https://www.faz.net/-gv6-8fai1

Crowdlending : Woher weiß der Schwarm, wer kreditwürdig ist?

Würden Sie diesem Motorradfahrer einen Kredit geben? Bild: Getty

Im Internet geben sich wildfremde Menschen Kredite. Über die Höhe des Zinssatzes entscheidet auch, welchen Browser der Kunde nutzt.

          4 Min.

          Superburschi ist kein aussichtsloser Fall. Wer solche Spitznamen in seiner E-Mail-Adresse verwendet, hat zumindest auf dem Internet-Kreditmarktplatz Auxmoney keine schlechteren Chancen auf das ersehnte Geld als jemand, der unter einer Hans.Meyer-Adresse ganz seriös unterwegs ist. Zwar verwenden die Betreiber der Plattform, über die sich wildfremde Menschen Kredite geben, Hunderte Daten, um abzuschätzen, wie kreditwürdig die einzelnen Teilnehmer sind. Die Hypothese, dass Nutzer mit möglichst vielen Namensbestandteilen in ihrer Mailadresse verlässlicher sind als die mit den Spitznamen habe sich aber nach umfangreichen Tests nicht bestätigt, sagt Raffael Johnen, der Vorstandsvorsitzende von Auxmoney.

          Tim Kanning
          (kann.), Wirtschaft

          Das Düsseldorfer Unternehmen ist vor Anbietern wie Lendico und Smava der deutsche Marktführer im Crowdlending. Sie alle bringen Privatleute, die einen Kredit brauchen, mit Leuten zusammen, die gerne Geld anlegen wollen, und verzeichnen damit hübsche Wachstumsraten. Über Auxmoney wurden im vergangenen Jahr 100 Millionen Euro verliehen. Das ist zwar nicht viel mehr als bei einer kleinen Sparkasse; aber immerhin dreimal so viel wie im Jahr zuvor. Den Anlegern verspricht der Betreiber durchschnittliche Renditen von mehr als 5 Prozent. Die vergeben dafür Kredite auch an Kunden, die von Banken kategorisch ausgeschlossen werden. Wie kann das gehen, ohne dass ständig Kredite ausfallen und so die Rendite der Anleger gedrückt wird? Dieser Zeitung haben die Macher von Auxmoney einen tieferen Einblick gegeben in ihre Methode, wie sie die Bonität ihrer Kunden abschätzen. Es zeigt sich: Wer einen Kredit von der Crowd, also dem Schwarm der Anleger, haben möchte, wird genau durchleuchtet.

          Das geht los bei der Anmeldung. Zwar brüstet sich Auxmoney damit, auch solchen Kunden Kredite zu geben, die bei herkömmlichen Banken oft schlechte Karten haben wie Studenten, Arbeitnehmer in der Probezeit oder Selbständige. Doch einige Gruppen fallen auch bei ihnen durch, ohne dass Johnen genau sagen will, welche. Auch der zweite Schritt ist eher konventionell: Die Abfrage bei einer Auskunftei wie der Schufa soll klären, ob beim Antragsteller schon einmal ein Kredit ausgefallen ist. Wenn ja, wird er gleich abgelehnt.

          „Auxmoney-Scoring“

          Erst danach kommt die eigentliche Bonitätsprüfung, das „Auxmoney-Scoring“, wie Johnen es stolz nennt. Aus einer Ansammlung von mehreren hundert Datenpunkten versuchen sie, die Bonität des Kunden einzuteilen in eine von sieben Score-Klassen von AA über A und B bis X. Während mancher Internetanbieter auch das Facebook-Verhalten seiner Kunden zur Hilfe nimmt, sollen bei Auxmoney nur solche Daten verwendet werden, die aus der direkten Interaktion des Kunden mit dem Unternehmen abzulesen sind.

          Zum Beispiel muss der Interessierte bei der Anmeldung seine regelmäßigen Einnahmen und Ausgaben angeben, die später anhand von Kontoauszügen überprüft werden. Das Verhältnis davon ist ein Indiz für seine Kreditwürdigkeit. Auch wie viele Kreditkarten ein Kunde hat, von welchen Banken sie ausgestellt wurden und wie lange er schon bei seiner Hausbank ist, will der Marktplatzbetreiber wissen. Aus dem Namen und seiner Adresse werden laut Johnen aber keine Rückschlüsse gezogen. Dafür überprüft Auxmoney, mit welchem Browser der Nutzer im Internet unterwegs ist. „Auch Kleinigkeiten, etwa ob ein Kunde sofort auf eine Bestätigungsmail antwortet oder sie drei Tage liegenlässt, können Aufschluss darüber geben, ob ein Kunde über die Jahre seinen Kredit zurückzahlt“, sagt Johnen.

