viel Geld gekostet haben - wollen sie die guten Stücke von damals heute verkaufen, werden sie häufig nur noch einen Bruchteil des einstigen Preises dafür erzielen. „Der Rückgang der Preise ist in vielen Fällen dramatisch“, sagt Hampel, der als Sachverständiger seit dem Jahr 1989 den Wert von Antiquitäten schätzt. Noch nie aber musste er seine Kunden so enttäuschen wie derzeit: Die Bergische Aufsatzvitrine, einst erworben für 30.000 D-Mark? Bringt heute gerade noch 3000 Euro ein. Der Biedermeierstuhl, gekauft für rund 800 D-Mark? Erzielt nur noch einen Preis von 150 Euro. Darum der Unglaube, darum der Zorn, der dem Sachverständigen manchmal entgegenschlägt.

          Deutsche Barockkommode, 18 Jhr. Preis Anfang der 90er: ca. 15.000 DM, heute: 2200 Euro (ohne Aufgeld) Bilderstrecke

          Bitter sind solche Zahlen allerdings nur für diejenigen, die unbedingt ihre Antiquitäten verkaufen wollen und dabei auf ein gutes Geschäft gehofft hatten. Für Käufer dagegen sind die Bedingungen geradezu paradiesisch. Zwar fehlt es für die Branche an exakten Zahlen, aber nach Schätzungen liegen die Preise vieler Antiquitäten heute im Schnitt um bis zu 40 Prozent unter den Preisen um die Jahrtausendwende. Anders gesagt: Für Neueinsteiger waren die Zeiten nie besser.

          Durchschnittsware überschwemmt den Markt

          Was aber ist da los? Wie kann es sein, dass vormals kostbare Keramik und Antikmöbel binnen weniger Jahre zur Ramschware verkommen? Zumal auf Antiquitätenmessen wie dem weltgrößten Branchentreffen Tefaf, das heute in Maastricht zu Ende geht, manche Stücke immer noch locker für mehrere hunderttausend Euro den Besitzer wechseln.

          Die Antwort ist: Für brillante Einzelfertigungen wie beispielsweise die Schränke und Kommoden des Kunsttischlers David Roentgen aus dem 18. Jahrhundert zahlen Sammler immer noch hohe Summen von 200 000 Euro und mehr. Aber für alle diejenigen Tische, Kommoden und Keramik, die Händler oft abfällig als Durchschnittsware bezeichnen, gilt ein einfaches Gesetz der Ökonomie: „Wird das Angebot massiv ausgeweitet und sinkt gleichzeitig die Nachfrage, muss der Preis zwangsläufig fallen“, sagt Kunstinvestor Stefan Horsthemke von Berenberg Art Advice. Ebenjene Stücke kommen derzeit zu Tausenden auf den Markt, die für die Händler zwar nur Durchschnitt darstellen, die aber in vielen Familien jahrelang einen besonderen Platz im Wohn- oder Esszimmer einnahmen. Und für die man deswegen einen besonderen Preis zu erzielen erhofft. „Derzeit können wir uns vor Angeboten aus diesem Segment kaum retten“, stöhnt Markus Eisenbeis, Chef des Kölner Auktionshaus Van Ham.

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