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Rückgang des Neugeschäfts : Der Druck auf die Riester-Renten wächst

Immer unbeliebter: die Riester-Rente Bild: dpa

Immer weniger Kunden schließen Riester-Renten-Versicherungen ab. Das Produkt muss beweisen, dass es besser als sein Ruf ist.

          3 Min.

          Nur noch 610.000 Kunden haben im vergangenen Jahr eine Riester-Renten-Versicherung abgeschlossen. Für Markus Faulhaber ist die Sache klar: Den Rückgang des Neugeschäfts um mehr als ein Drittel führt der Vorstandsvorsitzende der Allianz Leben auf negative Presseberichte zurück. Dass Kunden angesichts der Niedrigzinsphase zurückhaltender geworden sind oder die Riester-Rente mit rund 16 Millionen Verträgen (davon 11 Millionen als Versicherungen) an eine natürliche Grenze gestoßen sei, glaubt der Manager nicht, der zusätzlich im Branchenverband GDV dem Ausschuss Lebensversicherung vorsteht.

          Philipp Krohn

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Klar ist indes, dass die Riester-Produkte unter der Lage am Kapitalmarkt leiden. Durchschnittlich schrieben Versicherer ihren Riester-Kunden im vergangenen Jahr nur noch 3,56 Prozent auf den Sparanteil der Policen gut, wie eine Untersuchung der Ratingagentur Assekurata zeigt. Über das vergangene Jahrzehnt haben die Versicherer dennoch bessere Renditen erzielt als die Alternative, die Anbieter von Riester-Fonds, hat das Institut für Transparenz in der Altersvorsorge (ITA) errechnet. „Versicherer investieren den Großteil der Beiträge und Zulagen in festverzinsliche Anlagen und sind somit von Aktiencrashs weniger betroffen gewesen“, heißt es in der Analyse. Für die Zukunft lässt sich diese Aussage aber nicht fortschreiben. Je länger die Niedrigzinsphase anhält, desto mehr geraten die Anbieter unter Druck. Das gilt genauso für Banksparpläne. Fondssparpläne und fondsgebundene Riester-Versicherungen dagegen profitierten zuletzt von der positiven Börsenentwicklung.

          Direktversicherer kommen im Test gut weg

          Knapp 70 Prozent der Riester-Verträge sind Versicherungen. In mehreren Schritten hat die Bundesregierung seit Einführung der Produkte 2002 die Garantieverzinsung auf nunmehr 1,75 Prozent gesenkt. Die garantierten monatlichen Renten sind heute für neue Verträge somit nur noch halb so hoch wie vor einem Jahrzehnt. Durch Überschussbeteiligungen kann das teilweise ausgeglichen werden. Noch profitieren die Lebensversicherer von hohen Zinsversprechen ihrer zum Teil sehr lange laufenden Papiere. Zudem gewichten sie ihre Anlagen um und nehmen etwas höhere Risiken in Kauf.

          Die negativen Berichte, über die Faulhaber und viele andere in der Branche klagen, haben mit der hohen Kostenbelastung zu tun. 16,5 Prozent von den Beiträgen und 7,5 Prozent von den Zulagen behält der teuerste Versicherer für Abschluss- und Verwaltungskosten ein, hat Finanztest ermittelt. Ein solcher Vertrag kommt nur schwer auf eine attraktive Beitragsrendite - insbesondere, wenn die Zinsen weiter so niedrig sind wie derzeit. Dass die Kosten höher als bei privaten Rentenversicherungen sind, liegt an dem hohen Aufwand für die Zulagenanträge, die sich je nach Familienstand und Einkommenshöhe ändern können. Doch sowohl beim Kapitalanlageerfolg als auch bei den Kosten sind die Unterschiede zwischen den Anbietern erheblich.

          Nach der ITA-Analyse behält der günstigste Anbieter nur 1,6 Prozent von Beiträgen und Zulagen für seine Kosten ein - umso mehr geht in die Altersvorsorge. Vor allem Direktversicherer wie Huk 24, Cosmos Direkt und Hanse Merkur 24, die ohne Außendienst kaum Abschlussprovisionen zahlen, kommen deshalb bei ihren garantierten Rentenleistungen in der Finanztest-Untersuchung gut weg. In der Kapitalanlage sind Debeka, DEVK, Alte Leipziger und Stuttgarter am erfolgreichsten. Ihre Produkte werfen für die Kunden auch jetzt noch attraktive Erträge ab - auch wenn sie nicht mehr so hoch sind, wie manch ein Sparer vielleicht noch bei Vertragsabschluss kalkuliert hat.

          „Eine Wette gegen den eigenen Todeszeitpunkt“

          Die viel beachtete Kritik des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) an der Riester-Rente zielt auf die Effizienz der staatlichen Zulagen ab. Seit 2002 hat der Bund die Produkte mit 15,4 Milliarden Euro gefördert. Angesichts dieses Aufwands halten die Forscher den Erfolg für bescheiden. Anleger allerdings müssen eine andere Rechnung aufmachen: Wie hoch fällt ihre monatliche Rente im Vergleich zu alternativen Produkten inklusive der Zulagen - aber abzüglich der Steuern - aus? Das Institut für Vorsorge und Finanzplanung (IVFP) hat eine solche Rechnung aufgestellt und dabei angenommen, dass der Steuersatz in der Rentenphase 70 Prozent des Satzes in der Erwerbsphase beträgt. Nach Steuern warfen die Riester-Policen für einen Mann im schlechtesten Fall eine Rendite von 3,2 Prozent ab, im besten Fall von 6,6 Prozent. Frauen kamen wegen ihrer höheren Lebenserwartung sogar auf 3,8 und 6,8 Prozent. Ungeförderte Policen dagegen lagen nur zwischen 2,6 und 4,3 Prozent.

          Ein weiterer Strang der Kritik bezieht sich darauf, wie die Anbieter die Lebenserwartung kalkulieren. Das hat Einfluss darauf, ab welchem Alter die Rentenzahlungen die Beiträge übersteigen. Um in jedem Fall die Rentenversprechen einzuhalten, rechnen sie mit höheren Werten als die Generationentafeln des Statistischen Bundesamts. Das begründet der GDV damit, dass wissenschaftliche Trends der Lebenserwartung einfließen und die Tatsache, dass eher Kunden eine Police mit lebenslanger Auszahlung abschließen, die mit einem langen Leben rechnen. Alle Rentenversicherungen bedeuten „immer eine Wette gegen den eigenen Todeszeitpunkt“, schreibt der frühere Wirtschaftsweise Bert Rürup in einem Fachaufsatz. Nach der Berechnung des IVFP kann ein Riester-Sparer durchschnittlich im Alter von 76 Jahren damit rechnen, dass die Rentenzahlungen die Beiträge übersteigen. Und wenn der Sparer wegen einer höheren Kinderzahl mehr Zulagen erhält, ist der Zeitpunkt noch früher erreicht.

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