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Riester-Rente : Der Rebell

  • -Aktualisiert am

Bild: Bode, Henning

Der Mathematiker Axel Kleinlein kämpft seit Jahren gegen die Versicherungsbranche. Seine provozierende These: Riestern lohnt sich nicht.

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          Nur hier oben auf Sylt ist es gerade noch stürmischer als vor den Toren Hamburgs, in Henstedt-Ulzburg, wo Axel Kleinlein gerade herkommt. Er macht für ein paar Tage Urlaub und beobachtet gespannt aus der Ferne, was er zu Hause angerichtet hat. Kurz vor Hamburg hat der Bund der Versicherten (BdV) seinen Sitz und dessen Telefone läuten seit ein paar Tagen Sturm.

          Kleinlein hat mal wieder für Wirbel in der Branche gesorgt. Er ist erst seit ein paar Wochen Vorstandsvorsitzender des BdV, arbeitet aber schon seit Jahren als Mathematiker für den Verein und legt immer wieder Studien vor, in denen er die hohen Kosten und mauen Renditen von Versicherungen offenlegt. In seinen neuesten Berechnungen zur Riester-Rente sagt er: Riestern lohnt sich nicht mehr.

          Erst ab 100 lohnenswert

          In den vergangenen Jahren habe sich die Rendite der Sparer schleichend verschlechtert. Mittlerweile seien die Verträge so kalkuliert, dass ein Versicherter weit über 90 Jahre alt werden müsse, um aus einem Vertrag mehr herauszubekommen, als er über Jahrzehnte einzahlen wird. Will er die Inflation ausgleichen, muss er sogar älter als 100 werden.

          Das sagt der Versicherungsmathematiker in einer aktuellen Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW). Ausgerechnet jetzt, wo die Politik den zehnten Geburtstag der Riester-Rente feiert und die Finanzbranche heftig darum wirbt, dass viele Bürger einen staatlich geförderten Altersvorsorgevertrag abschließen.

          Versicherer in Erklärungsnot

          Vor allem die Versicherer witterten ein Extrageschäft kurz vor Jahresende, denn 2012 sinken abermals die Garantiezinsen für Rentenversicherungen. Wer jetzt noch schnell eine Riester-Rente abschließt, so werben sie, der sichere sich noch 2,25 statt 1,75 Prozent. Angesichts der Ergebnisse von Kleinlein aber, die breit durch die Presse gingen, fragen sich viele Sparer: Wozu überhaupt noch riestern?

          Das hat natürlich die Versicherungsbranche nicht eben gefreut. Der Branchenverband GdV legte daraufhin eilig eine Gegenrechnung vor, um die Ergebnisse zu entkräften. Allerdings rechnete er mit Zahlen, über die selbst Aktuare den Kopf schütteln, weil sie die für "äußerst windig" halten. Kleinlein findet die eher amüsant: "Es sind lauter schöne, lustige Zahlen. Aber sie führen aktuariell zu keinen neuen Erkenntnissen." Den großen Vorwurf von der mickrigen Riester-Rendite jedenfalls konnten sie seiner Ansicht nach nicht entkräften.

          Auch Fondssparpläne erwischt es

          Auch der Fondsverband betonte: Kleinleins Berechnungen bezögen sich nur auf Versicherungsprodukte, Riester-Fondssparpläne beträfen sie nicht. Was so nicht stimmt. Denn die Studie moniert vor allem, welche hohen Kosten in der Auszahlphase der Verträge anfallen. Später nämlich muss das Kapital zwingend in eine Rentenversicherung umgeschichtet werden. Weil nur Versicherungen eine Monatsrente bis zum Lebensende auszahlen dürfen - auch wenn das angesparte Kapital längst aufgebraucht ist.

          Genau diese "Langlebigkeitsabsicherung" lassen sich die Versicherungen üppig bezahlen. Bis zu 30 oder gar 40 Prozent des angehäuften Geldes könnten sie bald dafür abzweigen, warnt die Studie. Für die Versicherer ist die Auszahlung ein riskantes Geschäft, deshalb rechnen sie vorsichtshalber mit langen Lebenserwartungen. Mit viel zu langen, kritisiert Kleinlein schon seit Jahren, deshalb lohnten sich die Verträge erst, wenn die Sparer steinalt werden.

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