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Schuldenfalle : Die Zahlungsmoral vieler Senioren sinkt

Wenig Rente: Ältere Menschen tappen immer öfter in die Schuldenfalle. Bild: dpa

Eine große Last plagt überschuldete Deutsche über 65 Jahre. Sinkende Renten schwächen die Rechnungstreue künftig weiter, befürchtet die Inkassowirtschaft.

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          Menschen bekommen gerne Post, und sie bekommen gerne Besuch. Die Freude hört allerdings schlagartig auf, wenn etwas Unangenehmes ins Haus flattert. Beispielsweise eine Zahlungsaufforderung, die im Briefkasten liegt, oder gar ein Inkassomitarbeiter, der vor der Tür steht und ein ernstes Gespräch führen will. Den meisten Verbrauchern ist es peinlich, auf ihre Schulden angesprochen zu werden, vor allem ältere Menschen schweigen aus Scham.

          Thomas Klemm

          Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          „Verdrängung macht aber alles noch schlimmer“, sagt Piotr Krupa, Unternehmensgründer und geschäftsführender Vorstand des börsennotierten polnischen Inkassounternehmens Kruk, das nun auch in Deutschland Fuß fassen will. Dabei sind es die Senioren, die ihre tiefroten Zahlen oft verdrängen: Ihre Zahlungsmoral lässt zunehmend nach, und unter den Überschuldeten drückt sie die mit Abstand größte Last.

          „Dies ist umso bemerkenswerter, da gerade in weiten Teilen der älteren Bevölkerung Verschuldung und risikobehaftetes Konsumverhalten auf Grund meist eher konservativ-bewahrender Wertvorstellungen verpönt ist“, heißt es im Schuldner-Atlas 2014 der Creditreform.

          Altersarmut lässt Schulden wachsen

          Laut der Wirtschaftsauskunftei ist die Zahl überschuldeter Deutscher im vorigen Jahr um 90.000 auf 6,7 Millionen Menschen gewachsen. Im Schnitt beträgt die Höhe der Schulden 32.600 Euro pro Kopf. Bei den 65- bis 70-Jährigen liegt das Volumen deutlich höher, bei 53.600 Euro, ebenso bei den über 70-Jährigen mit 44.000 Euro. Besonders auffällig ist der Anstieg der absoluten Zahl bei den über 70-Jährigen, die ihre Schulden nicht mehr aus eigener Kraft bedienen können: Mit 134.000 Fällen scheint sie zwar relativ gering, wuchs im Vergleich zum vorangegangenen Jahr aber um mehr als 20 Prozent und damit wesentlich stärker als in jeder anderen Altersgruppe. Überschuldung im Alter sei, warnt das Institut für Finanzdienstleistungen in seinem Überschuldungsreport 2014, „keine Quantité négligeable“.

          Dass die Rechnungstreue älterer Mitbürger sinkt, hat der Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen (BDIU) festgestellt. Zweimal im Jahr befragt der Verband seine 560 Mitglieder nach der Zahlungsmoral der Verbraucher. Dabei scheint die Tendenz anzuhalten, dass über 65-Jährige ihre Rechnungen schlechter begleichen als der durchschnittliche Verbraucher. 51 Prozent der befragten Inkassounternehmen konstatieren, dass diese Altersgruppe ein schlechteres Zahlungsverhalten an den Tag legt als noch vor fünf Jahren.

          72 Prozent der naturgemäß eher skeptischen BDIU-Mitglieder gehen sogar davon aus, dass sich der Trend in den nächsten fünf Jahren verstärken wird. Das sinkende Rentenniveau und eine drohende Altersarmut könnten dazu führen, dass die Zahlungsmoral Älterer immer schlechter wird – und schlimmstenfalls bis zur Überschuldung führt.