          Kriterien zur Bonitätsnote

          Zum 1. April will Auxmoney sein Scoring-Modell auch seinen Kunden offenlegen. „Wir wollen transparenter sein, denn nur so können wir die Bankenwelt revolutionieren“, sagt Johnen großspurig, wie es sich für einen Fintech gehört. Ganz so genau lässt er sich im Gespräch mit dieser Zeitung allerdings nicht in die Karten blicken. Vor allem auf die Frage, welches Kriterium sich wie auf die Bonitätsnote auswirkt, blockt Johnen ab – die Interessenten sollen ja nichts schönbiegen können. So bleibt offen, ob der zehn Jahre alte Explorer oder die aktuelle Version von Google Chrome besser ist. Auch die Frage, ob viele Kreditkarten ein gutes oder ein schlechtes Zeichen sind, beantwortet Johnen nur vage. Und zum Beantworten der E-Mails sagt er: „Schnelles Antworten kann beides sein: finanzieller Zeitdruck oder eine zuverlässige, unmittelbare Bearbeitung.“ Erst in Kombination mit anderen Datenpunkten werde daraus ein trennscharfes Merkmal.

          Über die Onlineplattform Auxmoney können wildfremde Menschen Kredite vergeben.
          Über die Onlineplattform Auxmoney können wildfremde Menschen Kredite vergeben. : Bild: Wolfgang Eilmes

          Wie sie am besten kombiniert werden, weiß Auxmoney nach eigener Ansicht naturgemäß besser als die Konkurrenz. „Die Banken vergeben ihre Kredite von vornherein nur in extrem risikoarme Klassen“, findet Johnen. „Wir geben seit neun Jahren Kredite auch an Kundengruppen, die Banken von vornherein grundsätzlich ausschließen.“ Bestätigt sieht er sich von der vergleichsweise geringen Ausfallquote und den stabilen Renditen für die Anleger aus den vergangenen Jahren. „Obwohl wir auch Menschen einen Kredit geben, die von Banken kategorisch abgelehnt werden, liegt unsere Ausfallrate durchschnittlich nur bei 3 Prozent.“ Als Bestätigung sieht Johnen auch, dass etwa der große niederländische Versicherer Aegon, der auch an dem Unternehmen beteiligt ist, 150 Millionen Euro für Kredite auf dem Marktplatz angelegt hat.

          Eingetrübte Konjunktur

          Schon nach dem Scoring wird dem Kunden ein konkreter Zinssatz für seinen Kredit vorgeschlagen. Im Schnitt liegt der Nominalzins für die ein bis fünf Jahre laufenden Kredite laut Auxmoney bei 9,65 Prozent. Mit dem Geld werden Möbel gekauft, das Auto oder der Urlaub finanziert. „Wir bewerten die Vorhaben unserer Kunden nicht. Wenn jemand einen Kredit für ein großes Motorrad haben will, sagen wir nicht: Kauf dir lieber einen Roller“, sagt Johnen.

          Nun waren allerdings die vergangenen Jahre für die meisten Menschen in Deutschland wirtschaftlich ausgesprochen gut, die Arbeitslosenquote ist niedrig. Was passiert, wenn sich die Konjunktur einmal eintrübt? Johnen lässt sich von dieser Aussicht nicht erschrecken. „Wir lassen kontinuierlich Stresstests über unser Portfolio laufen, um zu prüfen, was beispielsweise bei einem Anstieg der Arbeitslosigkeit passieren würde“, sagt er. Zur Not gebe es in Deutschland ja gute Sozialsysteme. Sie hielten die Kreditausfälle bei einem Abschwung erfahrungsgemäß niedriger als etwa in Amerika oder Großbritannien.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Der deutsche Export boomt.

          Deutsche Industrie : Auf dem Weg in den Post-Corona-Boom

          Deutsche Autos und Maschinen sind wieder gefragt. Die Produktionserwartungen sind so gut wie seit 30 Jahren nicht. Doch Lieferengpässe bleiben ein Problem – vielleicht sogar länger als gedacht.

          Schwerpunktviertel Chorweiler : Wenn der Impfbus kommt

          Metin Yilmaz und seine Nachbarn im Hochhausviertel Chorweiler sind stärker gefährdet, sich mit Corona anzustecken. Die Stadt Köln hat deshalb die Impfreihenfolge aufgehoben. Ein Besuch bei der einmaligen Impfaktion.
          Eine Corona-Impfung mit dem Impfstoff von Biontech wird im Impfzentrum der Bundeswehr am Flughafen BER verabreicht, 1. Mai 2021.

          Einspruch exklusiv : Wege zur Herdenimmunität

          Um Herdenimmunität zu erreichen, werden sich mehr Menschen impfen müssen, als dazu bisher bereit sind. Die Politik sollte jetzt anfangen, über Lösungen nachzudenken, um weitere Schnellschüsse zu vermeiden. Ein Gastbeitrag.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.