          Bevölkerung hat kaum noch Rücklagen

          „Diese Entwicklung treibt uns Sorgenfalten auf die Stirn“, heißt es aus dem BDIU. „Für einige werden die Renten wohl künftig nicht mehr ausreichen, so dass sie ihren gewohnten Lebensstandard nicht mehr halten können, und es ist zu befürchten, dass sich das auch auf das Zahlungsverhalten der über 65-Jährigen negativ auswirken wird“, erklärte BDIU-Präsident Wolfgang Spitz.

          Die gute Konjunktur hierzulande, die positiven Arbeitsmarktzahlen und verbesserte Wachstumsprognosen tragen dazu bei, dass sich viele Verbraucher Anschaffungen leisten. Doch die Rahmendaten wirken sich nicht positiv auf die Zahlungsmoral aus. „Wenn sich die Verbraucher in relativer Sicherheit wähnen, konsumieren sie stärker und vergessen dabei, dass sie Verbindlichkeiten zu bedienen haben“, sagt eine BDIU-Sprecherin: „Dazu kommt, dass Geld billig zu haben ist.“

          Tatsächlich ist die Konsumfreude der Deutschen derzeit so hoch wie seit 2001 nicht mehr. Während viele Menschen kaum noch Spielräume für Rücklagen und notwendige Anschaffungen hätten, sagte Marion Kremer, Geschäftsführerin und Gesellschafterin von forte Inkasso in einem Branchengespräch, sei der gesellschaftliche Druck zu konsumieren „stärker geworden“. „Unkontrolliertes Konsumverhalten“, so erklären Forderungsmanager, sei bei zwei Dritteln der Schuldner dafür verantwortlich, dass Rechnungen verspätet oder gar nicht mehr beglichen würden.

          Banken statt Versandhandel

          Anders als bei jüngeren Menschen, deren fehlende Rechnungstreue meist Dienstleister wie Telekommunikationsunternehmen, der Online- und Versandhandel oder Energieversorger zu spüren bekommen, entfällt bei den Senioren im Schnitt knapp die Hälfte der Schulden auf Banken. Was daran liegen könnte, dass Ältere häufiger dazu neigen, ihre persönlichen Finanzkrisen mit Hilfe von Krediten zu bewältigen. Zum anderen deutet es laut dem Institut für Finanzdienstleistungen darauf hin, dass Banken bei älteren Bürgern womöglich weniger vorsichtig bei der Kreditvergabe seien als bei jüngeren.

          Die zweitmeisten Schulden – knapp 11.200 Euro – haben die heute über 65-Jährigen bei Anwälten oder Inkassounternehmen, die nicht nur ausstehende Forderungen von Unternehmen übernommen, sondern ganze Schuldenportfolios von Gläubigern erworben haben. 5 Milliarden Euro pro Jahr bringen deutsche Inkassounternehmen zurück in den Wirtschaftskreislauf.

          Inkassobüro – weder sexy noch attraktiv

          Aber wie können sie, deren Ruf nicht der allerbeste ist, zu einer besseren Zahlungsmoral der Schuldner beitragen? Er wisse, dass sein Job weder „sexy noch attraktiv“ ist, sagt Kruk-Chef Krupa: „Wir müssen die Kunden auf freundliche Weise erreichen, Vertrauen bilden und Selbstvertrauen geben.“

          Für die meisten der hierzulande 750 zugelassenen Inkassounternehmen gehören Vereinbarungen über langjährige Ratenzahlungen und damit einhergehende „berührende Gespräche“ zum Alltag. „Ein Inkassounternehmen wäre verloren, wenn es nicht auch die Perspektive der Schuldner einnehmen würde“, sagt eine BDIU-Sprecherin.

          Nicht nur auf die Lebenssituation müsse stets Rücksicht genommen werden, sondern auch auf die Empfindlichkeit und Scham vor allem älterer Menschen. Um den Schuldnern ein gutes Gefühl zu geben, schickten die Kruk-Forderungsmanager ihnen sogar Weihnachtspostkarten. Ob sich die Empfänger über das Schreiben wirklich freuen, ist eine andere Frage.

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